Produkttest: Toshiba AC100 (Modell AC100-10V)
Produkttest: Toshiba AC100 (Modell AC100-10V)
NVIDIA-Tegra-Netbook mit Android 2.1 – ein Fehlversuch…
Ganz im Gegensatz zu dem Wirbel, den die Ankündigung der Tegra-Plattform in der Fachpresse seinerzeit verursacht hatte, ist mit dem Toshiba AC100 das erste Netbook auf Basis dieser Technik nach nur wenigen Monaten bereits wieder abgekündigt worden und nun für absolute Kampfpreise erhältlich (mit UMTS-Modul derzeit für 249 Euro, ohne 3G-Verbindung sogar für 199 Euro). Angetreten, der x86-Plattform den Boden unter den Füssen weg zu ziehen, scheint man sich nun erst einmal zu trollen und sich eine Denkpause zu gönnen, in der wohl mindestens das Android-Betriebssystem um einige Funktionen erweitert werden muss. Ob es sich bei dem mangelnden Kundeninteresse um ein Problem mit dem weitgehend unbekannten Google-OS handelt, das System sich womöglich durch Schwächen in der Rechenpower disqualifiziert hat oder ob die ungewohnte Ausstattung mit ARM A9 CPU/Geforce-SoC, 8GB System-SSD und Mini-USB-Anschluss bei den Kunden einfach nicht ankam, darüber wollte ich zu einer eigenen Einschätzung kommen. Nach dem ersten Auspacken muss ich sagen: Es könnte auch am Plastiklook liegen…aber seht selbst.
Die technischen Daten sind schnell abgehandelt: Außer den oben genannten Bausteinen kommt das AC100 mit 512 MB RAM, einem glänzenden, 1024 x 600 Punkte auflösenden 10-Zoll-Display, einem WLAN-n-Adapter und – für 50 Euro Aufpreis – einem UMTS-Modul. Das Model ohne 3G hört auf den Namen Toshiba AC100-10K, mit UMTS auf Toshiba AC100-10V. Zusätzlich findet man einen Kopfhörer-Mikrofon-Kombieingang und einen HDMI-Ausgang auf der linken Seite sowie einen normalen USB-Anschluss, den Netzanschluss und das Kensington-Lock auf der rechten Seite. Ein SD-Kartenleser ist ebenfalls vorhanden und die vier LEDs vorne rechts am Gehäuserand zeigen den Netz-, den Akku- und Einschaltstatus sowie das jeweils genutzte Netz (WLAN/3G) an. Als Gimmick gibt eine der LEDs noch ein besonderes Zeichen bei Erhalt einer E-Mail von sich…durch Steve von UMPC-Portal.com auch als „E-Mail Notification Rave“ bekannt.
Schön ist natürlich das geringe Gewicht von weniger als einem Kilogramm…da kommt selbst mein Eee PC S101 mit seinen 1100 Gramm nicht mehr mit. Der runde Akku im hinteren Teil und der etwa fingerdicke Spalt zwischen Unterteil und Display erinnern vom Design stark an eins der ersten Acer Aspire One Netbooks mit neun Zoll. Da kann man zwar halbwegs praktisch reingreifen und so das Netbook in stabiler Lage festhalten, aber gut aussehen tut es eben nicht. Apropos Aussehen: Abgesehen vom schwarzen Plastiklook sind alle farblich abgesetzten Kanten , der Rand um das Touchpad und alle Tasten in einem nicht sehr hellen Gelb-Orange aufgedruckt, was – abgesehen von Fans des BvB09 – sicher nicht Jedermanns Sache ist. Deutlich zu groß geraten ist auch der Schriftzug von Toshiba, der in Großbuchstaben auf dem Gehäusedeckel prangt. Der Akku hat zwar nur 25Wh, soll aber Garant für eine exorbitant lange Laufzeit von 9 Stunden sein, was wiederum auf die sehr sparsame ARM-CPU zurück zu führen ist.
Dank dieser kann man allerdings auch kein Windows auf dem Toshiba installieren, was nach Bekanntwerden der Plattform insgesamt zu einer Art „Bewertung als Attacke auf Intel und Microsoft seitens NVIDIA“ geführt hat. Denn seien wir ehrlich: In punkto Wichtigkeit haben die Grafikchips die System-Prozessoren längst überholt. Neuere Techniken wie beispielsweise DXVA weisen der Grafikeinheit dazu immer weitere Aufgaben zu, die den Hauptprozessor entlasten und so Strom einsparen sollen. Aber auch NVIDIA möchte natürlich auf möglichst vielen Hochzeiten tanzen und gibt einiges dafür, auch weiter mit den Mega-Companies zusammen zu arbeiten. Firmen wie Adobe, Apple und AMD beteiligen sich zusätzlich fleißig an diesem „divide et impera“-Spielchen, das die Flamewars am Brennen und das Kundeninteresse hoch halten soll. Dass man dabei gewissen Mitbewerbern nicht allzu heftig auf den Schlips treten möchte, das zeigt auch das erste Tegra-System.
