Praxistest: Schallplatten digitalisieren – Teil 1
Ein Erfahrungsbericht mit CD Spin Doctor und Audacity
Es wurde Zeit etwas Platz zu schaffen und neben vielen Musik- und und VHS-Kassetten, für die kein Abspielgerät mehr in unserem Haushalt existiert, fanden sich eine ganze Menge Schallplatten die nicht einfach so verschwinden sollten. Schließlich hängen Erinnerungen dran und manche Schallplatten sind älter als ich selbst. „Lok 92.72 vor Personenzug in störendem Regen…“ oder „Herr Fuchs und Frau Elster – Geschichten aus dem Märchenwald“ sind schon etwas besonderes, was man heutzutage auch nicht mehr auf CD bekommt. Daher, auf zur Rettung!
Vorbereitung
Einige der alten Schätze finden sich sicher auch als CD- oder Download-Version, so dass man sich den Kauf eines Schallplatten-Spielers vielleicht sparen könnte. Aber es gibt nicht von allem eine digitale Version. Also hinein ins Internet und die Suche begann. Mein Favorit war ein Schallplatten-Spieler, welcher per USB an den Mac angeschlossen wird und die Daten schon digital liefert, Mac-Software inklusive. Aber wo bin ich da nur hineingeraten? Da gibt es in den Foren richtige Glaubenskriege! Tonarmwaage, verschiedene Nadeln, Laserabtastung!, unterschiedliche Plattenpressung…Ich will aber kein Soundstudio aufbauen, sondern einfach nur ein paar seltene Schallplatten digitalisieren. Ich verstehe ja noch, das es kein Billigteil vom Lebensmitteldiscounter sein sollte, aber all zu viel Geld wollte ich wiederum auch nicht investieren. Die Wahl fiel auf den Handytrax von vestax (inkl. Software für Mac und Windows). Leider war dieser zu Anfang des Jahres nicht lieferbar und der Termin verschob sich immer wieder. Damit blieb genügend Zeit sich vorzubereiten. Die Schallplatten haben wie bereits geschrieben, bereits einige Jahre auf dem Buckel und eine Reinigung vor der Aufnahme wäre sicher nicht verkehrt. Auch hier war das Internet sehr ergiebig, vom sehr preiswerten Mikrofasertuch, über Bürsten, bis hin zu „Schallplatten-Waschmaschinen“ – ja so etwas gibt es wirklich. Nur für den Privatmensch mit 20 Schallplatten weit überdimensioniert und nicht zu bezahlen. Für meine Zwecke sollten mehrere Mikrofaser-Tücher ausreichen um den Staub zu entfernen.
Da die Lieferung des Handytrax im Mai auf Juli verschoben wurde, griff ich zu „Plan B“ und lieh mir einen „Aiwa PX-E80“ welcher den Ton per Chinch-Stecker ausgibt. Angeschlossen an eine ältere Philips-Anlage konnte ich im ersten Versuch zwar die Musik erkennen, aber überlagert von vielen „Geräuschen“, um es nett auszudrücken. Nach vielem Probieren und dem ein oder anderen Gesprächen mit den Fachleuten unter den Kollegen, dann der letzte Versuch. Und dieser war schließlich erfolgreich: Der Schallplatten-Spieler durfte nicht an den Phono-Eingang angeschlossen werden, sondern an den normalen Audio-Eingang. Das Ergebnis des ersten Probehörens war besser als ich erwartet hatte.
Software
Da das Gerät von Aiwa nicht dafür gedacht war an einem Rechner seinen Dienst zu verrichten, wurde natürlich auch keine passenden Software dazu geliefert. Von der Grundausstattung des Macs her hätte ich es mit „Garageband“ versuchen können, dies kennt aber keine „Kratzgeräuschentfernung“ oder ähnliches. Seit längerer Zeit befindet sich „Toast Titanium 9“ auf meinem Mac, welches den „CD Spin Doctor“ enthält. Aktuell ist Version 10, welche aber lt. Roxio-Webseite keine Neuheiten für diesen Teil des Programmpaketes bringt. Dieses Programm, klang zumindest von der Beschreibung her genau nach dem, was ich suchte: Aufnahmefunktion, automatische Entfernung von Störgeräuschen, automatische Trackerkennung und Titelerkennung mittels Gracenote.
CD Spin Doctor (Toast Titanium) (Version 5.0/Mac)
Für jene, die dieses Programm auch nutzen möchten, gleich ein Tipp am Anfang: Ändert das Verzeichnis, in welchem die Aufnahmen gespeichert werden. Das erleichtert das wiederfinden der Aufnahmen erheblich, denn nach „/Library/ApplicationSupport…“ muss man erst einmal gelangen.
