Kintopp #4: Türkisch für Anfänger – Der Film
Langweilige und peinliche Persiflage auf einen großen Namen
Seit Jahren ist es in Hollywood Trend, die bedeutendsten Titel der Fernsehgeschichte zu entstauben und als große, schöne, actionreiche Neuauflage in die Kinos zu bringen: Das A-Team, 3 Engel für Charlie, Mission: Impossible sind nur einige der zahlreichen Wiedergeburten, und auch aktuelle Serien wie Die Simpsons oder Sex and the City kamen in der Vergangenheit nicht darum herum, sich auch an der Kinokasse beweisen zu müssen. Warum neue Wege einschlagen, wenn die alten Trampelpfade doch noch einigermaßen intakt scheinen? An deutschen Serien ist dieses Phänomen bisher vorbeigegangen, was zum einen an der relativ kleinen Zielgruppe deutscher Serien auf dem internationalen Fernsehmarkt und zum anderen an dem Umstand liegen mag, dass nur wenige deutsche Serien überhaupt das Potential hätten, im Kino zu bestehen. Bora Dağtekins Serie Türkisch für Anfänger ist so ein Format mit Potential: Bis vor wenigen Jahren im Ersten zu sehen, gehörte Türkisch für Anfänger zum Besten, was die ARD jemals an innovativen Serien im Programm hatte. Mit viel Wortwitz, herrlicher politischer Inkorrektheit und Charme von Staffelanfang bis Serienende vollgestopft, begeisterte die Patchwork-Familie Kritiker und Zuschauer. Umso unbegreiflicher ist es dann, dass der gleichnamige Kinofilm ein Paradebeispiel dafür ist, wie man den guten Namen eines tollen Formates in den Dreck ziehen kann.
Türkisch für Anfänger – Der Film: Auf der Insel ist die Hölle los
Das Grauen beginnt bereits mit der Handlung. Die frisch gebackene Abiturientin Lena Schneider hat es nicht leicht: Ihre von antiautoritärer Erziehung überzeugte Mutter Doris ist in den 68ern hängengeblieben und veranstaltet im Wohnzimmer Alkoholexzesse und Orgasmuspartys, ihr kleiner Bruder Niels entwickelt sich zu einem Einsiedler und für ihren Freund Frieder hegt sie mehr Ekel als wahre Gefühle. Zu allem Überfluss hat Mama Doris ihre Tochter zur Feier des bestandenen Abiturs nach Thailand eingeladen, um das Ende der Schulzeit mit Alkohol, Männern und durchfeierten Nächten zu würdigen – dabei will Lena nur ihre Ruhe haben und das anstehende Studium planen. Zur gleichen Zeit plant auch Familie Öztürk ihre Ferien auf Thailand: Vater Metin ist Polizist und nach der Ermordung seiner Ehefrau zum übervorsichtigen Schwarzseher geworden und Sohn Cem macht mit Schulproblemen, Träumen von einer Karriere als Rapper und zahlreichen Frauenbekanntschaften von sich reden – zum Leidwesen seiner Schwester Yağmur, die als streng gläubige Muslimin von Cems Lebenswandel wenig begeistert ist.
Schon auf dem Weg zum Flughafen begegnen sich beide Familien, als die Schneiders Metin und seine Kinder in einer 30er-Zone überholen: An der Ampel stellt Polizist Metin sie zur Rede, stößt aber auf Unverständnis. Blöd, dass die Familien auf dem Flug nach Thailand ausgerechnet benachbarte Plätze bekommen haben und sich beide Parteien auf stundenlangen Dauerstreit einstellen – vor allem Cem und Lena hassen sich auf den ersten Blick. Das Dilemma entschärft sich nicht, als das Flugzeug in Turbulenzen gerät, im indischen Ozean notlanden muss und sich Lena plötzlich mit Cem, Yağmur und dem stotternden Griechen Costa in einer Rettungsinsel wiederfindet. Denn statt auf baldige Rettung hoffen zu können, muss die Gruppe feststellen, dass sie abgetrieben und auf einer kleinen, auf den ersten Blick verlassenen Insel mitten im Ozean gestrandet ist. Nach kurzer Zeit der Panik erkunden die vier Gestrandeten die Insel und finden eine verlassene Hütte, in der auch ein altes Funkgerät zurückgelassen wurde. Doch der Kontakt zur Außenwelt erweist sich als schwierig und die Gruppe erkennt, dass sie noch einige Tage auf der Insel überleben müssen – möglichst ohne sich gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben.
