Mit 360° die Welt verstehen
Dokumentationen und Reportagen, gedreht mit oft wagemutiger Neugierde, bieten Einblicke in verschiedenste Ecken der Welt und in die Lebensräume und -träume von Menschen, welche man in den seltensten Fällen kennenlernen kann. Der Mehrwert sind Einsichten darüber, wie die Menschen auf der Welt leben, was sie bewegt und wie sehr sie einem selbst ähneln. 360-Grad-Reportagen könnten, so meine Vermutung, das noch weiter vertiefen.
Mehr sehen, mehr wissen
In konventionellen Berichterstattungen legte bisher das Team rund um Kamera und Moderator fest, welche engen Ausschnitte die Zuschauer zu sehen bekommen. Damit oblag ihnen natürlich auch eine gewisse Macht, da die Aussage je nach gezeigtem Ausschnitt eine andere sein kann. Klar, dass selbst beim Versuch größtmöglicher Objektivität hin und wieder der Vorwurf der Zensur im Raum stand.
Mittlerweile aber gibt es immer häufiger 360-Grad-Aufnahmen, um den Zuschauern noch tiefere und flexiblere Einsichten bieten zu können. Auch da bestimmt natürlich das Drehbuch, welche Gegenden und welche Menschen aufgenommen werden. Innerhalb dieser erweiterten Grenzen jedoch habe ich als Konsument komplette Sichtfreiheit. Wird beispielsweise eine Person interviewt, kann ich während des Gesprächs den Himmel studieren, oder das, was sich hinter dem Kamerateam abspielte. Oder interessiert euch weniger die interviewte sondern eine andere Person in der Umgebung? Kein Problem: einfach den Kopf drehen.
Worauf der Fokus gerichtet wird entscheiden somit nicht mehr jene, die die Kamera führen, sondern jene, die den Film betrachten.
Spannende Projekte
Spannende Einsichten liefert beispielsweise Discovery VR. Ob auf dem Surfbrett oder Skateboard, unter Wasser oder bei Naturexpeditionen durch den Jungle: Die 360-Grad-Kameras waren stets dabei und ermöglichen dem Zuschauer ungeahnt eindrucksvolle Möglichkeiten. Das ganze könnt ihr euch am Browser oder durch Virtual-Reality-Brillen anschauen. Viele Unternehmen arbeiten derzeit an speziellen Modellen. Wer schon heute VR erleben möchte, kann sich aber auch Halterungen für das eigene Smartphone kaufen oder sogar selbst basteln. Ist schließlich auch die passende App installiert, steht dem Gefühl einer digitalen Realität nichts mehr im Wege. Mittdrin statt nur dabei!
Wie sehr man als Zuschauer mitfühlt, zeigt auch folgendes Video von VRSE. Mit VR-Brille und Rollstuhl ausgestattet, werden die Personen durch eine digitale und gruselige Irrenanstalt gerollt. Sie wissen zwar, dass alles nur Fiktion ist und sie sich im Reallife nach wie vor in Sicherheit befinden. Dennoch aber erzeugt die 360-Grad-Sicht eine bedrückende Realität.
Mehr Empathie durch VR?
Etwas ernster wird es im Film „Clouds over Sidra“. Dieser handelt von einem 12-jährigen Mädchen aus Syrien, welches in 10 Minuten ihren Alltag in einer jordanischen Flüchtlingsunterkunft erzählt. Am Anfang des Berichts steht man direkt in einem Zimmer. Das Mädchens sitzt unmittelbar vor dem Zuschauer, ihr Blick stets in Richtung Kamera. Während sie von sich erzählt, schweife ich mit dem Blick ab, begutachte die Matratze auf der sie sitzt, den Röhrenfernseher in der Ecke und das einfache Regal neben ihr. Im späteren Filmverlauf bekommt man außerdem Einblicke in die „Schule“. Auch da steht mir frei: Lege ich meinen Fokus auf die Lehrerin? Oder begutachte ich lieber die Schüler und ihre Zeichnungen an der Wand?
Vor allem hier habe ich den Eindruck bekommen, wozu diese Technik in der Lage ist. Es sprengt den engen Rahmen der bisherigen Berichterstattungen und lässt den Zuschauer am ganzen Drumherum teilnehmen. Der fehlende Kontext ist es doch meist, welcher Distanzen schafft und Vorurteile schürt. Was aber, wenn das „Fremde“ durch solche technischen Entwicklungen plötzlich gar nicht mehr so fremd erscheint? Was, wenn das Digitale die oft unbegründete Angst vor dem Realen nimmt?
Die neue Macht der Bilder
Horrospiele, Gruselfilme, Expeditionen durch die riesigen Wälder Europas und Spaziergänge mit Betroffenen von Armut und Kriegen: Während die einen beim Thema der Virtual-Reality lediglich eine Erweiterung für die heimische Konsolenvielfalt erwarten, diskutieren andere das Thema schon länger im Rahmen gesellschaftlicher Möglichkeiten.
Dass die Technik noch nicht im Alltag angekommen ist, wird sich wahrscheinlich im Laufe der nächsten Jahre stark verändern. Mit dem steigenden Absatz solcher Brillen werden vermutlich auch immer häufiger 360-Grad-Filme und -Dokumentationen produziert, welche die Nähe zwischen dem jeweiligen Thema und dem Konsumenten verringern. Der Abstand, der gerade bei ernsten Themen manchmal ja auch ein Selbstschutz sein kann, könnte dadurch immer weiter aufgeweicht werden und folglich der Nährboden für VR-Kritiker sein.
Vielleicht werden sich mit der Zeit gewisse „Regeln“ zur VR-Technik herausbilden. Regeln, die einen Bogen schlagen zwischen jenen, die die neue Macht der Bilder abschreckt und jenen, welche vor allem das Positive darin vermuten: zunehmende Empathie und Offenheit gegenüber Menschen anderer Herkunft. Was meint ihr?