Um eine Aufnahme durchzuführen, stehen mehrere Wege zur Verfügung: Schritt für Schritt per Assistenten oder direkt im erweiterten Modus. Mit dem Assistenten kann man nichts falsch machen, denn alles ist ausführlich beschrieben. Vom Anschluss an den Mac, die Wahl des Audio-Einganges, die Einstellung der Verstärkung und der Aufnahmequalität gelangt man in den Aufnahme-Dialog. In diesem kann die Aufnahme gestartet, pausiert (praktisch zum wenden der Schallplatte) und beendet werden. Weiterhin gibt es die Möglichkeit die Aufnahme nach einer wählbaren Zeit automatisch stoppen zu lassen und den Ton während der Aufnahme abzuschalten. Die Aufnahme erfolgt dann im Hintergrund und man kann sich mit anderen Dingen beschäftigen. Hört man dagegen live mit, wäre eine Markerfunktion sehr nett um die Pausen zwischen den Tracks direkt setzen zu können.
Nach Beendigung der Aufnahme wird der Editor geöffnet, in welchem die Aufnahme als „Waveform“ zu sehen ist. Per Auto-Definition versucht das Programm einzelne Tracks zu erkennen. Der Erfolg hat sich diesbezüglich bei mir aber nicht eingestellt. Das zeigt sich meistens schon direkt in der falschen Anzahl der gefundenen Titel. Ein Test mit einer Audio-CD, welche im Vergleich zur Schallplatte keine Störgeräusche aufwies, war dagegen erfolgreich. Werden die Pausen nicht korrekt erkannt, lassen sich die Bereiche einzelner Titel zwar manuell verschieben, aber es kann nicht weit genug in die Waveform hineingezoomt werden um diese genau zu platzieren. Dadurch blieb am Anfang und Ende jeden Titels eine mehr oder weniger lange Pause. Dementsprechend versagt auch die automatische Identifizierung mittels Gracenote. Am Alter der Aufnahmen kann es nicht liegen, Shazam auf dem iPod touch identifizierte sie problemlos. Nur gibt es davon leider keine Desktopversion, die einem das manuelle eintippen der Daten ersparen würde. (Anmerkung der Redaktion: Für diesen Fall mal Tunatic ausprobieren; kostenlos und funktioniert am Mac und PC.) Gut gelöst ist die Möglichkeit die Titel direkt zu benennen und Informationen zum Album zu hinterlegen, wenn alle Titel korrekt markiert wurden. Diese Informationen werden anschließend in iTunes übernommen. Außer den Tracknummern, hier scheint das Programm einen Fehler zu haben. Eine Cover-Suche bietet der CD Spin Doctor nicht.
Nachdem die unbearbeitete Aufnahme gespeichert wurde, wurde sie über die Filterfunktion etwas aufgearbeitet – Klick- und Kratzgeräusche entfernt. Die Möglichkeit der Klangverbesserung habe ich dagegen nicht genutzt. Am Ende kann die Aufnahme direkt nach iTunes exportiert oder an Toast übergeben werden. Ein direktes Speichern auf Festplatte ist ebenfalls möglich.
Pro:
+ guter Aufnahmeassistent, besonders zur korrekten Pegeleinstellung
+ wahlweise automatische Entfernung von Klick- und Kratzgeräuschen
Contra:
– kein exakter manueller Schnitt der Aufnahmen möglich
– sehr selten korrektes erkennen der Pausen zwischen einzelnen Titeln
– bei Aufnahme von Schallplatten keine Erkennung von Titel/Interpret/Album
– keine manuelle Möglichkeit um Pausen während der Aufnahme zu markieren
Audacity (Version 1.3 beta / Mac, Linux und Windows)
Aufgrund der in meinen Augen mangelhaften Schnittmöglichkeiten des „CD Spin Doctor“ benutzte ich Audacity für diese Aufgabe. Hier kann sehr weit in die Waveform hineingezoomt und dadurch exakt geschnitten werden. Die Programmoberfläche ist nicht ganz so komfortabel wie die des „CD Spin Doctor“, aber nach etwas Einarbeitung findet man sich zurecht. Soll die Aufnahme ebenfalls mittels „Audacity“ erfolgen, empfiehlt es sich, die „Gleichzeitige Wiedergabe“ in den Programmeinstellungen zu aktivieren.
