Smells Like ÖPNV Spirit
Geruch und Schicksal im Nahverkehr
„Lieber in Bahn & Bus“, so heißt die aktuelle Kampagne der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), mit der für „gutes Benehmen im ÖPNV und überall“ geworben wird. Feine Sache das, wenngleich wenig Erfolg versprechend, denn das hübsche Kampagnenengelchen wird kaum verhindern, dass Ralle B. seine Treueschwüre zum örtlichen Drittligafußballverein ins Straßenbahnfenster ritzt („SGD voreffer“) oder Kevin A. und Justin G. das Video ihres enthirnten Lieblingsrappers nachspielen („Isch mach disch platt. Kack ab.“). Für die eingeforderte Rücksichtnahme wird viel eher die Schäublisierung des ÖPNV sorgen, Überwachungskameras also, die in neueren Dresdner Bussen und Bahnen bereits integriert sind. Was diesen großbrüderlichen Verfechtern digitalisierten Anstandes allerdings entgeht, sind all die Gerüche, mit denen die Fahrgäste aufwarten.
Gerüche, die vor allem im Winter beträchtliches Unwohlsein verursachen. Denn weil die Straßenbahnheizung nur zwei Zustände kennt, heiß und sehr heiß, befinden sich die Luftverhältnisse im Wageninneren auf dem Niveau von Brutkasten und Proktologie. Wie schön, dass just in solchen Momenten die buntbeflickten Zwölftsemestlerinnen Corinna und Josephine zusteigen, um ihre aus Döner und Dürüm bestehende dritte Vesper zu sich zu nehmen. Die Mischung aus extra viel Fleisch, noch mehr Zwiebeln, zu Boden stürzenden Knoblauchsoßekaskaden sowie Gesprächsthemen zur Transzendenz sozialer Tatbestände bedingt den Wunsch der Umsitzenden nach ersatzloser Streichung des hiesigen Soziologie-Lehrstuhls. Das mehrminütige Ausharren des Zugwagens an einer Haltestelle bei geöffneten Türen und -12° C ist da natürlich eine willkommene Abwechslung. Rhinitis ruft.
Im Sommer freilich wird dieser Vorgang variiert durch ärmellose Batik-Shirts und der Zurschaustellung unrasierter Naturverbundenheit. Das Praktikum beim Biobauern hatte es in sich, und so entströmt den Achseln von Cori und Josi, wie sie liebevoll von ihren mittranspirierenden Freundinnen Heddi und Tessie genannt werden, beißender Schweißgeruch. Der Kampf der Straßenbahnlüftung gegen La-Ola-Wellen-schlagende Poren ist vergebens, und die Umsitzenden sehnen sich nach der Schließung der hiesigen Universität.
Diese allerdings wurde kürzlich und zum Zwecke notwendiger Renovierungsarbeiten von Jochen und Horstl besucht, zwei Hilfsarbeitern, die ihr wohlverdientes neuntes Feierabendbier nun in der Straßenbahn zu sich nehmen. Aus den plastenen Lidl-Trophäen dringt süßlicher Prekariatsduft, begleitet vom Bukett einer im besten Falle nicht zu Ende gerauchten und daher sorgfältig hinterm Ohr verstauten Zigarette.
Empört erhebt sich ein Fahrgast (Gerüchte sprechen vom geruchssensiblen Edelkommentator merscho), um sich eine andere Sitzgelegenheit zu suchen. Diese jedoch erweist sich als Bart gewordnes Eau de Klosett: In unmittelbarer Nachbarschaft hat es sich Herr Richter bequem gemacht – Lebenslauf und Obdach liegen im Dunkeln, ebenso der letzte Termin von Kleiderwechsel und Körperreinigung. Der Geruch des Billigfusels, der auf Herrn Richters Beinkleid schwappt, ist noch der angenehmste in seiner Umgebung, und in das Mitleid der Fahrgäste mischen sich Ekel und Angst, vom Duft der Gosse assimiliert zu werden.
Nur Aslan Ü. hat keine Angst. Er befindet sich auf dem Weg zu Melek C., seiner Geliebten, und hat deshalb ein mehrstündiges Moschus-Bad genommen. Nach diesem versenkte er die wichtigsten Körperpartien in seiner Parfümsammlung und fühlte sich gerüstet „fü de harde Sex“, wie er stolz seinem Bruder Cem und allen Fahrgästen mitteilt. Aslan aber muss sich harter Konkurrenz erwehren. Schließlich war Frau von Muldenstein-Bühler, gold- und diamantbehangen (höchstwahrscheinlich Imitate), nicht untätig: In der Umlaufbahn ihres kolossalen Leibes tummeln sich mannigfaltige Düfte, und während die obere Hälfte von Frau von Muldenstein-Bühler im schweren, aber stechenden Vanillearom schwelgt, geht es im unteren Teil herbstlich herb zur Sache.
Dass es die Erinnerung an diese Flimmerhärchen-Orgie war, konnte Fitness-Henry jedoch ausschließen, nachdem er sich ins Bahninnere erbrochen hatte. In der anschließenden Diskussion mit den befreundeten Hantelbänklern waren die Schuldigen aber schnell gefunden: vierzehn schlechte Alkopops und zuviel Bass im Technotempel. Mit dieser Erkenntnis verließ man die Bahn Richtung Tankstelle (Nachtschalter), ohne natürlich zu vergessen, ein schmales Straßenbahnfensterchen zu öffnen, damit der durchdringende Geruch des Erbrochenen (gelb-orange) entweichen könne. Danke, Henry.
Würde nun aber Unfreundlichkeit stinken, wäre die DVB-Mitarbeiterin von heut Morgen die Königin der Darmwinde. Denn weil auf meiner Arbeitsplatzzubringerlinie eine „Störung“ aufgetreten war, wollte ich mich nach Schienenersatzverkehr erkundigen. Deshalb betrat ich frohgemut jene Lokation am Dresdner Postplatz, die sich ein Zeitungsladen und eine DVB-Filiale teilen. Nach einem freundlichen „Guten Morgen“ wandte ich mich dem DVB-Schalter zu, wo besagte DVB-Mitarbeiterin – rund und schwer schätzbaren Alters (etwa 55 bis 70) – Zahlenkolonnen auf ein Zettelchen schrieb. Nach etwa einer Minute, in der ich nicht beachtet wurde und die Zahlenkolonnen lang und länger wurden, vernahm ich die Stimme der weitaus hübscheren Zeitungsverkäuferin: „Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen, meine [Pause] Kollegin hat noch nicht [Pause] offen.“ Nachdem sie mein Anliegen aber nicht beantworten konnte, ließ sich die DVBlerin tatsächlich herab, mir Auskunft zu geben. Ob sie diesen Aufwand wohl als Überstunde geltend machen wird?
Müßig zu sagen, dass die Sache mit dem Schienenersatzverkehr nur äußerst mäßig funktionierte. Das hat mir vielleicht gestunken!








