Von Milben, Dirnen und uns
Die MacExpo-Hotel-Review
Klein-Istanbul
Die MacExpo ’06 ist Geschichte, Nachwirkungen bleiben. Nicht so sehr der zu Stümpfen geschrumpften, Messe-gefolterten Füße wegen, sondern vielmehr auf Grund der doch sehr eigenen Übernachtungsmöglichkeit. Natürlich wären da noch die Vielzahl an erbaulichen Messegesprächen respektive ein fachlich bewandertes, freundliches Publikum. Aber all das bleibt zu diesem Zeitpunkt außen vor, denn wie Kollega Kaulfuß bereits andeutete, soll nun ein kleiner „Hotel-Test“ folgen. Ihro Gnaden hat zwar die wesentlichsten Pointen schon ausgeplaudert, aber so sind sie nun mal, die Herren Chefredakteure: immerzu getrieben von allumfassenden Neuigkeitsfimmel. ;]
Überhaupt verlieren sich Chefredakteure gern in schwerwiegendem Eskapismus, etwa dann, wenn sie im mit Material und vier Bloggern vollgestopften Mittelklasse-Wägelchen auf der Rückbank Platz zu nehmen gezwungen sind und als Entschädigung das ursprünglich für den unschuldigen Praktikanten reservierte Einzelzimmer einfordern, weshalb ich mich in Köln mit Grausen dazu genötigt sah, mit Kollega Pöschmann im Doppelbett zu nächtigen. ;]
Doch vorerst nahmen wir erstaunt zur Kenntnis, dass unser Hotel keine Parkplätze besaß, weshalb wir, um einzuchecken, großspurige in der angrenzenden Fußgängerzone parkten. Deftiger Pipiduft schlug uns in der anderthalb Meter breiten, fünf Meter langen Eingangsschleuse des Hotels entgegen, woraufhin wir schleunigst die erste Treppe hinauf zu Rezeption erklommen. Eine Dame mittleren Alters (geschätzt) und mit osteuropäischem Akzent empfing uns und händigte uns ohne Umschweife die Zimmerschlüssel aus, während aus dem Kofferfernseher, der sich auf dem Getränkekühlschrank gegenüber der Rezeption befand, privat-blöde Abendunterhaltung dröhnte. Wir durchstiegen zwei weitere Stockwerke und gelangten in unsere Zimmer, die, grob überflogen, reinlichen, aber abgenutzten Jugendherbergscharme versprühten.

Hotelzimmerausblick nach links
Um jedoch einem Knöllchen zu entgehen, galt es nun für Kollega Pöschmann und mich, einen Parkplatz fürs Wägelchen zu finden – was sich in „Klein-Istanbul“ (wie der Stadtteil, in dem sich das Hotel befand, vom Kölner Volksmund liebevoll genannt wird) doch recht schwierig gestaltete. Nach einer halben Stunde war jedoch ein gebührenpflichtiges Plätzlein gefunden, und wir schlenderten zurück zur Nobelherberge, wo wir ein, zwei Löchlein in der recht miefigen Bettwäsche sowie Brotkrümel in der Ritze zwischen Nachttisch und Bett entdeckten.
Unser Appetit war also angeregt – und wir verzogen uns gen Dom und Schokoladenmuseum, um stattlich zu speisen. Nach einigen Stunden kehrten wir zurück – die Hoteltür stand offen, die Rezeption war nicht besetzt, doch zwei Überwachungsbildschirme übertrugen Standbilder aus den dunklen Fluren unsres Schlosses. Auf dem Weg nach oben begegnete uns ein junger Mann, gefolgt von einer leicht bekleideten Dame nichtschätzbaren Alters – wer weiß, in welche Zimmer man sich mit den Überwachungskameras hätte einklinken können! Vielleicht auch in die unsrigen, aber dann hätte man nur die Erleichterung von Kollegin Schönberg bemerkt, die mit Gerneraucher Kaulfuß das stinkende Raucherzimmer, das übrigens keinen Schrank besaß, getauscht hatte. Oder aber man hätte mein Erstauen gefilmt, das sich ob des lockeren Duschkopfes in unserer Parzelle oder ob des Schimmels neben der Badlüftung unweigerlich eingestellt hatte.
Nun gut, dennoch begab man sich bald zu Bette – und ich nahm mir vor, nicht allzu tief in Schlaf zu versinken, weil ja Bettkollega Pöschmann auf Unvorsichtigkeiten meinerseits lauerte. Das Einschlummern gestaltete sich aber auch deshalb schwierig, weil erstens die nahe gelegenen Gleise zum Kölner Hauptbahnhof von Zügen jeglicher Art in Beschlag genommen wurden und weil zweitens die Geräusche der „Gaffel“-Brauerei im Nebenhaus ebenso zu uns hinauf drangen wie das in regelmäßiger Unregelmäßigkeit vernehmbare Auf- und Zuschlagen der Hotelpforten, was jedoch wiederum auf eine stattliche Frequentierung unseres Etablissements schließen ließ.

Hotelzimmerausblick mittig
Komisch nur, dass wir am nächsten Morgen allein im Speisesaal Platz nahmen. Wo waren all die Gäste geblieben, die nächtens so liebreizend polterten? Und weil wir am Abend zuvor Kunde davon erhalten hatten, dass Klein-Istanbul früher als offizieller Rotlichtbezirk galt, seinen Ruf jedoch teilweise in die Neuzeit retten konnte, schwante uns langsam, in welcher Kaschemme wir gelandet waren. Nur Kollega Pöschmann schwante nichts mehr, denn der Arme hatte mit überbordender Müdigkeit zu kämpfen, die wiederum aus meinem übermäßigen Schnarchen resultierte. Weil ich aber ansonsten ein ruhiger Schläfer bin, jedoch allergisch auf Hausstaubmilben reagiere und jeden Hotelmorgen ein verstopftes Näslein mit mir führte, war klar, dass die Federbetten unsrer Burg schon sei längerer Zeit nicht in den Genuss tief greifender Reinigung gekommen waren. – Heil euch Milben, die ihr in meine Nase krochet!
Wer nun aber dachte, sich am Frühstücksbuffet austoben zu können, sah sich getäuscht: zwei luftige Brötchen für jeden, zwei Scheibchen Käse oder Wurst, dazu winzige Plastik-Marmelade, hartgekochte Eier aus Käfighaltung, dünner Kaffee und Wasser mit orangenem Farbstoff. Lecker. Gut möglich, dass wir bereits zu verwöhnt sind, aber augenscheinlich waren die Schlossherren nicht auf Gäste vorbereitet, die länger als ein, zwei Stunden blieben. Immerhin, dem elend dünnen Osteuropäer im Kleidersammlungs-Look, der am nächsten Tag mit seinem Freier Bekannten am Nebentisch saß, schien es geschmeckt zu haben, zumal er des Öfteren sein Zünglein über seine aufgeplatzten Lippen gleiten ließ. Ob es dem (sehr) jungen Dunkelhäutigen geschmeckt hat, der am folgenden Abend mit einem älteren Herrn nach oben verschwand, lässt sich allerdings nicht mehr feststellen.








