Das Ende von Google+ und den Datenschutz?
Facebook Timeline: Die einen sind empört, die anderen begeistert, doch kaum einer hat es.
Kaum schlossen die Tore der dmexco (Digital Marketing Exposition & Conference) in Köln mit einem neuen Rekord von fast 20.000 Besuchern, stand auch schon das nächste Highlight an: Die Entwicklerkonferenz f8 von Facebook. Mit Spannung erwartet und eines der großen Themen in den Messehallen, enttäuschte Mark Zuckerberg – bei den 18:45-Uhr-Nachrichten eines großen Privatsenders auch gern als Mark Suckerberg bezeichnet – nicht, außer vielleicht Herrn Dr. Thilo Weichert, den Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD). ;-) Was bringt das neue, große Feature mit sich, was gab es noch auf der Conference und was ist mit der großen Datenschutz-Debatte? Denn die Datenschützer scharen bereits mit den Hufen, ohne dass sie das Features wahrscheinlich bereits nutzen können.
Facebook Timeline erinnert mich auf den ersten Blick nicht nur von seinem Namen her, sondern auch durch seine Aufmachung ein wenig an Apples Time Machine. Als Facebook-Developer konnte ich mein Profil bereits umstellen und einen ersten Einblick ins Zuckerbergs neues Baby gewinnen. Nachdem erst vor ein paar Tagen dem Datenschutzbedenken des ULD ein wenig der Wind aus den Segeln genommen wurde und dieses wieder aus den Medien verschwunden war, dürfte das neue Feature wohl für noch mehr Wirbel sorgen, lege es doch laut einigen unqualifizierten Kommentaren in der Medienlandschaft unser komplettes Leben offen und bedeute es den Tod des Datenschutzes im Internet überhaupt. Bevor ich später im Artikel etwas ausführlicher auf die Problematik eingehen möchte, nur kurz folgender, anschauliche Ausflug: Erstens entscheide immer noch ich als Facebook-User, welche Bilder ich hochlade oder ob ich meinen Kino-Besuch als Check-In mitteilen möchte und zweitens bereitet Timeline unser Profil optisch nur ansprechender auf und nutzt dafür lediglich die freigegeben Daten. Wenn ich also meinen Bruder bei Facebook entsprechend bei Facebook als solchen angebe und dieser seine Geburtsdatum angibt, erscheint dies auch in meiner Timeline. Sind beide Informationen nicht vorhanden, gibt es auch keine Verknüpfung und somit kein Eintrag in meiner Timeline, die ich nur meinen Freunden freigegeben habe.
Mit Timeline präsentieren die Facebook-User in Zukunft ihre Fotos, Videos, Links, Check-Ins und Statusmeldungen mit dem jeweiligen Datum und gegebenenfalls dem Ort und weiteren Informationen übersichtlich und systematisch in einem Zeitstrahl – und das, wenn man sein Geburtsdatum angegeben hat, von der Geburt an. Da mit zunehmendem Alter auch die Informationen mehr werden, kann man in der Timeline die wichtigen Informationen von den unwichtigeren trennen. Einige bezeichnen Timeline als digitalisierten Lebenslauf. Dem kann ich mich anschließen. Da man in seinen Lebenslauf auch nur die jeweils wichtigsten Informationen schreibt, wird man dies auch bei Facebook in der Timeline tun.
Sofort fällt auf, dass zum Beispiel bei Bilderalben statt einem einzigen Bild aus dem Album nun mehrere in verschiedenen Layouts das Anschauen des Albums schmackhaft machen. Auch im Newsfeed wird den Bildern mehr Platz gewährt, wecken sie doch schneller das Interesse als reiner Text. Places der letzten Check-Ins werden mit Timeline übersichtlich nach Monat oder Region zusammengefasst. Neben all der übersichtlicheren Anordnung von Informationen und Interaktionen in der Timeline fällt vor allem das stylishe, neue Layout mit dem großen Coverbild ins Auge, das neben dem Profilbild, den wichtigsten Daten zu meiner Person (Job, Studium, Wohnort, Beziehungsstatus, Sprachen, …), meinen Freunden, den Fotos, in den ich markiert bin, den Orten, in die ich eingecheckt habe oder meinen Likes nahezu Display-füllend präsentiert. Neben den vier Feldern unter dem Coverbild, kann ich weitere mit Notizen, Subscribers und Apps einblenden lassen bzw. auch die Positionen untereinander tauschen.
