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Produkttest: Siemens Gigaset SL910 und Freisprech-Clip Siemens L410



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Die kommunikative Pararevolution made in Germany
Mein bisheriges Festnetztelefon war ein seelenloser schwarzer Plastikklotz, schnurgebunden. Der im Auftrag von Kabel BW entsandte Elektriker, der mir vor zwei Jahren die Internet- und Telefonverbindung in meiner ersten eigenen Wohnung einrichtete, konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er den Vertragsunterlagen entnahm, dass ich bei der Bestellung im Internet die kostenlose Option „Analoges Telefon inklusive“ angewählt hatte. Mit einem Grinsen holte er aus einem farblosen Karton das klobige Gerät, ließ den LAN-Stecker einrasten und überließ mich meinem Schicksal. Argwöhnisch betrachtete ich den tiefgezogenen Haufen Kunststoff, der ohne Kurzwahltaste, Rückruffunktion, die Möglichkeit einer Lautstärkeregelung, ein Adressbuch oder gar ein Display seinen Platz im Regal gefunden hatte.
Die fehlenden Funktionen interessierten mich allerdings herzlich wenig, denn bereits der Umstand, dass der schnurgebundene Klotz hinter der Schlafzimmertür am Kabelmodem hing und mit seinen Aktionsradius von knappen 90 Zentimetern jede Interaktion mit Sitzgelegenheiten unterband, schmälerte die Lust, überhaupt Telefonate mit meinem brandneuen Festnetzapparat zu führen. Statt mich in die staubige und dunkle Zimmerecke zu hocken, wählte ich stattdessen den bequemen Weg und reizte mein iPhone-Flatrate-Paket beim rosafarbenen Riesen bis zur letzten Minute voll aus. Lange 24 Monate fristete mein kundenbindendes Kabel BW-Geschenk ein trostloses Nischendasein, nur alle paar Wochen unterbrochen durch einen sorgenvollen elterlichen Anruf, wenn der Akku des iPhones Schwäche zeigte. Nach dem Umzug in meine zweite eigene Wohnung ergatterte der Plastikklotz zwar einen Ehrenplatz neben dem Kopierer auf dem Schreibtisch – das Kabelmodem ist jetzt im Arbeitszimmer angeschlossen –, bekommt seit der vergangenen Woche aber nicht einmal mehr einen mitleidvollen Blick zugeworfen: Denn das Siemens Gigaset SL910 (Standardversion, auch als SL910A mit Anrufbeantworter und als zusätzliches Mobilteil SL910H zu erwerben) hat Einzug in mein Technikrepertoire gehalten und das bisherige Festnetztelefon zum bloßen optischen Störfaktor degradiert.

Die Siemens-Produktspitze: Das Gigaset SL910
Siemens erweitert mit dem Topmodell Gigaset SL910 seine Produktpalette um ein Telefon der Spitzenklasse und versprach bei Markteinführung nicht weniger als eine Revolution der Festnetzkommunikation. Denn das SL910 ist das erste auf dem Markt erhältliche Haustelefon, das mit Full-Touch-Display und ohne analoge Tastenwahl daherkommt. Diese Selbstbewusstheit spiegelt sich bereits in der Verpackung wider: Zuoberst in dem schlichten schwarz-orangefarbenen Karton liegt das ersehnte Produkt in einem schwarzen Pappinlay versenkt. Das erinnert nicht nur in der Präsentationsart stark an das iPhone, auch das Design des SL910 ist mit seiner hochglänzenden Rückseite und dem dominanten Display deutlich an das Kultprodukt aus Cupertino angelehnt und allein von der Haptik definitiv kein billiges Allerweltsprodukt. Anders als bei Apple fällt der weitere Inhalt allerdings deutlich üppiger aus: Ein separater Akku lässt einen Akkutausch im Falle starker Abnutzung ohne weiteres zu, eine metallisch glänzende Ladestation ermöglicht die stilvolle Präsentation des SL910 auf Regal, Schreibtisch oder Sideboard, eine über 100 Seiten starken Anleitung in deutscher Sprache macht das umständliche Hantieren mit eBooks überflüssig, die kleine Basisstation ermöglicht den Anschluss mehrerer kabelloser Apparate in einem Haushalt und beiliegende Netzstecker, Telefonkabel und USB-Kabel versprechen darüber hinaus einen sofortigen Kommunikationsstart.

