Produkttest: Philips Network Music Player NP3900

von jakob-bokelmann

· 7 min Lesezeit

Produkttest: Philips Network Music Player NP3900

Gut gemeint, schlecht umgesetzt: Streaming für jedermann
Streaming heißt das Zauberwort, mit dem die Multimediaindustrie schon seit Längerem aufwartet, um die digitale Vernetzung der eigenen vier Wände zu revolutionieren. Viele Streaming-Dienste gehören schon längst zum Repertoire der technikaffinen Gesellschaft, andere müssen sich erst noch durchsetzen: Video-on-Demand-Lösungen sind in neuen Fernsehern oftmals bereits integriert, Musik-Streaming über Anbieter wie simfy, spotify oder rara lassen den digitalen Datenwust auf der heimischen Festplatte in immer mehr Haushalten schwinden, Fotos können über unterschiedliche Cloud-Dienste abgerufen werden. Doch dass Musik, Filme und Bilder, die auf Smartphone, Laptop oder den Fernseher gestreamt werden, drahtlos auf anderen Geräten gehört, gesehen oder verarbeitet werden können, ist momentan noch Zukunftsmusik. Zumindest eine dieser Lücken versucht Philips mit dem Network Music Player NP3900/12 zu schließen, über den Musik aus dem Internet und vom Computer oder Laptop drahtlos übertragen werden kann.
Edles Design und hochwertige Verarbeitung…
Für Philips kein unbekanntes Terrain, gilt der Hersteller doch als Pionier in Sachen Streaming. Der Network Music Player ist eine Weiterentwicklung von bereits auf dem Markt etablierten Produkten der sogenannten Streamium-Serie, die Audio-Streaming im Kompaktformat ermöglicht. Eine hohe Bürde lastet also auf dem neusten Zuwachs der Streamium-Familie, die in punkto Design definitiv erfüllt wird: Die längliche Lautsprecherfront wird von einer gebürsteten Aluminiumleiste eingerahmt, der Korpus macht trotz vorwiegender Plastikpräsenz einen hochwertigen Eindruck. Die drei an der Oberseite des Gerätes befindlichen Tasten zum Ein- und Ausschalten, zur Lautstärkeregulierung und zum Stummschalten haben einen guten Druckpunkt und wackeln nicht – auf den ersten Blick scheint Philips mit dem Network Music Player ein robustes und durchdachtes Stück Technik entwickelt zu haben.

Schönes Design, nette Displayanzeige“

Doch ein Blick auf das Zubehör relativiert diesen Eindruck bereits: Eine Anleitung ist nicht beigelegt, lediglich ein bebildertes Faltblatt hilft bei der Orientierung – eine herbe Enttäuschung bei einem Gerät in dieser Preisklasse. Immerhin wird eine ausführliche Anleitung als PDF auf der Philips-Website zur Verfügung gestellt. Und die nächste Enttäuschung lässt nicht lange auf sich warten: Die UPnP-Software (TwonkyMedia Server), die PC oder Mac zum Multimedia-Server macht und Musik-Streaming auf den Network Music Player ermöglicht, wird auf einer Minidisc geliefert, ist für Nutzer von MacBooks, iMacs und anderen Computern mit Einziehlaufwerk also nutzlos. Das wäre halb so schlimm, würde Philips die Streamium-Software auf seiner Produktwebsite zum Download anbieten. Ein kurzes Telefonat mit dem Philips-Kundenservice ergab, dass die Software des Vorgängermodells NP2900 auch mit dem NP3900 funktionieren solle. Die Browserapplikation ist zwar kaum bedienbar, funktioniert aber tadellos. Der komfortable Zugriff auf die Medienbibliothek via iTunes fehlt allerdings.

Der TwonkyMedia Server: Ein liebloses Stück HTML“

…treffen auf lieblose Umsetzung
Die Ersteinrichtung verläuft trotz erster Enttäuschungen dann aber reibungslos: Mit meinem WPA2-Protokoll mitsamt aktivierter Zugangskontrolle über eindeutige MAC-Adressen hatte das Gerät keinerlei Schwierigkeiten. Für verzweifelt Suchende: Die MAC-Adresse des Network Music Players befindet sich auf der Geräteunterseite auf einem Kleber unterhalb der Seriennummer – ein Umstand, der leider weder im Faltblatt noch in der Onlineanleitung Erwähnung findet. Nach dieser anfänglichen Hürde verbindet sich der Network Music Player über den Router mit dem Internet; ein aktuelles Softwareupdate wird automatisch innerhalb weniger Minuten heruntergeladen und installiert. Der Startbildschirm gliedert sich pragmatisch-übersichtlich, aber ein wenig lieblos in die sechs Menüpunkte Internetradio, Medienbibliothek, Docking, Mp3 Link, Einstellungen und Onlinedienste. Wer kein GUI-Designfetischist ist, kann aber gut mit der Darstellung leben.

Per Klick auf das jeweilige Icon werden die einzelnen Menüpunkte angewählt. Als nervtötend erwies sich dabei vor allem der farbige LCD-Touchscreen, der ob des langsamen Prozessors nur sehr behäbig reagiert. In Verbindung mit der alphabetischen Doppelbelegung von Tasten spannt der Network Music Player damit so manchen Geduldsfaden, wenn es um die Eingabe von Radiosendern oder die Auswahl von Optionen geht. Der von Smartphones gewohnte Fingerwisch über den Bildschirm funktioniert trotz Touchscreen ebenfalls nicht – umständlich muss der Nutzer per Pfeilsteuerung einzelne Menüpunkte anwählen. Derartige Abstriche im Bedienkomfort sind nicht nur ärgerlich, sondern auch überflüssig und führen schnell zu Frustration. Zugute halten muss man dem Gerät, dass die Bedienung per mitgelieferter Fernbedienung rasch vonstatten geht. Damit wird die Fernbedienung für Vielnutzer unverzichtbar, weil sich bestimmte Funktionen leider auch nur über diese abrufen lassen: Das Hinzufügen von Radiostationen als Lieblingssender ist per Touchscreen zum Beispiel nicht möglich.