Klickt man zum Beispiel auf seine Freunde, bekommt man endlich eine ansprechende Auflistung, die mit der langweiligen Version von früher nichts mehr gemeinsam hat, außer halt die Freunde, wenn man sich nicht wieder aus seiner Freundesliste gelöscht hat. ;-) Beim Klick auf Fotos bekommt man neben seinen Alben und Videos auch die nach Jahren sortierten Bilder zu sehen, in denen man markiert ist, unter Maps eine Karte mit den Check-Ins sortiert nach Kategorie (Shopping, Transportation oder Lodging) und unter Likes endlich auch eine übersichtlichere Auflistung der Seiten nach Jahren und Kategorien und auch mit der schnelleren Information darüber, welche davon auch von meinen Freunden geliked wurde.
Während Facebook mit Timeline also eine Art digitalen und vor allem optisch ansprechenden Lebenslauf als Wachablösung des langweiligen Profils aus den Hut gezaubert hat, heben Top-Stories im Newsfeed die für mich interessantesten Meldungen hervor und der Ticker am rechten Bildschirmrand zeigt Live-Informationen zu den Interaktionen meiner Freunde an. Das erste Echo zu den auf der f8 vorgestellten Neuerungen ist recht zweigeteilt. Die einen lieben die neue Timeline, die anderen finden sie viel zu überladen. Ich liebe sie. Andere wünschen sich das alte Facebook zurück, aber welches ist das perfekte, alte Facebook? Die Welt an sich, als auch die Welt im Internet ändert sich und somit auch das Verhalten. Nachdem wir alle froh waren, endlich „drin zu sein“, begannen wir, unsere Informationen mittels Suchmaschinen zu suchen. Heutzutage vertrauen wir auch beim Online-Kauf eher der Meinung eines Freundes als einer für uns anonymen Bewertung. Immer mehr Informationen zieht man sich über den Newsfeed heran, sodass es wichtiger denn je ist, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und auch die Informationen zur eigenen Person übersichtlicher zu präsentieren.
Und dann haben wir nach der f8-Entwicklerkonferenz gleich wieder die Datenschützer auf der Matte, die sofort wieder von ihren Ruhesesseln aufsprangen und in den neuen Facebook-Features den Tod des Datenschutzes im Internet sehen. Diesem Thema konnte man auch auf der dmexco nicht entfliehen, wurden die Facebook-Mitarbeiter aus Hamburg und Dublin doch permanent darauf angesprochen. Da pochen einige auf den Datenschutz, ohne das Pferd mal wenigsten vom Schwanze her aufzuzäumen, statt nur das Gesicht „des Bösen“ sehen zu wollen. Man stellt Facebook und den Like-Button an den Pranger, ohne das eigentliche Problem anzugehen: Den User. Man kann das Unkraut oberhalb der Erde abschneiden, doch effektiv ist nur der Griff nach der Wurzel. Vor 15 bis 20 Jahren hat doch auch fast jeder freiwillig seine Daten hergegeben, nur weil der Gewinn eines Autos vor dem Supermarkt in Aussicht gestellt wurde. An Umfragen wurde teilgenommen, ohne dass sich jemand einen Kopf gemacht hat, was man gerade tut. Damals hat auch kein Hahn gekräht und die Datensammler großartig angeprangt, denn man findet sie noch heute – so zum Beispiel auch auf der dmexco an den Ständen. ;-)
Eh man immer sofort mit den Finger auf den Branchenprimus Facebook zeigt, sollte man kurz nachdenken, wie das Internet funktioniert und das auch Google & Co. Informationen von uns sammeln. Jeder Webseiten-Betreiber wertet aus, woher seine User kommen, um so entsprechend agieren zu können, damit seine Seite noch mehr Traffic bekommt. Gibt es im Wald keine Pilze, kann auch niemand kommen und diese sammeln. Deswegen sollte man dort ansetzen, wo das Datenschutzproblem seinen Ursprung hat, nämlich beim User. Was heutzutage von Usern öffentlich im Internet preisgegeben wird, ist kaum noch in Worte zu fassen. Die einen stellen stolz ihre Bilder vom Abschuss von letzter Nacht für alle frei zugänglich ins Internet, die anderen informieren uns, dass sie gestern Abend wieder jemanden kennengelernt haben und … egal, ich möchte das an dieser Stelle nicht unnötig ausweiten.