Homescreen mit Wählziffern
Widgets
Anrufbeantworter
Basisstation von oben
Basisstation von oben
Siemens Gigaset SL910″

Der Anschluss- und Praxistest
Ohne einen ersten Blick in die Anleitung werden Ladeschale und Basisstation mühelos verkabelt. Positiv fällt dabei auf, dass Netzstecker und Telefonkabel plan in der Geräterückseite verschwinden und die lästige, aber notwendige Blackbox so ohne zu wackeln an der Wand montiert oder in eine Ecke verbannt werden kann. Nette Funktion am Rande: Ist die Basisstation per LAN-Kabel mit dem Router verbunden, wird die Firmware automatisch und ohne Nachfrage aktualisiert. VoIP-fähig ist das SL910 damit von Haus aus aber leider noch nicht, wenngleich eine VoIP-Benutzung mit sipgate schon möglich ist – eventuell wird hier mit einem Update noch nachgebessert. Doch genug der träumerischen Zukunftsmusik: Genauso problemlos lässt sich die Basisstation per TAE-Adapter an den Telefonausgang meines Kabelmodems anschließen – flugs verbinden sich SL910 und Basisstation und dem ersten Test steht nichts mehr im Wege. Eine aufgeräumte und intuitiv zu bedienende Oberfläche in dezentem schwarz-weiß-orange beweist, dass die Produktdesigner bei Siemens mehr getan haben, als ein Festnetz-iPhone zu entwickeln: Der Anwender kann aus drei teils konfigurierbaren und übersichtlichen Homescreens seine persönliche Startseite sowie ein Ruhedisplay auswählen. Neben dem standardmäßig aktivierten Wählmenü mit großen und gut leserlichen Zahlen lassen sich zwei weitere Homescreens mit vorinstallierten Widgets individualisieren, z.B. Wecker- und Kalenderfunktionen, Telefonbuch und Anruferliste oder der Anrufbeantworter. Als Ruhedisplay sind diese Seiten ebenfalls verfügbar, es steht aber auch die klassische Uhr oder die Option „Display ausschalten“ zur Auswahl. Der Touchscreen reagiert dabei in angemessener Zeit, kommt aber nicht an das iPhone als Referenzprodukt heran.

Auf einen Appstore, eine Mail- und Feedintegration, einen Browser oder eine eingebaute Kamera verzichtet Siemens beim SL910 konsequent – für den Durchschnittsnutzer ohne Belang, weil der nächste Computer oder Fotoapparat daheim sowieso in Reichweite ist, für mich als medial dauerbeschallten und über mein iPhone immer im Internet verhafteten Nutzer hingegen sogar ein klarer Pluspunkt, weil sich meine sozialen Onlineaktivitäten zusätzlich zu den zahlreich vorhandenen Gadgets nicht auch noch rund um das Festnetztelefon abspielen können. So avanciert das SL910 nicht zum multimedialen Spielzeug, sondern spielt seine Stärken im Bereich der Telefonie aus. Hier kommt Siemens die jahrzehntelange Erfahrung im Bereich der Festnetzkommunikation ohne Frage zugute, denn eine glasklare Sprachqualität lassen die Ohren bei jedem Telefonat Augen machen. Ein integrierter Anrufbeantworter, individualisierbare Anruferprofile, übersichtliche Listen für eingegangene, verpasste und geführte Telefonate, zeitgesteuerte Klingelton- und Alarmsteuerung sowie die üblichen Spielereien wie Rufweiterleitung, Anklopfen und Mithören bieten ein allumfassendes Featurepaket, sodass das SL910 schnell zur schicken Basis der gesamten Alltagskommunikation wird. Einziges Manko: Die aktuelle Firmware 030 lässt das Schreiben und Empfangen von SMS nicht zu, wenngleich diese Funktion in der Bedienungsanleitung bereits erwähnt wird. Siemens verspricht, die SMS-Unterstützung bis zum Jahresende durch ein Firmwareupdate nachzuliefern.

QuickSync
Einfache Telefonwahl
Individuelle Klingeltöne...
...frei konfigurierbar
...frei konfigurierbar
Per QuickSync Kontakte, Bilder und Musik synchronisieren“

Gigaset QuickSync: Vernetzt euch!
Besonders spannend wird das Vergnügen, wenn man das SL910 per PC oder Mac mit bestehenden Kontakten synchronisiert und seine gesamte Anruferliste ohne stundenlanges Nummernabtippen direkt auf das Festnetztelefon übernimmt. Eine Verbindung ist theoretisch mittels USB und via Bluetooth möglich, wobei letztere Variante auch nach genaustem Befolgen der Instruktionen ohne Erfolg blieb. Um nervtötende Aggressionsanfälle zu vermeiden, empfiehlt es sich außerdem, direkt das SL910-kompatible QuickSnyc herunterzuladen und nicht mit älterer Synchronisationssoftware zu hantieren – vertraut mir. Ist diese Hürde der eigenen Dummheit allerdings umschifft, lassen sich mittels vCards, die jedes gute Smartphone anlegen kann, bestehende Kontakte aus dem Handyadressbuch blitzschnell per Drag&Drop mit dem SL910 synchronisieren; die Lieblingsmusik kann aus iTunes oder einem beliebigen Ordner ebenfalls per Drag&Drop in das Programm gezogen und sofort genutzt werden – als individueller Anruferklingelton oder für alle Anrufe. Die mühsame Konvertierung in anwenderfremde Formate entfällt dank der praktischen QuickSync-Software komplett. Auch Bilder werden problemlos mit dem SL910 synchronisiert und auf dem farbigen Touchscreen ansehnlich dargestellt. Schade nur, dass die Anruferbilder innerhalb der vCards nicht übernommen werden, sondern für jedes Anruferprofil ein eigenes Foto übertragen und zugewiesen werden muss.

