Elektronische Gesundheitskarte erfährt Update
eGK wird immer komplizierter, Gematik entmachtet
Ich musste extra nachschauen, aber es ist tatsächlich schon mehr als drei Jahre her, dass ich mit zwei Freunden eine Firma mit Bezug zur eGK aufbauen wollte. Die Idee, Touchscreen-Terminals in Apotheken und an Point-of-Sales aufzustellen, mit denen die Kunden die Daten ihrer Karte einsehen und ggf. ändern können, finde ich immer noch gut, aber nach ca. 6-wöchiger Planungsphase gaben wir entnervt auf. Es erwies sich einfach als zu kompliziert und nahezu unmöglich, die von der zuständigen „Gematik“-Gesellschaft aufgestellten Spezifikationen zu erfüllen, u.a. weil es zu der Zeit noch kein einziges, zertifiziertes Kartenlesegerät gab und die mehrseitige Anforderungsaufstellung wohl zu viele Mannjahre aufgefressen hätte. Nun setzt die aus Vertretern der Ärzteschaft, der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und einigen Politikern zusammen gesetzte „gematik“ auch noch einen drauf…

Die gematik selbst, zu deren Aufgaben neben der Festlegung von Spezifikationen auch die Durchführung und Auswertung von Pilotprojekten gehört hatte, wird laut Heise.de nun zu einer Art eGK-TÜV degradiert. Die Entwicklung der Anforderungsprofile an eine Telematikinfrastruktur und an die Anwendungen auf der elektronischen Gesundheitskarte obliegt ab sofort den einzelnen Gesellschaftern d.h., für den Notfalldatensatz wird bspw. die Bundesärztekammer verantwortlich sein, für das Versichertenstammdatenmanagement wiederum die Kassenärztliche Bundesvereinigung, usw. Die Projektgesellschaft „Gematik“ macht dann lediglich die Endabnahme. Hierdurch mag gewährleistet sein, dass es zu weniger Streitereien kommt, als es in der Vergangenheit der Fall war, aber nach so vielen Jahren das Konzept nahezu total umzuwerfen, halte ich für eine Schande für alle Beteiligten. Für den Zuschauer sieht es zudem aus wie eine Farce.
Dass dieser Satz aus der zugehörigen Pressemitteilung der gematik: „…werden die Projekte in den nächsten Monaten soweit voranbringen, dass Ausschreibungen durch die gematik erfolgen können, die es der Industrie ermöglichen, Angebote für Leistungen in den anstehenden Tests abzugeben…“ wirklich so schnell wahr wird, mag also aufgrund der neuerlichen Umstrukturierung bezweifelt werden. Beruhigend für die Kritiker der eGK, denn so können sie sich wieder eine Weile zurück lehnen und dem Treiben zuschauen. Die Reaktion der bei der Conhit-IT-Medizin-Messe in Berlin versammelten, aber bislang nicht in der gematik vertretenen IT-Industrie könnte diese Ruhe allerdings schnell wieder zunichte machen, denn diese forderte nach Bekanntwerden der Informationen sofort die „uneingeschränkte Annahme von Mehrwertdiensten“ für die Karten, was im Klartext wohl in etwa „Werbung und Kaufabwicklung“ bedeutet.

Dass die beteiligten Soft- und Hardwarefirmen sich ein wenig finanzielle Unterstützung zur Entwicklung erster Releases wünschen, kann ich dagegen aufgrund meiner Erfahrungen gut verstehen. Die Gematik sollte dem wohl aus eigenem Interesse nachkommen, denn die Aussage eines ITlers auf der Messe, „dieser Neustart“ sei „die letzte Chance zur Erlangung eines glaubwürdigen Aufbaus“ (der Infrastruktur), wird mit der Zeit auch nur wahrer. Sicher, viele der Spezifikationen befassen sich vor allem mit Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes, die eben ihrer Zeit bedürfen. Wenn man aber „solche“ Leute sieht (Video) kann man sich schon fragen, ob der ganze Aufwand wirklich lohnt.
PS: Habe bei der Recherche noch einen netten Witz zu dem Thema gefunden. Sagt der Arzt zum Patienten: „Sie haben einen Virus auf ihrer Gesundheitskarte; besser ich verschreib Ihnen was dagegen…“








