Kommentar zu Apple: Der Hype frisst seine Kinder!

von sven-kaulfuss

· 4 min Lesezeit

Gedanken eines wahren Fanboys – Songs by Tocotronic
Wer bin ich? Mein Name ist Sven Kaulfuß, Mac-User seit 15 Jahren, 11 davon verdinge ich mich als Cyberport-Mitarbeiter. Schon Anfangs waren die Rollen klar verteilt: „Das ist der Kaule, Mac-Fan!“ Mein Fan-Sein der frühen Jahre verdanke ich meine heutige, berufliche Heimat. Fürwahr, ich gab Apple in den letzten 15 Jahren jede Menge Geld und Leidenschaft, dafür erhielt ich Technik und eine Horizonterweiterung die es mir ermöglichte mit meinem Enthusiasmus Geld zu verdienen – ein gutes Tauschgeschäft. Ich liebte es nahezu Mac-User zu sein: Du bist was du kaufst und nutzt! Eine einfache und überschaubare Philosophie. Ich und zig Gleichgesinnte fühlten sich wohl in der Rolle der digitalen Rebellen, die dem Mainstream der Windows-Jahre versagten. Heute ist Apple im einstmals verhassten Massenmarkt angekommen – „Think Different“ nur noch ein Spruch aus vergangen Tagen. Der einstmals verständliche Hype kehrt sich um – Abstand vonnöten.
Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit (YouTube-Link)
Heute belächeln wir ältere Semester die „neuen Fans“, welche sich in der Frühe vor den Apple-Stores postieren um das Geld von Papi in ein magisches iPad verwandeln wollen. Doch waren wir so anders? Auch ich stand im Jahre 2000 gegen sechs Uhr morgens vor dem Jacob K. Javits Convention Center in New York um MC Jobs erleben zu dürfen. Damals war Apple gerade wieder erstarkt, doch noch weit weg um von der breiten Masse akzeptiert zu werden. Man fühlte sich wohl, die bisherige ereignisreiche Geschichte von Apple wurde Teil der eigenen Identität. Man wahr nicht nur Apple-Kunde sondern zugleich Evangelist, aus einem inneren Bedürfnis heraus wollte man die Unwissenden bekehren. Apple war ein Underdog, dies gefiel uns – waren wir selbst doch auch nicht unbedingt die Helden in der Schule, der Uni oder beim Job. Apple wurde immer erfolgreicher, die Prophezeiungen und Wünsche der alten Tage erfüllten sich: Mac OS X war nach ersten Anlaufschwierigkeiten zur Referenz im Desktop-Markt geworden, der iPod revolutionierte die Musikindustrie und mit dem iPhone zeichnete sich der nächste Hit ab – und doch, irgendetwas stimmte nicht mehr.

Ich mag dich einfach nicht mehr so (YouTube-Link)
Apple und insbesondere Steve Jobs war und ist nie ein Befürworter der Basisdemokratie gewesen – Steve befiehl, wir folgen dir! Doch mehren sich die Indizien, dass das frühere Gleichgewicht der Kräfte ins wanken gerät. Zensur im App-Store, Mimosenhafte Anwandlungen beim Vertrieb (Stichpunkt iPhone und iPad) und das teilweise sehr unkritische Gebaren der Presselandschaft – all dies im Zusammenhang mit einer immer stärkeren Marktmacht lässt in mir Zweifel aufkommen. Spätestens seitdem sich Springer-CEO Mathias Döpfner im amerikanischen Fernsehen erdreistete den täglichen Gottesbeistand für Steve Jobs einzufordern, war auch mir klar: Hier ist was faul im Apfel-Staate. Allen voran die Bild-Zeitung, das Zentralorgan der Dummheit in dieser Republik, schlägt sich auf die Seite des ehemaligen Underdogs? In diesen Tagen lernt Apple, was es heißt tatsächlich im Massenmarkt anzukommen, Querdenker stehen diesem Vorhaben natürlich im Wege.

Ich bin viel zu lange mit euch gegangen (YouTube-Link)
Fassen wir also zusammen, unstrittig sind Apple-Produkte in ihrer Funktionsweise immer noch ein herausragendes Beispiel für konsequente Entwicklungsleistung. Doch verkommen diese immer mehr zu seelenlosen Lifetyle-Artikeln, die von einer neuen Generation Fanboys grundsätzlich gekauft werden müssen. In früheren Zeiten basierte die Coolness Apples auf einer Kombination von Innovation und Geist – heutzutage beschränkt sich dieses Image allein auf das Produkt. Die Geschichte dahinter gerät in Vergessenheit. Zurückbleibt eine Pseudo-Coolness die die „alten“ Kunden abschreckt und nur noch die unkritische Masse anspricht. Apple steht mit einer solchen Markenentwicklung nicht alleine da, Sony bspw. war vor Jahren noch echter Innovator, durch Selbstüberschätzung und Arroganz ist der ehemalige Branchenführer aus Japan heute nur noch ein Schatten seiner selbst – in diesem Sinne, wehret den Anfängen.