Der L410 Freisprech-Clip in der Ladeschale
L410 von der Seite
L410 von der Seite
Freisprech-Clip L410 und SL910 im Überblick“

Sinnvolles Zubehör: Der Siemens Gigaset L410 Freisprech-Clip
Tolles Zubehör liefert Siemens mit dem Gigaset L410 Freisprech-Clip: Ein kurzer Klick auf den Pagingknopf der Basisstation verbindet Freisprech-Clip und SL910 ohne weiterführende Einrichtungseskapaden. Geht ein Anruf auf dem SL910 ein, klingelt das L410, selbst wenn es sich in einem anderen Raum als die Basisstation befindet. Somit kann der federleichte Clip anstelle des Festnetztelefons durch die Wohnung getragen werden, ohne dass ein Anruf verpasst wird. Gespräche werden per Druck auf die große Annahmetaste vom SL910 direkt auf den Clip übertragen. Die Sprachqualität auf beiden Seiten ist beeindruckend und nicht von Störgeräuschen gezeichnet – Lautsprecher und Mikrofon des L410 überzeugen auf ganzer Linie. Gerade bei längeren Telefonaten ist die Möglichkeit des festnetztelefonfreien Telefonierens unheimlich hilfreich, hat man doch beide Hände für Mitschriften oder den Abwasch frei. Praktisch ist auch die Funktion, den Freisprech-Clip als zweites Telefon zu nutzen, sodass Konferenzen zwischen einem SL910, einem L410 und einer weiteren Person problemlos möglich sind. Menschen, die ihre Privatsphäre gewahrt wissen wollen, seien allerdings darauf hingewiesen, dass der L410 Gespräche per Lautsprecher überträgt und der Anschluss von Kopfhörern nicht möglich ist. Der Freisprech-Clip kommt mit praktischer Ladeschale daher, sodass ein leerer Akku und das Hantieren mit Miniladekabeln der Vergangenheit angehören.

Fazit
Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber einem „halbgaren iPhone-Verschnitt“ hat es das Siemens Gigaset SL910 geschafft, mich mit jedem Tag mehr zu begeistern. Eine durchdachte und liebevoll gestaltete Menüführung und kleine Überraschungsmomente wie die sofortige Deaktivierung des Ruhezustandes bei einer kleinen Bewegung lassen die Arbeit mit dem SL910 zum Vergnügen werden; der Touchscreen erleichtert smartphoneverwöhnten Mitbürgern den täglich wiederkehrenden Umstieg vom mobilen Gerät auf das heimische Festnetztelefon. Abgesehen von Kinderkrankheiten wie fehlender SMS-Unterstützung und einer gewissen Behäbigkeit des Touchscreens kann das Siemens SL910 besonders durch einfachste Bedienbarkeit, eine glasklare Sprachqualität und nicht zuletzt durch die schicke Basisstation und das edle Design überzeugen. In Verbindung mit dem Gigaset L410 Freisprech-Clip hat Siemens zwar keine Revolution angestoßen, aber mindestens den neuen Festnetzstandard definiert. Ob das jedermann braucht, ist fraglich – design- und technikaffine Nutzer werden von den Möglichkeiten allerdings begeistert sein.

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3 Kommentare

  1. Felix schrieb am
    Bewertung:

    Danke für den Test!

    Schade nur das das Telefon kaum kompatibel zu vorhandenen Gigaset ISDN Basisstationen ist. (lt. Kompatiblitätsliste auf der Gigaset Homepage) Somit lässt es sich nicht sinnvoll an einem ISDN Anschluß betreiben. Es sei denn es wird an einen Analogwandler bzw. die analogen Anschlüße der ISDN Anlage gehängt, was für mich persönlich aber nicht in Frage kommt.
    Ich bleibe daher dabei das iPhone über die FritzApp als Festnetztelefon zu nutzen.

  2. Joachim Kaltschnee schrieb am
    Bewertung:

    Was auch noch sehr schön ist, wenn die Basisstation über den Router mit dem Internet verbunden ist, ruft jemand an dessen Nummer nicht im Telefon selbst gespeichert ist, aber im Telefonbuch steht erscheinen ADresse und Name auf dem Display.

  3. Andreas schrieb am
    Bewertung:

    Hallo! Ich habe nun seit einem halben Jahr das SL910 und muss leider sagen: meiner Meinung nach taugt das Teil nicht die Bohne! "Mal eben" Bilder per Bluetooth vom Handy auf das SL übertragen ist nicht… da verlangt vorherige Softwaredownloads und viiiiel Zeit. Ausserdem reagiert das Telefon extrem langsam ( Start zum Abhören einer Nachricht bis zu 7 Sekunden!). Das ist für ein High-Tech Telefon definitiv zu lange. Ausserdem ist die Akkulaufzeit bei weitem nicht so lange, wie in der Produktwerbung beschrieben. Obwohl ich das nicht als sooo großes Manko ansehe, da bei uns das Telefon eh Nachts auf der Ladestation seinen Platz findet.
    VORTEILE: Gute Sprachqualität, Klingelton superlaut, edles Design…!!
    FAZIT: Für den Preis bekommt man sicherlich bessere Telefone…

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