Nachdem die Rohaufnahme gesichert wurde kann mit der Arbeitskopie experimentiert werden. Als erstes habe ich bei meinen Aufnahmen das Rauschen entfernt (Effekt Rauschentfernung). Dabei wird zuerst ein Rauschprofil für die Aufnahme ermittelt und anschließend auf die Aufnahme angewendet. Die Möglichkeit des Probehörens bietet Gelegenheit die getroffenen Einstellungen zu testen. Mittels Klick-Filter wurden eben diese aus der Aufnahme entfernt. Sind die Pausen in der Waveform gut zu erkennen, zoomt man in die entsprechenden Bereiche und setzt einen Marker, an welchem später die Aufnahme geteilt wird. Da ich persönlich keine längeren Pausen zwischen den einzelnen Titeln mag, habe ich pro Pause zwei Marker gesetzt – einen am Ende des vorherigen Tracks und einem am Anfang des nächsten. Dies geschieht indem das Auswahlwerkzeug an der entsprechenden Stelle positioniert wird und Cmd-B (bzw. Ctrl-B in Windows) gedrückt wird. An dieser Marke findet sich eine kleine weiße „Fahne“. In diese kann direkt der Trackname eingegeben werden, welcher anschließend auch in iTunes übernommen wird. Eine Automatische Trennung mittels „Bei Stille trennen“ bietet Audacity ebenfalls, was bei mir durch das kontinuierliche Hintergrundrauschen bei den Schallplatten-Aufnahmen aber nicht funktionierte.
Sind alle Tracks mittels Textmarken markiert und beschriftet, können im Metadaten-Editor die für das komplette Album geltenden Daten gesetzt werden: Interpret, Albumname, Erscheinungsjahr, Genre und Bemerkungen. Der Export erfolgt anschließend über „Mehrere Dateien exportieren“ (Haken bei „Tonmarken vor der ersten Textmarke mit einschliessen“ sollte gesetzt werden, wenn sich bereits vor der ersten Schnittmarke ein Titel befindet). Um die einzelnen Titel nach MP3 zu exportieren ist der LAME-Encoder zusätzlich zu installieren. Vor dem endgültigen Export wird es etwas nervig, da für jeden einzelnen Titel die Meta-Daten zu bestätigen sind. Wurden aber z.B. die Titelnamen usw. noch nicht eingegeben werden, kann dies hier nachgeholt werden.
Im Export-Verzeichnis fanden sich nun ca. doppelt so viele Dateien wie eigentlich Tracks vorhanden sind. Das lag daran, das jede Pause mit zwei Schnittmarken markiert wurde und diese somit vom Audacity als eigenständiger Titel angesehen wurden. Ich habe mir im Finder die Größen der Dateien mit anzeigen lassen und so ließen sich diese Pausen-Titel recht schnell erkennen und löschen.
Audacity bietet weit mehr Möglichkeiten als hier erwähnt, aber mir ging es nur um das Digitalisieren von alten Schallplatten. Bei eventuellen Problemen bietet das Audacity-Forum kompetente Hilfe. Wer sich viel mit Audiobearbeitung beschäftigt, für den ist Audacity auf jeden Fall einen Blick wert. Nicht ohne Grund liegt das Programm diverser Hardware bei.
Pro:
+ kostenlose Freeware (eine Spende sollte aber drin sein, wenn es genutzt wird)
+ sehr weites hineinzoomen in Waveform und damit exakter Schnitt möglich
Contra:
– Programmoberfläche etwas gewöhnungsbedürftig
– Meta-Daten-Abfrage beim Export nervt – nicht abschaltbar in der Betaversion
– keine manuelle Möglichkeit um Pausen direkt während der Aufnahme zu markieren
Finetuning
Nach dem Import in iTunes sollte direkt die ganze Beschriftung der Titel nachgeholt werden, falls dies noch nicht geschehen ist, denn ansonsten hat man jede Menge „unbenannte“ Titel und Alben und kann sie nicht mehr auseinanderhalten. Gerade wenn man mehr Informationen möchte sind diese Daten wichtig, denn ohne diese kann iTunes keine passenden Cover finden. Ebenso scheitern andere Programme, wie zum Beispiel „Tune Instructor“ welcher neben passenden Covern auch nach Songtexten suchen kann.
Aufwand
Und wie lange dauert das Ganze nun?
Nächstes Problem
Nun befinden sich alle Titel in digitaler Form auf der Festplatte und schon taucht die nächste Frage auf: Wie abspielen? Ein MP3-Player kommt nicht wirklich in Frage, da das Ganze über eine Stereo-Anlage laufen soll. Auf CD brennen will ich die Alben auch nicht, also sollte es eine Art MediaCenter sein, welches eine einfache Auswahl erlaubt. Ich hatte mich schon auf das gerüchteweise, aufgetauchte neue AppleTV gefreut, aber bisher ist es bei einem Gerücht geblieben. Auf zur Suche…
















