Kommt die Menschheit mit Werbung klar?
Ein tschechischer Hyper-Market-Traum 2004
Der Dokumentarfilm „Ceský Sen“ („Der tschechische Traum“) beweißt das Gegenteil – und zwar mit Werbeparolen wie: „Geht nicht hin, gebt kein Geld aus!“ oder dem kontrovers diskutierten Slogan: „Bei uns gehen Sie nicht mit leeren Tüten nach Hause!“, der jedoch an der Überzeugung eines tschechischen BBDO-Mitarbeiters mit der Begründung: „Wir lügen die Menschen nicht an!“ scheiterte.
Diese Werbekampagne hat sich gewaschen und lässt selbst „Die Geiz ist eine Sünde“-Kampagne aus Deutschland im Schatten stehen. Was muss man also tun, um Gesprächsstoff für das Parlament zu werden?
Hintergrund: Tschechien 2004, dem Jahr der Abstimmung zum EU-Beitritt.
– Zwei junge tschechische Filmemacher realisieren ihren Dokumentarfilm mit Geldern der EU.
– Sie gehen zu einem Herrenausstatter, lassen sich beanzugen – und mutieren über Nacht vom Student zum Manager (lustig in dieser Szene: das Product-Placement durch den Verkäufer).
– Sie beauftragen die Werbeagentur BBDO, eine Werbekampagne für einen Hyper Market anzufertigen, inklusive Name, Logo, Fernsehwerbespots, Anzeigen- und Plakatwerbung, Flyer, Jingle und Website.
– Schließlich beauftragen sie eine Gerüstbaufirma und mieten ein Stück Feld vor den Toren Prags.
Mit dieser Infrastruktur sowie einem emotionalen Namen („Ceský Sen“ – Der Hyper Market für ein besseres Leben) und zudem ihrem Logo (eine Blase kurz vorm Zerplatzen) penetrieren sie zwei Wochen lang die tschechische Hauptstadt und kündigen für den 31. Mai 2004 die Eröffnung eines Hyper Market an…
An dieser Stelle sei angemerkt, dass ca. 37 Prozent der Tschechen gern in Hyper Markets verkehren und dort – frei nach The Clash: „Lost in the hyper market“ – ihre Wochenenden verbringen. Hierzu ist mir das folgende Zitat aus einem Dresdner Kinoprogramm in Erinnerung: „ Das Neue Einkaufsverhalten kratzt sogar an vermeintlich fest verwurzelten Ritualen wie dem allwöchentlichen Ausflug zur ‚Chata’, dem Wochenendhäuschen“.
Mit dieser Dokumentation nun beweisen die beiden Regisseure Vit Klusak und Filip Remunda die Manipulation und Verführung der Bevölkerung durch moderne Werbemittel und legen dabei die psychologischen und manipulativen Kräfte der Konsumwelt offen: Zur Eröffnung des virtuellen Hyper Markets, der nur einer Fassade von 10 x 100 Meter entspricht, kommen über 4.000 Menschen auf ein Feld am Rande der Stadt mit der Hoffnung, einen Hyper Market vorzufinden – der Unmut der enttäuschten Erstbesucher ist deutlich zu spüren. Ergo: Mit zuviel Humor und Selbstironie kommen viele Menschen einfach nicht klar.
Parallel zu dieser Aktion gab es auch eine Werbekampagne der Regierung zum Beitritt Tschechiens zur EU, woraufhin es zu kontroversen Diskussionen und Debatten in den Medien, der Bevölkerung und selbst im Parlament kam.
An dieser Stelle ein großes Lob an das Dresdner „Kino im Dach“, das diesen Film im Programm hat. Auch ein großes Lob an das Publikum, das durch qualifiziertes Lachen über das eigentlich traurige Thema überzeugte. Doch warum erreicht dieser Film so wenige Leute? Es wird wohl nicht etwa daran liegen, dass er lediglich in 10 deutschen Underground-Kinos läuft?
Also auf, Cineasten – lasst euch von diesem Film begeistern! Denn mein vom neuen Sterne-Album („Räuber und Gedärm“) inspiriertes Fazit lautet: „Wenn ich realistisch bin, verlass ich grundsätzlich nicht das Haus.“
Abschließende Randnotiz: Die Dresdner Radiolandschaft darf sich eine sehr große Scheibe von der Dresdner Kinolandschaft abschneiden!