Was einmal war, ist nicht mehr
Huch, was ist denn da passiert? Die Handlung hat mit der der Serie rein gar nichts gemein, ist also weder ein Prequel (was zugegebenermaßen schwierig wäre) noch ein Sequel der Serienhandlung – Türkisch für Anfänger – Der Film will es eben allen recht machen und lässt auch Zuschauer ohne Kenntnisse der Serie nicht außen vor. Prinzipiell ist das lobenswert, doch das Kino-Remake sammelt einen großen Haufen von Ungereimheiten an, die den Filmgenuss deutlich trüben: Lena Schneider, in der gleichnamigen Serie das intellektuell anstrengende Kleinod der Familie, läuft im Kinofilm als zickige, Alice Schwarzer-vergötternde Emanze über den Strand, benimmt sich mit 19 Jahren wie eine pubertierende Göre und verkommt zur klugscheißenden Phrasenhure. Cem, in der Serie zwar ebenfalls Macho, aber keineswegs dumm, verkörpert im Film den hohlen Draufgänger, der außer Beleidigungen und Gewalt keine nennenswerten Lösungsansätze für das Entkommen von der Insel anbietet. Yağmur und Costa, Metin und Doris ergeht es ähnlich, ihre Charaktere verkommen wie die der anderen zu Karikaturen ihrer einstigen selbst.
Dass die gesamte, leider allzu vorhersehbare Handlung an den Haaren herbeigezogen ist, wäre weiter gar nicht schlimm, wenn nicht etliche offensichtlich logische und dramaturgische Fehler den sowieso schon kaum vorhandenen Spannungsbogen noch erschlaffen ließen – keines der doch vorhandenen guten Elemente werden genutzt, um dem Film an irgendeiner Stelle Leben einzuhauchen. Zusätzlich sind die Motivationen der Protagonisten unerklärlich, nicht vorhanden oder absurd; ihre Entwicklung ist maximal rückwärtsgewandt und der menschlichen Logik entgegengesetzt. Zu allem Überfluss recycelt Türkisch für Anfänger – Der Film alte Gags aus der Serie, die politische Inkorrektheit der Serie verkommt ohne den Charme der einstigen Protagonisten zu bloßem Populismus, der Film scheitert an schalen Popkultur-Referenzen und schmeißt mit schlechten Metaphern um sich, dass es wehtut. Der Zuschauer durchlebt ein qualvolles Martyrium aus Holzhammerhumor, schalen Sprüchen und einem pubertärem Gagfeuerwerk, das zwar manch‘ humoröse Linie zieht, dabei aber nie sein volles Potential ausschöpft – Proll scheint Trumpf, doch Coming-of-Age mit Niveau geht anders.
Erstaunlich, dass Regisseur und Drehbuchautor Bora Dağtekin, der für die ARD-Serie verantwortlich war, seine Grundidee und seine Charaktere in derartiger Weise vor die Wand des unbedingten kommerziellen Kinoerfolgs laufen lässt. Erstaunlich ist es auch, dass das gesamte Ensemble der Serie sich tatsächlich auf ein Remake eingelassen haben, das ungewollt mehr Persiflage als Hommage an ein großartiges deutsches Fernsehformat ist.Die Schauspielleistungen von Josefine Preuß, Elyas M‘Barek, Anna Stieblich, Adnan Maral, Pegah Ferydoni und Arnel Taci sind dementsprechend nicht überragend; eher uninspiriert lassen sie im Sekundentakt ihre Küchenmetaphorik ab, lustlos agieren sie miteinander und stolpern durch die Langeweile des Inselparadies. Und wenn zum Ende des Films auch noch Katja Riemann und Günther Kaufmann in den absurdesten Rollen der Filmgeschichte auftauchen, wähnt man sich eher in einer Sat.1-Schmonzette denn in einem aufwändig realisierten Kinofilm.
Fazit: Türkisch für Anfänger – Der Film ist eine Qual
Wer Mario Barth witzig und RTL-Dokus nach Drehbuch anspruchsvoll findet, wird auch mit Türkisch für Anfänger – Der Film einen spaßigen Kinoabend haben können. Alle anderen bleiben besser bei der bewährten Serie, die zumindest mit Witz und Charme daherkommt. Der Kinofilm hingegen ist nicht mehr als der lahme Versuch, eine erfolgreiche Serie mit billigsten Mitteln auf die große Leinwand zu bringen – und musste schon daran scheitern, dass Bora Dağtekin seinen Charakteren jegliche Subtilität genommen und durch platte Stereotypie ersetzt hat. Mehr als eine Ansammlung von schlechten Gags, lahmen Sprüchen und einer inkonsistenten, noch dazu absolut vorhersehbaren Handlung darf man von Türkisch für Anfänger – Der Film nicht erwarten – gerade Fans der Serie wird das gar nicht gefallen. Immerhin haben alle Zuschauer massig Gesprächsstoff für einen langen Kneipenabend danach. Und zwei bis vier Bier sind nach diesem Machwerk auch notwendig.
Türkisch für Anfänger – Der Film; mit Josefine Preuß, Elyas M‘Barek, Anna Stieblich, Adnan Maral, Pegah Ferydoni, Arnel Taci und anderen; Regie und Drehbuch: Bora Dağtekin; deutscher Kinostart: 15. März 2012.