Es ist egal, aber (YouTube-Link)
Grundsätzlich könnte mir die Firma Apple gleich sein, schließlich war und bin ich in den letzten 15 Jahren nicht nur Mac-User gewesen. Mit dem Alter kommt die Weisheit – so hofft man. Und doch, existiert wieder ein inneres Bedürfnis diese Zeilen aufs virtuelle Papier zu bringen. Fanboys wie ich treten momentan einen Schritt zurück und überlassen den „Neuen“ das Feld vor den Apple-Stores dieser Welt. Doch vergessen können wir nicht, wir werden weiter unsere Macs und Gadgets kaufen – wohlüberlegt, nicht aus dem „Must-Have-Zwang“ heraus, sondern weil wir Werkzeuge benötigen um unsere Ideen in Form und Gestalt zu bringen. Nicht weil wir unseren Sexual-Reiz beim anderen Geschlecht steigern möchten (dies hat übrigens früher auch schon nicht funktioniert ;-]), sondern für uns „objektiv“ keine Alternative besteht. Wir werden noch da sein, wenn Opportunisten wie ein Mathias Döpfner die nächste Sau durchs Dorf treiben – Think Different!

Kommentare

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Gepostete Kommentare

SteveJ 29.05.2010, 06:25 Uhr

Sehr gut, einer der "alten" Generation spricht mir aus dem Herzen! Und wehe ihr habt heute keine iPads um mein Fanboy Herz zu befriedigen ;-)

Jan.Profan 29.05.2010, 14:22 Uhr

Großartiger Artikel, ich pflichte dir zu 100 Prozent bei.

kujomuc 30.05.2010, 08:27 Uhr

Ganz toller Artikel. Spricht auch mir aus ganzem Herzen. Bin ja Apple indirekt dankbar dass es so gekommen ist. Ich kaufe nicht mehr "blind" alle meine technischen Gadgets bei Apple. Schaue mich jetzt auch vermehrt bei allen anderen um. Das iPad habe ich in der jetzigen Version schon abgeschrieben, und mir ein Sony Vaio X11 gekauft - und bin nicht unglücklich damit.

Karl 30.05.2010, 15:27 Uhr

Schöner Artikel, gut geschrieben!

Olaf Siegel 30.05.2010, 15:58 Uhr

@Sven: Ich sehe das ganz nüchtern. Apple pflegt wie viele andere bekannte Marken im Konsumgüterbereich die konsequente Markenführung als wesentlichen Bestandteil einer erfolgreichen Unternehmensentwicklung. Mit ist das klar geworden, als ich im letzten Herbst in San Francisco und in Soho im Apple Store war. Wenn man dort gegenüber in einen Store von Diesel oder Guess geht, ist das in punkto Markeninszenierung auch nicht viel anders. Einen Unterschied macht vielleicht die größere Anzahl an Verkaufsberatern in den Apple Stores aus. Das liegt aber daran, dass viele Kunden konkrete Fragen zur Nutzung und Bedienung haben. In Städten wie San Francisco und New York gehört Apple zum gewöhnlichen Alltag der etwas höherwertig konsumorientierten Leute wie hierzulande Audi oder Boss. Wir setzen in unseren Cyberport Stores in Berlin und Dresden auf eine markengerechte Präsentation und vor allem kompetente Beratung. In unserem Online-Shop setzen wir auf eine große Anzahl an Ausstattungsvarianten und ein sehr umfangreiches Zubehörsortiment. Worauf Apple in Deutschland unbedingt achten muss, ist die Beschädigung der Marke durch die discountorientierte Vermarktung bei den großen Elektronikketten und neuerdings bei vielen Elektronikhändlern im Internet, zu vermeiden. Das Verramschen an jeder Ecke ist das größte Risiko für Apple. Das ist aber bei allen Markenartiklern die eigentliche Gefahr im Mainstream.

