ÖPNV & The Clash of Civilizations
Eine kleine Anekdote
Neulich, im ÖPNV, verteilte sich Hacki, ein zerfledderter Jungpunk, über vier Sitze der Straßenbahn: Die schweren Stiefel selbstredend auf den gegenüberliegenden Sitzen lagernd, in der linken Hand eine Flasche Billigbier, während die rechte Hand wie zum Schutze auf dem mit Revolutionsstatements verzierten Rucksack voller Billigbier lag. Mit sich zufrieden, blickte Hacki aus dem Fenster, erinnerte sich der saftigen Wiesen vor Heiligendamm und rülpste lautstark vom Billigbier.
Bald stieg ein älteres Ehepaar zu, beide Ende 60, bebrillt, gebürstet und aufrechten, strengen Ganges. Noch bevor sie Platz zu nehmen in der Lage waren, fielen ihre Blicke auf Hacki, den zerfledderten Jungpunk, den sie gemeinsam und kopfschüttelnd ein langes Minütlein musterten. Dann, vom vorwurfsvollen Schauen angeschlagen, sank Großvater auf einen Zweiersitz nieder, während Großmutter drei Schritte auf Hacki zuging und ihn erbost aufforderte: „Nehmen Sie bitte Ihre Füße vom Sitz!“
Hacki freilich rülpste, denn ihn kümmerte Großmutters Ansinnen wenig. Erschüttert von dieser Unverfrorenheit nahm sie auf einer Vierergruppe Platz, Dauerwelle und Busament wallten, und im Duett mit ihrem etwas entfernt sitzenden Gatten beobachtete sie Hacki weiterhin misstrauisch, argwöhnisch, lauernd.

Hacki aber fühlte sich angesichts seiner Bewacher unwohl, schließlich war es der Überwachungsstaat, gegen den er seit je und vorm Großmarkt kämpfte. Und so muss er sich zu einem Augenaufschlag oder einer anderen obszönen Geste hingerissen gefühlt haben, denn plötzlich gurgelte Großvater zornestrunken: „Du kommst jetzt her, wenn du Händel suchst!“
‚Aha, alte Schule’, dachte ich mir, wohlwissend, dass Großvaters Unmutsbekundung nicht gemünzt war auf den gemeinsamen Besuch etwa einer Oper des alten Georg Friedrich. Vielmehr entstammte Großvaters Wortwahl einer längst im Denglischen aufgegangenen Epoche deutscher Sprachkultur, denn wer zu Kaisers Zeiten Händel suchte, war schlicht und einfach auf Streit aus. – Hatten wir es also mit einem stolzen Sprachhüter, einem Legionär des Wortes, gar einem Robin Hood der Linguistik zu tun? Wir wissen es nicht.
Hacki jedenfalls ließ, trotz des vertrauten Dus im Anwurf, den Fehdehandschuh liegen und rülpste. Wutentbrannt erinnerte sich nun Großvater seiner Funktionen als Vorsitzender des christdemokratischen Anglervereins (VCDA), als ehemaliger MfS-Bezirksgruppenleiter der Hauptabteilung Kader und Schulung (HA KaSch) und als Rächer aller ohne Sitz Gebliebnen (RaoSG), erhob sich daraufhin und entschwand ins Bahninnere. Kerberos, sein Weib, hielt Stellung.
Wenig später erschien strammen Schrittes der Straßenbahnführer, hinter ihm Diederich Heßling der schnaufende Großvater, der also Hilfe geholt hatte. Die Instanz postierte sich vor Hacki, dem zerfledderten Jungpunk, und befahl: „Wir hatten hier Beschwerden! Wo waren Ihre Füße? Wenn das wieder vorkommt, verweise ich Sie der Bahn!“ – Sprach’s, machte kehrt und wurde von Großvater, der in sicherer Entfernung Stellung bezogen hatte, noch einmal zur Seite genommen.
„Sie müssen doch noch die Personalien aufnehmen“, erinnerte Großvater in mahnendem Tone den Uniformierten. Dieser nickte kurz und eilte zurück in die Straßenbahnführerkabine. Wir fuhren weiter.
Für manche ist die Welt klein. An der nächsten Haltestelle dann stieg Hacki aus.








