Produkttest: Canon HV20

von sebastian-blech

· 4 min Lesezeit

Produkttest: Canon HV20

Professionelles Filmen mit kleinem Budget?
Filmen wie ein Profi – ein Traum vieler, doch die Technik dafür ist teuer und nur von geübter Hand nutzbar. Um dem Otto-Normal-Verbraucher aber trotzdem eine Möglichkeit zu bieten, gibt es die Consumer-Camcorder von Herstellern wie beispielsweise JVC, Sony, Toshiba oder Canon. Doch was bietet eine so vielversprechende, kleine Kamera wirklich? Wir haben die Canon HV20 – deren Nachfolgerin, die HV30, im Grunde dasselbe Modell ist – während eines Spielfilmdrehs ein Jahr lang getestet.
Das Äußere
Klein aber fein, das denkt man, wenn man die Kamera aus der klassischen Kartonbox herausnimmt. Man glaubt gar nicht, dass Full HD, drei Chips, CMOS und zahlreiche manuelle Funktionen in diesem Gerät Platz finden sollen. Die Verarbeitung scheint auf den ersten Blick gut, auch wenn das Ganze aufgrund der PVC-Optik etwas billig wirkt, denn die HV20 besteht größtenteils aus Plastik und ist nur teilweise mit einer Aluminium-Legierung versehen. Die Kamera, die kaum größer als eine Hand ist, birgt bereits am Gehäuse einige Features: vorn ein Filtergewinde, einen Blitzschuh für Erweiterungen wie Mikros oder Blitze, ein Fokusrädchen, einen kleinen Joystick für die Menünavigation und obligatorische weitere Knöpfe, die in der Zahl bemerkenswert gering vorhanden sind.

Dem Profi-Filmer fällt jedoch sofort auf: Es fehlt ein ordentlicher Sucher. Aber weil die Hersteller im Consumer-Bereich generell immer mehr davon abgehen, weiterhin Sucher einzubauen, gibt man sich mit dem vorhandenen dennoch zufrieden. Was weiterhin fehlt, ist ein S-Video-Anschluss, um beispielsweise während des Drehs einen weiteren Monitor mit Live-Bild anschließen zu können.

Praxistest
Wir nutzten die HV20 in Kombination mit einem externen Mikrofon, dem beyerdynamic EMX 72, weil sich das eingebaute HV20-Mikro nicht unbedingt für Spielfilmaufnahmen empfiehlt. Außerdem erweiterten wir den Camcorder mit einem UV-Filter und einer Blende für sonnige Drehtage sowie einem Sony Digital HD Video miniDV Tape – alle Erweiterungen ließen sich problemlos anbringen und nutzen. Vorab möchte ich aber sagen, dass ich nicht weiter auf die Fotofunktion der HV20 eingehen werde, denn die Standbilder haben, wie man es von Camcordern kennt, auch hier eine relativ schlechte Qualität. Nicht unbedingt ein Kaufgrund.

Beim Dreh liegt die Kamera sehr bequem in der Hand und lässt sich leicht auf Standard-Stativen befestigen. Während die Automatikfunktion alle Einstellungen übernimmt, widmeten wir uns hauptsächlich der Manuell-Funktion; hier stehen zahlreiche Funktionen zur Verfügung, die zwar ein guter Versuch sind, Kameras in höheren Preisklassen nahezukommen, allerdings bleibt es hier und da doch nur bei „gewollt und nicht gekonnt“: Das Fokusrädchen, ein labiles und nicht fixierbares Plasterädchen an einem unmöglichen Platz links neben der Linse bietet zwar die Möglichkeit, während des Drehs den Fokus selbst einzustellen, nicht aber, kontinuierliche und anschauliche Fokusveränderungen zu schaffen. Lobenswert hingegen sind die manuelle Einrichtung des Mikrofons sowie die Einstellung der Belichtung.

Canon HV20″

Doch wie sieht das Bild aus? Für die Aufnahme bietet die Kamera vier Modi: HDV, HDV Cinema-Modus (PF25), DV-Breitbild und DV. Da für den ambitionierten Filmer DV wahrscheinlich nicht mehr in Frage kommt, haben wir uns mehr Zeit für HD-Aufnahmen genommen. Hier sei gesagt, dass man keinen merklichen Unterschied zwischen Cinema-Modus und normalem High Definitionen feststellen kann, einzig die Anzahl der pro Sekunde aufgenommenen Bilder variiert.

Während des Filmens in HD fällt immer wieder auf, dass es vor allem dann, wenn man aus einem hellen Bild in ein dunkleres schwenkt, geraume Zeit dauert, bis die Kamera richtig nachbelichtet, selbst wenn Blende und Verschlusszeit manuell geändert werden. Ansonsten besticht das Bild bereits beim Betrachten auf dem 2,7 Zoll großen Display, und auch nachdem das Material, beispielsweise via FireWire-Kabel, auf den Rechner überspielt wurde, ist man begeistert – die HV20 bringt einfach ein atemberaubendes Bild auf die Leinwand. Die FireWire-Übertragung übrigens funktionierte meist problemlos, allein Adobe Premiere wollte nicht richtig mit der Kamera arbeiten.

