Tests

Canon EOS 6D: Kamera mit Suchtpotenzial



Zugeordnete Tags Canon | EOS | Kamera
Bereiche

Bewertung
Canon EOS 6D
4,5

 Pro

  • Plastische und rauscharme Bilder
  • Vollformat
  • HDR-Aufnahmen möglich
  • GPS und WLAN-Funktion
  • Leiser Auslöser

 Contra

  • Kunststoffteile an der Gehäuseoberseite
  • fehlender zweiter Kartenslot
  • wenige Autofokussensoren

Bis zum Zeitpunkt ehe man eine neue Kamera in der Hand hat liest man hier Testberichte, schaut da Videos und hört von Bekannten das ein oder andere qualifizierte Statement. Gerade bei der Canon EOS 6D sind die Meinungen teils sehr kontrovers. Vor allem Nutzer der EOS 5D Mark III lassen kein gutes Haar an der „kleinen Schwester“ EOS 6D, die laut Canon im semiprofessionellen Bereich angesiedelt ist. Eine unverbindliche Preisempfehlung von 1.999 Euro und einem Onlinepreis von knapp 1.850 Euro ist für ein semiprofessionelles Gerät schon ein stolzer Preis – doch auf der anderen Seite durchbricht Canon mit dieser Kamera die 2.000-Euro-Grenze für Vollformat-Kameras. Dieser Preis ist für das Leistungs-Paket, dass die EOS 6D bietet, aber durchaus gerechtfertigt. GPS, WLAN-Modul, AF-Kreuzsensor bis LV-03, Vollformat und eine Kompaktheit, die eher an eine EOS 60D erinnert.

Sensoren

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Als grösstes Manko empfinde ich, dass die Kamera lediglich einen 11-Punkt-AF-Sensor aufweist von denen lediglich der zentrale Sensor ein Kreuzsensor ist. Doch dieser hat es in sich. Die Empfindlichkeit von -3LW gewährleistet, dass die Kamera scharf stellt, wenn andere schon resignieren. Während eine 40D oder eine 7D noch verzweifelt die Schärfe sucht, findet die 6D den Schärfepunkt. Faszinierend für mich war die Tatsache, als ich in einem dunklen Raum in dem ich selbst nichts mehr erkennen konnte, die Kamera trotzdem noch zielsicher scharfe Aufnahmen ablieferte. Aufgrund der geringen Anzahl der Autofokuspunkte sparte sich Canon die Möglichkeit mehrere AF-Punkte gruppieren zu können wie dies z.B. die EOS 7D oder die EOS 5 Mark III bietet. Eine Funktion, die ich an der 7D liebe und an der 6D schmerzlich vermisse. Jedoch sollte man so objektiv sein und bedenken, dass die Kamera für Aufsteiger gedacht ist und diese werden sich am Kreuzsensor erfreuen. Vermissen werden Nutzer die “fehlenden” Sensoren lediglich, wenn sie sie schon hatten. Richtig Spaß kommt auf, wenn man den Kreuzsensor in Verbindung mit der hohen ISO-Empfindlichkeit ausnutzen kann.

Trotz Dunkelheit...
... scharfe Aufnahmen.
Trotz Dunkelheit...
Iso und Verschluss

Offblende-Fotos bei Sonnenschein?

ISO 102.400 kann man – ohne große Bildbearbeitung – sicherlich als Marketing-Gag einstufen. Die Qualität der Bilder reicht für’s Familienalbum aus – aber kaum an die Qualitätsmaßstäbe heran, die der engagierte Fotograf an seine Fotos stellt. Absolut brauchbar sind allerdings die Fotos mit ISO 25.400.

Ein großer Punkt vieler Kritiker ist auch der Verschluss. Dieser beschränkt den Fotografen auf eine Verschlusszeit zwischen 30 – 1/4000s. 1/8000s bietet die EOS 6D nicht. Die Argumentation der Kritiker ist die vermeintliche Tatsache, dass damit keine „Offenblende“-Fotos bei Sonnenschein möglich sind. Als 7D-Nutzer ändert sich für mich nicht allzu viel, da die ISO-Empfindlichkeit hier erst bei ISO 100 beginnt – die EOS 6D fängt bereits bei ISO 50 an. Die Verschlussmechanik selbst ist für 100.000 Auslösungen ausgelegt. Diese Grenze habe ich mit noch keiner Kamera erreicht – der wahrscheinlichere Fall ist, dass die Kamera vom Nachfolger in Rente geschickt wird.