Jedenfalls sollten die Minister und Datenschützer vielleicht mal überlegen, ob man die aktuellen und vor allem auch die zukünftigen Internet- und Social-Network-Nutzer nicht mal von sich aus über die Gefahren informieren möchte, so zum Beispiel in der Schule. Während es vielleicht für die ältere Generation tatsächlich teilweise etwas kompliziert ist, die entsprechenden Einstellungen vorzunehmen, damit nicht jeder mitlesen kann, geht doch vor allem die Jugend mit dem Thema viel zu leichtfertig um und das nicht, weil sie nicht wissen, wo sie den Haken setzen müssen, sondern weil sie schlichtweg zu faul ist und nicht nachdenkt. Natürlich ist es einfach zu sagen, dass es die Aufgabe von Facebook, Google & Co. sei, sich um den Datenschutz zu kümmern, aber wäre es doch kontrovers, wenn man sich ein Profil im Social Network anlegt, ohne dass man von anderen gefunden wird oder mit seinen Freunden entsprechend interagieren kann. Facebook zwingt ja niemanden, sein Profil für alle offenzulegen oder die Like-Buttons auf den Webseiten zu drücken, damit man anderen auf einfache Weise interessante Inhalten zeigen kann. Natürlich werden im Internet Daten gesammelt und das nicht erst seit gestern.
Plattformen wie Facebook oder Suchmaschinen wie Google finanzieren sich über Werbung und diese macht für Hersteller und Reseller nur Sinn, wenn Streuverluste so gering wie möglich gehalten werden. Dafür verwendet man die Daten, die ein User in seinen Profilen angibt bzw. Google die Informationen, die aus dem Surfverhalten gewonnen wurden. Wenn ich Facebook zum Beispiel nicht verrate, dass ich beispielsweise Technik und Autos liebe oder Single bin, erspare ich mir entsprechende Werbeanzeigen, die einige sofort wieder als nervig in den Raum stellen, ohne sich mal zu fragen, warum man sie angezeigt bekommt. Ohne Werbung müssten wir alle für Dienste wie Facebook oder StudiVZ bezahlen, denn es gibt nichts gratis im Leben. User sollten, wenn sie schon mehr Informationen als zur Registrierung notwendig angeben, gefälligst auch selbstständig darauf achten, wer diese einsehen kann. Muss wirklich jeder wissen, was man wann, wo und mit wem gemacht hat?
All diese Diskussionen lenken schon wieder viel zu sehr von den wichtigen Dingen unseres digitalen Lebens der Zukunft und den weiteren Neuerungen bei Facebook ab. Und das wird – zumindest bei Facebook – noch sozialer. Hierfür gab Mark Zuckerberg am Donnerstag die Kooperationen mit Musikdiensten wie Spotify oder Soundcloud, Videoplattformen wie Netflix, Hulu oder MyVideo oder im Gaming-Bereich bekannt. Einige, wie Spotify oder Netflix, werden aber zum Start nicht in Deutschland angeboten, doch lassen sich diese über Umwegen auch hierzulande bereits nutzen. Tina Kulow von Facebook Deutschland sagte: „Die Idee dahinter ist viel größer“. Mittels Timeline und den Live-Ticker kann man in Zukunft seinen Freunden bei Facebook mitteilen, was man sich gerade für einen Film oder eine Serie anschaut, welches Buch man verschlingt, welches neue Album man hört oder wo man gerade mit dem Bike unterwegs ist – quasi ein Live-Schulhof 2.0. Früher haben wir uns am nächsten Tag auf dem Schulhof versammelt und über das Abendprogramm vom Vorabend, den neuesten Kinofilm oder das Fussballspiel vom Wochenende diskutiert. Ab sofort verlagern wir den Schulhof aus unserer Kindheit ins Internet. Man muss dazu nicht mehr mit mehren Leuten chatten, Informationen umständlich per E-Mail weiterleiten, sondern lediglich Facebook öffnen.