Dementsprechend wird es nun Zeit das „Dynabook“ einmal auszuprobieren. Wenn ich es richtig verstanden habe, fehlen dem Android-OS aufgrund der nicht vorhandenen Telefoniefunktion am Toshiba-Netbook so gut wie alle Google-Funktionen, weil Google das eben so will. Auf Google-Maps, iGoogle, den Reader oder die Kalenderfunktion kann man zwar auch verzichten bzw. sie durch andere Tools ersetzen, wer sein Google-Alter-Ego aber schon ein paar mal an unterschiedlichen Rechnern/Telefonen in die Android-Oberfĺäche integriert hat, könnte diese Funktionen durchaus vermissen. Das Fehlen des offiziellen Marketplace ist ebenfalls nicht so schön, auch wenn es natürlich auch dafür eine Alternative gibt – namentlich den Camangi Market Place. Toshiba liefert zum Ausgleich noch ein paar eigene Programme mit, mit denen man sich u.a. die beliebten YouTube-Videos ansehen können soll. Im Vorfeld angelesene Infos sagten zwar aus, der Opera-Browser eigne sich außerdem angeblich auch für die Wiedergabe von Flashvideos von anderen Webseiten, hat sich leider nicht bestätigt.
Die Systemeinrichtung hab ich mal wieder im Video festgehalten. Am Ende stell ich darin noch kurz die GUI vor.
Nachdem die Einrichtung abgeschlossen und das Video abgedreht war, benötigte der Update-Vorgang noch etwa eine Stunde, bevor mir das System die Erlaubnis zur Abkopplung vom Stromnetz geben konnte. Danach hab ich schon einige Stunden damit getestet und schreibe nun auch den Text darauf. Die angekündigten neun Stunden Akkulaufzeit scheinen also tatsächlich erfüllt zu werden, was vor allem an den ausgiebigen Stromsparfeatures liegt, die den Rechner bei Nichtbenutzung sehr schnell abdunkeln und dann in den Standby-Modus schalten. Ein weiterer Grund für eine lange Zeit ohne Anschluss ans 220V-Netz liegt aber auch in der enttäuschenden Leistung der Tegra-Plattform und der daraus resultierenden Abneigung, es überhaupt zu nutzen.
Entgegen meiner Hoffnungen und Erwartungen kann es eben kein Flash, weil das von dem mitgelieferten Android 2.1 noch nicht unterstützt wird. Der von Toshiba vorinstallierte YouTube-Player entpuppte sich zudem als Mogelpackung, der HD-Videos zwar abspielt, aber keineswegs in hoher Auflösung – trotz Geforce-GPU. Annähernd lächerlich auch die Tatsache, dass selbst die mit der eingebauten Webcam aufgenommenen Videos Probleme bereiten. Sollten sie überhaupt starten fehlt grundsätzlich die Audioausgabe, was auch für andere Filme wie z.B. meine Testvideos gilt. Die Webcam zeigt übrigens ein weiteres Mal, wie unausgereift und unüberlegt da die Hardware zusammen geschustert wurde: Sie schaltet eine blaue LED zu, die sich direkt neben dem Kameraauge befindet, so dass man bei Aufnahmen dauernd geblendet wird.
Der Eindruck einer Mogelpackung und der fehlenden Reife bestätigen sich leider auch an anderer Stelle: Die Officesuite erlaubt nur zahlenden Kunden die Bearbeitung von Dokumenten, einmal hinzugefügte Widgets sind nicht wieder löschbar, der Zugriff auf UPnP-Geräte im privaten Netzwerk funktioniert nicht aus dem Stand, mein USB-TV-Stick wird gar nicht erkannt. Im Internet wird man außerdem dauernd als Telefon identifiziert und auf mobile.soundso.bla weitergeleitet…und so geht das weiter und fort. Tastatur und Touchpad sind von der Bedienung zwar in Ordnung aber das Touchpad erkennt nur einen Finger und zum Scrollen muss der rechte Rand benutzt werden. Das Fehlen echter FN-Tasten mag ebenfalls als störend empfunden werden, aber ich finde diese ersetzenden Sondertasten ganz gut. Allgemein merkt man diesen Tasten und der ganzen Systemoberfläche aber deutlich an, dass sie eigentlich für die Touchbedienung gemacht ist, was unter anderem die Aufforderung beinhaltet, doch mal wieder die Onscreen-Tastatur einzusetzen.
Fazit
Mag sein, dass die Tegra – und vor allem die Tegra2-Plattform etwas Gutes ist; Android 2.1 ist es nicht. Abgesehen von einem 2.6.19er Linux-Kernel baut das Betriebssystem auf nichts weiter als einer Java-Maschine auf, das sollte man vielleicht wissen. Fenstermanager und Desktop-GUI werden durch Klassenbibliotheken ersetzt, von denen es wiederum Referenzen gibt, auf die man sich geeinigt hat. Wie dem auch sei, ist diese Plattform ein Ärgernis weil sie offensichtlich noch lange nicht ausgereift ist, was man wohl den freundlichen App-Schreibern und den zahlenden Betatestern aufs Auge drücken wollte. Dass die da nicht mitspielen wollten ist einer von vielen Gründen, die ich mir nun, nach dem Test, für den Misserfolg des Toshiba AC100 vorstellen kann. Außer als kleinen „Web-Compagnon“ zum schnellen Lossurfen – aus dem Standby immerhin schon nach zwei Sekunden surfbereit – kann man das Modell wirklich zu kaum etwas gebrauchen. Nichts, aber auch gar nichts kann es besser als mein uraltes Netbook mit Intel Atom N270 CPU, eher im Gegenteil.
Warum Toshiba und NVIDIA das Tegra1-Netbook dennoch so veröffentlicht haben, wie es ist, darüber hab ich ja schon einleitend sinniert. Hoffen wir, dass Tegra2 besser ist und Android 2.2 darauf besser abgestimmt ist, um mehr sinnvollen Wettbewerb in den Markt zu bekommen. Schlechter als beim Toshiba AC100 geht es nämlich kaum.