Das Filmmaterial lässt sich, die entsprechende Technik vorausgesetzt, leicht am Rechner bearbeiten, ganz im Gegensatz zu AVCHD. Einen Unterschied zwischen einem normalen miniDV-Tape und dem wesentlich teureren Sony-HD-Tape konnten wir allerdings nicht finden; rausgeschmissenes Geld also. Während der Nachvertonung und -bearbeitung fiel zudem der leise Motor der Kamera auf, der trotz des an der Kamera installierten Mikrofons kaum zu hören war, sodass die softwareseitige Funktion „Störgeräusch entfernen“ leichtes Spiel hatte.

Fazit
Auch während harter Umwelteinflüsse wie Regen, Frost, Hitze oder Staub und selbst bei Stößen und Vibrationen lieferte die HV20 hervorragende Bilder. Zwar lassen die manuellen Einstellmöglichkeiten kein wirklich professionelles Filmen zu, dennoch ist die Canon HV20 in ihrer Preisklasse einsame Spitze und kann es, zumindest in der Bildqualität, vielleicht schon mit einer Canon XL2 aufnehmen.

Der HV20-Nachfolgerin, die Canon HV30, ist, wie bereits angedeutet, nahezu dasselbe Modell; Änderungen in den technischen Eigenschaften jedenfalls sind nicht zu finden (einen HV30-Testbericht gibt es bei den Kollegen von Slashcam). Und weil auch die JVC HD7 nicht mehr erhältlich ist, kann die Canon HV20 bzw. HV30 als einzige und kostengünstige Alternative zu professionellen Kameras angesehen werden.

Kommentare

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Gepostete Kommentare

lifezone 08.04.2008, 12:30 Uhr

und was kostet nun das teil?

Sven Kaulfuß 08.04.2008, 14:26 Uhr

@ lifezone: Die HV 20 gibt es ja nicht mehr, letzter Preis war damals etwas mehr als 800 Euronen. Die HV 30 kostet derzeit 939,- Euro bei uns.

Zuschauer 08.04.2008, 15:00 Uhr

Also ich kann die HV20 noch für ca. 750€ im Netz bei mehreren Anbietern erwerben.

Patrick 09.04.2008, 20:53 Uhr

Netter Bericht, gerade auch weil er von einem Amateur und keinem Profi stammt. Ein paar Dinge kann ich so aber nicht stehen lassen: - Nachbelichten. Noch nie gehört bei Film- oder Videokameras. Könnte höchstens bei einer Filmentwicklung gemacht werden und hier ist wohl die gute alte Blende gemeint: Blende nachziehen, Blende schließen/öffnen. - ordentlicher Sucher: Ein richtiger Sucher ist ja auch SW und hat damit einen Auflösungsvorteil gegenüber Farbsuchern. Wie teuer professionelle Sucher sind, kann man an den Preisen für die Semi-Profi-Serien von Sony/Panasonic/Canon oder den richtig teuren Broadcast-Kameras (Schulterkameras, ca. 30.000 bis 60.000 Euro) erkennen. Von daher kann man froh, sein dass Canon überhaupt einen Sucher verbaut. Ist nicht mehr überall der Fall. - Adobe Premiere ist per se ein halbgares Stück Software, das ich (und auch die meisten Profis) meide, wie der Teufel das Weihwasser. ;-) - Sony-HD-Tapes: Die Dinger waren schon immer sauteuer (auch noch damals für Musik-Kassetten) und bringen dir nur einen Vorteil: weniger Dropouts und längere Lebensdauer. Die billigen Standard-Tapes haben da einige Nachteile. Da könnt ihr schon froh sein, wenn euch mit denen nichts verloren gegangen ist. Als Faustregel gilt für DV-Tapes übrigens: immer die ersten und letzten 60 bis 120 Sekunden mit Farbbalken durchlaufen lassen. Das Material wird somit nie in den stark Dropout-gefährdeten Bereich von Anfang und Ende geschrieben und man hat schon einen Timecode aufgezeichnet. - Full-HD: Auch Canon verarscht gewissermaßen hier seine Kunden. Denn um die maximal erreichbaren 25 MBit/s auf dem Tape nicht zu überschreiten wurde aus 1920x1080 px ein verzerrtes Format mit 1440x1080 px. Wer echtes Full-HD will, muß zu Flash-, Festplatten- oder Bluray-basierten Lösungen greifen. Sony hat zwar mit seiner Professional Disk (PD) einen Bluray-Ableger am Start, der auch Full-HD schafft, aber da geht es wieder in höchste Preisregionen von mehreren Zehntausend Euro. Mir gefallen die verlustbehafteten Kompressionen (MPEG2/4) bei HDV/AVC überhaupt nicht, denn meist gehen wichtige Details verloren und die Nachbearbeitung ist nerviger. Aber das ist Jammern auf höchstem Niveau, denn für solche Anforderungen gibt es ja diverse professionelle und sehr teure Systeme am Markt. ;-)

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