Sven Kaulfuß 30.05.2010, 17:39 Uhr

Vielen Dank zunächst für die positiven Rückmeldungen auf meinen Artikel, freut mich, dass man doch nicht ganz allein mit seiner Meinung dasteht. @ SteveJ: Hoffe du hattest Glück und konntest dein iPad noch ergattern. @ Olaf: Ich sehe die Situation schon realistisch, daher auch mein gewachsener Abstand zu bzw. die kritische Auseinandersetzung mit Apple. Ich pflichte dir bei, Apple mittlerweile als normalen Markenartikler zu betrachten. Dies mit allen Vor- und Nachteilen für die Firma. Der Vorteil besteht vor allem im aktuell und zukünftig gut laufenden Geschäft für die Kalifornier, hierfür bedarf es „nur noch“ einer geschickten Markenführung. Man könnte es zynisch auch als das sprichwörtliche Melken der Kuh bezeichnen. Nachteilig ist indes jedoch die zu erwartende Austauschbarkeit der Marke. Momentan ist dies noch nicht der Fall, doch wie beschrieben am Beispiel Sony, ist eine mögliche Entwicklung dahin nicht von der Hand zu weisen. Solange sich die „alte Garde“ der Fanboys wie unsereins noch aktiv den Kopf darüber zerbricht, ist das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen. Doch wie steht es um die neue Generation von „Fans“? Ähnlich wie bei Kleidungsstücken spielt der Faktor „Coolnes“ zwar eine nicht zu unterschätzende Rolle für den Kauf dar, allerdings ist dieser Kult-Faktor bei einer Vielzahl der Kunden nur auf Zeit an Apple vermietet. Will heißen, bei erneuten Misserfolg durch eine fehlgeleitete Markenführung (bspw. durch die von dir erwähnte Überdistribution plus die von mir genannten Imageproblematiken), sind diese neu gewonnen Kunden auch ganz schnell wieder weg. Meiner Meinung nach muss Apple wieder verstärkt auf etwaige Vorwürfe eingehen. Das Beispiel Greenpeace (so populistisch es auch sein mag) hat gezeigt, dass Apple durchaus eine Bewegung für sich positiv assimilieren kann – seitdem wird Apple nicht müde zu betonen, wie umweltfreundlich die Produkte sind, ein Faktor den vorher in Cupertino niemanden interessiert hat. Nun, bevor Apple bspw. durch die Justiz gezwungen wird, Beschränkungen des App-Stores aufzuheben, sollte man aktiv das Thema für sich vereinnahmen und z.B. eine unabhängige Kommission berufen, die über die Pressefreiheit innerhalb des App-Stores wacht.

tseter 30.05.2010, 19:24 Uhr

ihr seid süß!

Sascha 30.05.2010, 20:18 Uhr

Hallo Sven, du hast den Nerv vieler alter Macuser getroffen. Schauen wir mal wie sich Appel in den nächsten Jahren weiter entwickelt. Gruß Sascha

SteveJ 02.06.2010, 15:59 Uhr

@ Sven Erfolgreich eins bei euch in Berlin Steglitz ergattert. Aber von dem ganzen Hype war da nichts zu merken, von wegen Schlangen oder so.... Konnte in Ruhe vor dem Laden meinen Kaffee trinken ;-) Aber nochmal danke für den Tipp mit Steglitz...

Hannes 03.06.2010, 11:10 Uhr

Volltreffer, Sven! Es ist echt schade, dass der ursprüngliche Kernmarkt (die Kreativen) von Apple immer mehr vernachlässigt wird. So cool ein iPad sein mag, es ist zum reinen Konsum von vorausgewählten Inhalten konzipiert. Das ist pures »think like us«.

max 04.06.2010, 07:36 Uhr

Super Artikel... Vorallem sehr passende Titel von Tocotronic-Songs. Es lebe die Hamburger Schule :-)

Harlekin 13.06.2010, 08:33 Uhr

Trifft den Nagel auf den Kopf und leider wahr.

JayUny 21.11.2010, 13:45 Uhr

Toller Artikel! Absolut meine Meinung.

Ulf 22.11.2010, 10:05 Uhr

Der Artikel ist "schon älter", nach digitalen Maßstäben. Aber immer noch aktuell und sehr gut geschrieben - ich lese ihn heute bereits zum zweiten Mal. Täglich um mich herum nur noch Leute mit iPhones, die ihre "Das.hat-man-jetzt" / "Das-ist-cool" / "Ich-will-Äpps"-Geräte noch nicht mal zum Telefonieren nutzen (dazu haben sie ihr Dumbphone), das iPad als "magisches und revolutionäres gerät zu einem unglaublichen Preis" verfolgt mich überall. In jedem Ramschmarkt, in jeder U-Bahn-Station, in jeder Sicherheitskontrollschlange am Flughafen. Ich konnte mit Apple nie wirklich was anfangen, aber Sony fand ich großartig, als sie noch Großes gemacht haben (etwa Hifi-Bausteine, die ihre Besitzer locker überleben konnten und mit schweineviel Materialeinsatz von beinahe-Wahnsinnigen erbaut wurden). Was Sony versäumt hat und Apple wohl auf ewig Geld einbringen wird: nicht nur die Hardware machen, sondern auch gleich noch den Inhaltemarkt gnadenlos kontrollieren. In den Walkman haben die Leute selbstgeschnitzte Tapes gepackt. Auf ihren iPod kommt Musik von Papa Steve. Für die, die Apple "schon immer" gut fanden muss der aktuelle Mummenschanz ("unsere tägliche iPhone-Meldung gib uns heute, lieber Spiegel") und das Gehabe von den "Neuen" tatsächlich befremdlich sein. Für mich sowieso ;)

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