Gehäuse

GPS-Funktion dank Polykarbonat

Das Gehäuse selbst besteht aus einer hinteren und vorderen Gehäuseschale, die aus einer Magnesiumlegierung gefertigt sind. Das obere Gehäuseteil besteht aus Polykarbonat. Der Grund hierfür ist die GPS-Funktion der EOS 6D – vermutlich würde ein Empfänger unter einem Metallgehäuse keinen oder einen eingeschränkten Nutzen haben. Dieser Fakt zum Material wird wahrscheinlich erst relevant werden, wenn man die Kamera im harten Profialltag (Journalismus) nutzt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eher die Spiegelmechanik bei einem Sturz beschädigt wird als das Kunststoffgehäuse. Angenehmer Nebeneffekt hierbei ist sicherlich das leichte und – für eine Vollformat-Kamera – kleine Gehäuse. Jetzt kann man sagen: „Naja, GPS ist ein nettes Gimmick – wofür braucht man das schon“, doch im Zusammenspiel mit ADOBE Lightroom ist es viel mehr. Eine kostenlose Vollversion von ADOBE Lightroom liegt der Kamera bei. Im Reiter “Karte” sieht man, wo man Fotos gemacht hat und kann so Fotos problemlos zu unterschiedlichen Jahreszeiten vom gleichen Standpunkt aus wiederholen. Gerade wenn ich alte Fotos durchschaue frage ich mich öfter „wo war das nochmal“ – solche Fragen gehören in Zukunft der Vergangenheit an. Eine unheimliche Erleichterung ist die Funktion auch, wenn man ein Fotobuch über den letzten Urlaub erstellt und die Fotos den entsprechenden Örtlichkeiten zuordnen kann.

Ohne teures Zubehör lässt die EOS 6D dank ihrer WLAN-Funktion die Bildübertragung und Kamerasteuerung über das Smartphone, Tablet  oder PC zu. Gerade im Studio ein schönes Feature.

Als einziger, größerer Kritikpunkt fiel mir der fehlende Joystick zur Auswahl der Autofokusfelder auf. Gerade mit größeren Händen fällt das schnelle Aktivieren des gewünschten Feldes über das Multifunktionswählrad schwer. Hier würde wohl ein Hochformatgriff die Sache vereinfachen – testen konnte ich dies jedoch nicht

Bildqualität

Plastisch und extrem rauscharm

Jetzt endlich zum eigentlichen Fotografieren. Der 36 x 24 mm große CMOS-Sensor fängt das Motiv mit effektiv 20,2 Megapixel ein. Der Bildprozessor DIGIC 5+-Bildprozessor ist 17 mal schneller als der DIGIC 4, dies ermöglicht eine schnellere Datenverarbeitung. Auch eine HDR-Funktion ist bei der 6D “on-board” – allerdings funktioniert dies nur bei JPEGs. Doch was wirklich verblüffend ist wenn man sich die Fotos ansieht ist der Unterschied der Bildwirkung von APS-C zum Vollformat. Die Fotos wirken durch den geringeren Schärfebereich bei aufgeblendeten Objektiven fast plastisch und sind extrem rauscharm – vor allem im Vergleich mit der Canon-Diva EOS 7D. Vorsicht ist geboten mit hochlichtstarken Objektiven der Kategorie 1.2 und 1.4 – hier bestraft die Kamera den kleinsten Fehler bei der nachlässigen Fokussierung. Bei einer APS-C-Kamera fällt der Schärfebereich erheblich größer als bei einer Vollformat-Kamera aus, was gerade für Umsteiger vom APS-C-Format ab und an zu Frustmomenten führen könnte. Hier sind die Grundlagen der Fotografie unablässlich. Beherzt man jedoch das Zusammenspiel von Belichtungszeit und Blende wird man mit Fotos belohnt, bei denen man schon das Haar in der Suppe suchen muss.

Objektive

28mm/2.8 & 85mm/1.2 sind zu empfehlen

Zu einem absoluten Lieblingsglas hat sich mein “altes” 28mm/2.8 entpuppt. Mit diesem Objektiv ist die Kamera schön klein und unauffällig und quasi immer dabei. Was an der 7D-Kamera ein Normalobjektiv ist, ist an der 6D ein schönes Weitwinkel, welches für Reportagen, Gruppen- und Landschaftsaufnahmen sehr gut geeignet ist. Verglichen mit der 18mm-Einstellung des APS-Kit-Objektivs hat das 28 mm eine geringere Verzeichnung und bildet wesentlich schärfer ab. Trotz der (fast) gleichen Brennweite wirken die Fotos harmonischer.

