Steve Jobs ist doch nicht tot
Warum Apple auch ohne Steve Jobs überleben wird
Während es andernorts großes Gerangel um die letzen verbliebenen HP TouchPads gibt – oder wie ein anonymer Kollege dazu sagt „Ach l*** m*** d*** am A****“ – dreht sich in der Apple-Welt im Moment alles um den Rückzug des langjährigen Apple-Chefs Steve Jobs. Einschlägige Online-Magazine oder auch die Ausgaben aktueller Tageszeitungen publizieren dieser Tage den Nachruf auf Jobs. Und damit verbunden den Nachruf auf Apple. Aber erstens ist Steve Jobs nicht tot und zweitens wird auch Apple nicht an seinem Abgang sterben.
Alle Ziele erreicht? Jetzt geht’s abwärts?
Als die FAZ am 11. August verkündete, dass Apple den Ölmulti Exxon als wertvollstes Unternehmen der Welt abgelöst hat, konnte man sich abseits der Lobgesänge auch überlegen, was Apple wohl noch erreichen könnte. Die Umsatzrendite ist traumhaft, die Umsatzzuwächse schwindelerregend hoch und die Produkte erfreuen sich trotz Antenna-Gate und vieler Sicherheitsprobleme größter Beliebtheit. Die Integration von Hard- und Software ist ein Key-Feature, das die Grundlage von Apples Erfolg ausmacht. Doch was passiert nun, nachdem ein weiterer Höhepunkt erreicht ist? Der CEO tritt zurück, Apple stellt seine Produkte ein und verramscht nächste Woche seine iPads für 99 Dollar? Mit Sicherheit nicht. Denn Jobs ist für Apple vielmehr als Prinzip zu verstehen und nicht als Person.
Steve Jobs als Prinzip
In den „Nachrufen“ für Steve Jobs ist immer wieder von Perfektionismus und Jobs kompromissloser Art zu lesen. Das jedoch sind im Gegensatz zu der angeblich jähzornigen, aufbrausenden Art keine Charakterzüge. Es ist vielmehr eine Einstellungsfrage. Eine Einstellungsfrage, die alle Branchen und alle Produktarten übergreift. Ein TouchPad an den Markt zu bringen, weil der Druck der Öffentlichkeit und Aktionäre da ist, obwohl HP wusste, dass WebOS auf anderer Hardware doppelt so schnell laufen würde – das ist nicht kompromisslos. Das ist ein schlechter Kompromiss. Oder einen Tablet-PC ohne Bedienkonzept zu entwickeln, kann wiederum nur ein fauler Kompromiss sein.
Zur kompromisslosen Einstellung Steve Jobs zählt sicherlich auch, ein „Geht nicht“ nie zu akzeptieren. Es sind die Querdenker, die Nörgler, die Teslas und die Picassos, die die Welt verändern. Diejenigen, die dem Status quo keinen Respekt entgegenbringen. Wen erinnert das nicht an die „Think Different“-Kampagne von Apple? Jemanden einen Seitenhieb zu verpassen, wie einst IBM, deren Kampagne „Think!“ hieß, hat Apple heute nicht mehr nötig. Das, was Apple vorantreibt, ist die Freude an der Innovation und die Furchtlosigkeit vor Problemen. Denn wenn nicht Apple, wer soll denn sonst die Lösung erarbeiten? Soll Apple das Jobs-Prinzip einfach beibehalten und schon ist die Fortsetzung des Erfolgs gesichert? Nicht ganz. Denn mit dem Rückzug von Steve Stobs eröffnen sich auch neue Möglichkeiten. Und Gefahren.
Mach es wie Apple oder lass es sein
Wer schon einmal versucht hat, in Apples „Numbers“ das Papierformat vom Hochformat ins Querformat zu ändern, landet schnell mal eben bei „200 Puls!“. Dabei ist es so einfach. Links unten, kleines Symbol, draufklicken, fertig. Nur warum ist der Punkt nicht wie in allen anderen Programmen unter dem Menüpunkt „Ablage“ zu finden? Und was hat sich Apple bei der Medienverwaltung in Final Cut X gedacht? Wenn ich mehrere Stunden Filmmaterial nur zur Sichtung importiere, dann werden gleich hunderte von Gigabyte daraus, weil Final Cut X es umcodiert. Apples Software ist solange hervorragend, solange man genau dem Arbeitsablauf folgt, den Apple sich ausgedacht hat. Jede Anpassung eines iLife-Themes wird schnell zum Alptraum.
Auch die Bindung von Software, Medienkonsum und Kundenservice an ein und dieselbe Apple-ID (ohne die bekanntlich gar nichts mehr geht) ist äußerst fragwürdig. Die Grenze zur Bevormundung steht unmittelbar bevor. Und hier hoffe ich, dass Apple es schafft, hinsichtlich der Kundenwünsche Kompromisse einzugehen. Sonst wird der Kampf um eine offene Plattform wie Mac OS X bald zugunsten einer geschlossenen Plattform wie iOS verloren sein. Die Apple-Aktionäre wird es freuen, die Kartellbehörden werden versuchen, etwas zu ändern und Kunden und Software-Entwickler werden zu Linux abwandern. Apples Chance nach Steve Jobs ist, mehr auf Kundenwünsche einzugehen, ohne das eigene Denken einzustellen. Fehler, wie in Final Cut X sind hoffentlich bald zu beheben und Mac OS X als offene Plattform bestehen zulassen, ist die Grundvorraussetzung für den Erfolg beim Kunden.
Die Diktatur des Erfolgs
Bei all dem Gejammer wird vergessen, dass Steve Jobs Aufsichtsratschef wird und damit zwar das operative Geschäft nicht mehr verantwortet, aber mit Sicherheit auch in Zukunft ein Wörtchen mitzureden hat, wenn es um strategische Entscheidungen geht. Kreativer Choleriker, der er ist und bleibt, wird er es kaum zulassen, dass sich Apple nochmal gen Abgrund bewegt. Die großen Nachrufe dürften erst dann ihre Berechtigung haben, wenn Steve Jobs wirklich mal nicht mehr ist und Tim Cook die Lücke nicht adäquat füllen kann. Denn grundsätzlich gilt: Diktaturen stehen und fallen mit ihrem Diktator. Und Apple ist nun mal eine Diktatur.
Solange Apple also in der eigenen Entwicklungsabteilung kompromisslos bleibt und beispielsweise das Touch- und Tablet-Konzept zurückhält, um erst dem iPhone einen Weg zu bahnen und solange Apple darauf verzichtet, die überfälligen Notebooks zu ersetzen ehe nicht die Chipsatz-Problematik der Sandy-Bridge-Motherboards gelöst ist, sollte der Fortsetzung von Apples Erfolgsgeschichte nichts im Wege stehen. Und Steve Jobs möchte man fast wünschen, er wäre etwas weniger erfolgreich gewesen und hätte dafür mehr Glück mit seiner Gesundheit gehabt. Gute Besserung, Steve!