Und warum das alles? Ich versuche die Antwort in Form von Fragen zu geben: Wie viele eurer Freunde oder Bekannten seht ihr regelmäßig? Wie viele eurer Schulkameraden leben noch in Deutschland? Wer führt noch Brieffreundschaften mit Menschen fernab der eigenen Heimat? Im Social Web kommuniziert man problemlos mit den Freunden in aller Welt, teilt mit ihnen die Bilder vom letzten Urlaub, lässt die in allen Ecken der Welt verstreute Verwandtschaft am Leben des Neugeboren teilhaben und feiert zusammen den Sieg seiner Lieblingsmannschaft beim Turnier in weiter Ferne.
Noch ist die neue Timeline nicht für jeden verfügbar, sondern lediglich für Developer. Man kann sich allerdings schon mal vormerken lassen, denn laut Mark Zuckerberg wird es wohl noch etwas dauern, bis es für jeden möglich sein wird, seinem Profil einen neuen Anstrich und vor allem neuen Möglichkeiten geben zu können. Einige Nörgler wird es natürlich wieder geben, die nach dem alten Facebook schreien. Am Besten fragt man sie gleich mal, welches alte Facebook sie eigentlich meinen. Die Frage werden die wenigsten von ihnen aus dem Stand beantworten können.
Nachdem Google+ einen fulminanten Start hinlegte, die Medien außer sich vor Freude waren, Facebook der große Mitgliederschwund vorhergesagt wurde und das Google-Netzwerk inzwischen mehr 25 Millionen Nutzer hat, ist es in letzter Zeit sehr ruhig geworden. Zwar konnte Google mit seinen Circles und den Hangouts punkten, doch zog Facebook nun mit seinen neuen Freundeslisten nach bzw. mit der Präsentation der neuen Timeline in meinen Augen auch eindeutig wieder an seinem „Konkurrenten“ vorbei. Auch wenn der Video-Chat bei Facebook nicht wirklich angenommen wird, hat Mark Zuckerberg mit seinem Netzwerk einen entscheidenden Vorteil: Aktive User. Während bei Google+ nur etwa zwei bis drei Millionen das Netzwerk regelmäßig nutzen, konnte Facebook letzte Woche erstmals 500 Millionen Nutzer vermelden, die an einem einzigen Tag bei Facebook aktiv waren. Hielt Google zu lange an seiner Politik fest, Google+ nicht gleich für alle frei zugänglich zu machen? Bei den VZ-Netzwerken geht mit der Nutzerzahl auch die Profitabilität den Bach hinunter. Damals hätte man vielleicht ein gutes Angebot annehmen sollen, denn wie so oft bestätigt sich die Weisheit: Wer zu lange zögert, verliert. Und wer nicht mit innovativen Features punkten kann, hat ebenso wenig Chancen, vor allem wenn der Branchenprimus inzwischen fast 800 Millionen Nutzer verweisen kann.
Fazit:
Facebook Timeline finde ich klasse. War das alte Profil doch eher so interessant wie ein Rennen zwischen einem Sportwagen und einem Dreirad, wirkt das neue Profil hipp und einladend. Gespannt sein darf man auch auf die Kooperationen mit Spotify, Netflix und Co., die ich bereits jetzt nutze und bei denen ich den die soziale Verknüpfung bislang vermisst habe.
Was haltet ihr von den neuen Facebook-Features? Was denkt ihr über das Datenschutzthema? War es der große Schlag gegen den kürzlich aufstrebenden, aber nun dahinvegetierenden Konkurrenten mit über 90% inaktiven Nutzern?




