Die Klangqualität beeindruckt…
Doch wo viel Schatten ist, da gibt es auch Licht: An der Klangqualität gibt es rein gar nichts auszusetzen. Und damit erfüllt der Network Music Player seine primäre Funktion mit Bravour: Aus dem Internet gestreamte Musik wird annähernd ohne Verzögerung abgespielt und kommt abhängig von der Streamqualität glasklar, mit deutlich definierten Tiefen und Höhen und sattem Bass aus dem kleinen Gehäuse. Dem Musikgenuss über die riesige Radiodatenbank steht somit nichts mehr im Wege. Das Musik-Streaming konnte ob fehlender Software nicht getestet werden; die Rubrik Onlinedienst unterstützt bis dato nur den Anbieter Napster. Das ist reichlich schwach, denn Freunde von simfy, spotify, rara, grooveshark oder hypem müssen den Weg über iTunes nutzen, um in den Genuss von Onlinemusik zu kommen – wenn denn die iTunes-Unterstützung funktionieren würde, wäre das zu verkraften. Ein weiterer Minuspunkt: Logo und Sendername werden im Display nicht richtig dargestellt, sondern überlappen sich unschön. Immerhin funktioniert die MyRemote-App von Philips tadellos, wenngleich sie auf meinem iPhone 4 ebenfalls recht träge daherkommt und von der Umsetzung nicht an die Apple-App Remote herankommt.

Philips MyRemote: Funktionstüchtige, aber träge App“

…die Zusatzfunktionen hingegen weniger
Die Docking-Station, die Musik vom iPhone oder iPod Touch auf den Network Music Player bringt und gleichzeitig als Ladestation dient, ist nicht im Lieferumfang enthalten, sondern gehört mit 50€ zu einem recht kostspieligen Zubehörartikel. Alternativ funktioniert die Wiedergabe von Musik über ein handelsübliches Line-In-Kabel, das den Vorteil hat, dass auch andere MP3-Player angeschlossen werden können. Die Bedienung über den Touchscreen wird über diese Variante aber natürlich nicht unterstützt. Fast schon anachronistisch muten die Einstellungsmöglichkeiten des Network Music Players an: Ich bin kein Mensch, der sich gerne in einem Chaos von Optionen verliert, etwas mehr Freiheiten als die Bestimmung des Wiedergabemodus (Zufallswiedergabe, Wiederholung) und Höhen- und Tiefeneinstellungen hätte ich bei einem Gerät dieser Preisklasse aber doch gerne – ein vernünftiger Equalizer sollte Standard sein.

Nette Zusatzfunktionen wie ein Sleeptimer und ein Wecker mit der Möglichkeit von einmaligem, täglichem und wochentäglichem Wecken sind vorhanden; abgespielt wird zur gewünschten Uhrzeit die zuletzt verwendete Signalquelle oder ein Signalton. Im Falle des Internetradios hat mich der Network Music Player zuverlässig mit Musik meines Lieblingssenders geweckt, im Test mit einem per Line-In-Kabel angeschlossenen iPhone hat das hingegen nicht funktioniert – immerhin greift das Gerät dann auf den Signalton zurück und lässt den Nutzer damit nicht verschlafen. Auffällig ist jedoch, dass die WLAN-Empfangsqualität für einen Netzwerkspieler unzureichend ist: Teils wurde der Empfang selbst wenige Meter vom Router entfernt auf der üblichen Balkenskala als schlecht angezeigt.

Fazit
Für Menschen ohne Audiosystem ist der Philips Network Music Player NP3900/12 ein brauchbares System, das mit einer gute Klangqualität aufwarten kann – und auch als Zweitgerät macht der Netzwerkspieler eine gute Figur. Deutliche Abstriche müssen allerdings in der Bedienung per Touchscreen und per App hingenommen; hier sollte Philips mit einem Firmware- bzw. Softwareupdate dringend nachbessern. Auch die unzureichende Streaming-Software ist ein deutlicher Minuspunkt. Wer nur nach einer Möglichkeit zum Musikabspielen sucht, ist bei einem Preis von 234,90€ wahrscheinlich besser damit beraten, den Kauf von gutenLautsprechern oder einer Kompaktanlage zu erwägen.

Wer eine komfortable Streaming-Lösung sucht oder sein Streaming-Netzwerk mit neuer Hardware erweitern will, kann mit dem Network Music Player hingegen wenig falsch machen, sollte aber unbedingt im Fachgeschäft Hand an die Bedienung legen und eine Möglichkeit haben, die Software per Minidisc auf seinem Computer zu installieren. Mit ein wenig Bastelei geht es allerdings auch deutlich einfacher: Die Apple Airport Express-Basisstation lässt sich unter OSX und allen gängigen Windows-Betriebssystemen bis XP ohne Probleme in ein bestehendes Netzwerk einbinden, eine Erweiterung auf mehrere Exemplare funktioniert ebenfalls reibungslos. Mit Apps wie Remote ist die drahtlose Steuerung via Smartphone zudem deutlich komfortabler als mit der Philips MyRemote-App.

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