Ihre Stärke spielte die 6D bei meinem Test allerdings mit einem geliehenen 85mm/1.2 L-Objektiv aus. Gerade wenn es um stimmungsvolle Avaible-Light-Fotos geht, ist die Kamera mit ihrer ISO-Empfindlichkeitsreserve und dem empfindlichen Kreuzsensor in Verbindung mit lichtstarken Objektiven ein Garant dafür, dass man später Fotos präsentieren kann, die weit entfernt von “Schnappschüssen” sind und die für den ein oder anderen WOW-Effekt sorgen. Vorsicht ist geboten bei Portraits. Als erste Wahl für Hochzeitsfotografie hat sich die Kamera für mich mit ihrem “lautlosen auslösen” qualifiziert. Ohne zu stören lassen sie hier Fotos in der Kirche oder Standesamt machen. Bei der 7D erntete ich schon mal den genervten Blick des Pfarrers – bei der 6D wird man gar nicht mehr wahrgenommen.

Speicherkarte

Kein Back-Up-Slot

Die Fotos speichert die EOS 6D auf SD-Speicherkarte, die im einzigen Slot steckt – auch dies bemängeln viele Foristen, denn die professionelle EOS 5D Mark III bietet einen “Back-up-Slot”. Bisher habe ich noch keine Fotos durch eine defekte Speicherkarte “verloren”. Dies liegt aber wahrscheinlich auch an der Tatsache, dass ich Speicherkarten nicht beim Billigsten kaufe. Ähnlich wie früher in der analogen Fotografie setze ich hier auf die Qualität der “Großen” (SanDisk, Lexar) und kaufe diese auch nicht über Ebay. Die Produktpiraterie macht auch nicht vor Speicherkarten halt, weshalb ich lieber 5-10 Euro mehr auf den virtuellen Tresen lege, dafür aber Qualität vom Hersteller bekomme. Auf Grundlage von mehreren Messergebnissen verschiedenster Quellen entschied ich mich für eine SanDisk Extreme 45MB/s. Diese Karte bietet eine konstante Schnelligkeit, die über der der Kamera liegt. Wer sich für eine schnellere Karte entscheidet, spürt den Unterschied nur bei der Übertragung der Bilddaten auf den Rechner. An der Kamera selbst ist dies nicht relevant.

Fazit

Tolle Leistung für den Preis

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Kamera einen echten Mehrwert gegenüber dem APS-C-Format bietet und den Fotografen mit kontrastreichen und scharfen Fotos “out-of-camera” belohnt. Die RAW-Daten der Kamera haben großes Potential, die bei der späteren Nachbearbeitung quasi keine Wünsche offen lassen. Beim Umstieg auf das Vollformat ist eine Umgewöhnung erforderlich, weil der Schärfeverlauf der größte Unterschied des Vollformat-Sensors ist. Die “Kunststoffteile” an der Gehäuseoberseite, der fehlende zweite Kartenslot und die “wenigen” Autofokussensoren kann ich verschmerzen –  spart man doch rund 1000 Euro gegenüber dem nächst höherwertigen Modell. Geld, das man am Besten in gute Objektive wie zum Beispiel in das neue 28mm/2.8 IS und das 50mm/1.4 investiert. Oder man gönnt sich gleich ein Kit. Nur das Gehäuse gibt es zusammen mit dem Adobe Software Bundle für 1.704 Euro bei Cyberport.

RSS-Feed

Werde Autor!

Dieser Beitrag wurde von veröffentlicht.
hat bereits 9 Artikel geschrieben.
Sei auch dabei: Werde jetzt Autor und teile dein Wissen!

Kommentieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

Ähnliche Beiträge

Canon EOS 100D im Test

Tests

17.09.2013

 | Rico Alberski

Gestatten: Das ist sie – die kompakteste und leichteste Spiegelreflexkamera aus dem Hause Canon, die auf den Namen EOS 100D hört und von mir eine Woche lang getestet wurde. Natürlich hatte ich in erster Linie eine entscheidende Frage: Kann... mehr +

Sigma & Tamron: Lichtstarke Objektive für den schmalen Geldbeutel

Tests

30.04.2012

 | Frank Meuche

Günstige Alternativen für ambitionierte Fotografen zu Canon-Objektiven. Wovon man bei Originalherstellern von Objektiven nur träumen kann, gehört beim Fremdhersteller zum Lieferumfang. Die Gegenlichtblende und eine passende Aufbewahrungstasche... mehr +