Kintopp #3: The Artist

von jakob-bokelmann

· 7 min Lesezeit

Fesselnde Schwarz-Weiß-Reminiszenz an die Stummfilmära
Ist es mutig, im bunten, lauten und schnellen 21. Jahrhundert einen schwarz-weißen Film als Reminiszenz an den Stummfilm zu produzieren, der bis zum Ende fast ohne gesprochene Dialoge auskommt und auf bloße Mimik, Gestik und Musikuntermalung setzt? Oder ist es im Gegenteil eine pragmatische Entscheidung gewesen, die durch die Distanzierung von den Sehgewohnheiten heutiger Rezipienten zum Mainstream konträres, pseudointellektuelles und damit werbewirksames Kino zu vermarkten versucht? Mit absoluter Bestimmtheit kann diese Frage wohl nur Michel Hazanavicius, Regisseur und Drehbuchautor des Films The Artist beantworten, doch sicher ist: Der französische Film war beeindruckende zehn Mal für den Oscar 2012 nominiert und hat immerhin fünf der begehrten Trophäen einstreichen können, darunter die Preise für den Besten Film und die Beste Regie. Dazu gesellen sich drei Golden Globe Awards, sieben Auszeichnungen bei den britischen BAFTA Awards und sechs Preise beim französischen Filmpreis César. Und ein derartiger Preisregen gelingt einem Film nicht bloß durch den Umstand, dass er technisch anders ist. Lassen wir uns also ein auf eine Reise in längst vergangene Zeiten, in denen The Artist George Valentin droht, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
The Artist: Auf den falschen Film gesetzt
Die Welt schreibt das Jahr 1927, in den USA versprechen die Roaring Twenties ein Leben im dekadenten Überfluss und die Glanzzeit der pompösen Filmpaläste lockt Millionen von Zuschauern in die riesigen und eleganten Kinosäle. George Valentin ist Teil dieser Milliardenindustrie, ein gefeierter Schauspieler des Stummfilms, der unter Vertrag bei den renommierten Kinograph Studios steht und ein pompöses Leben im Glanze der Öffentlichkeit führt. Bei der Uraufführung seines Streifens A Russian Affair begeistert der Frauenheld und Medienliebling die Massen mit Slapstickeinlagen und wähnt sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Vor dem Premierenkino stößt er im Gedränge der Menschen mit seinem Fan Peppy Miller zusammen, posiert mit ihr spaßeshalber für die Fotografen und löst damit eine riesige Medienkampagne aus: Ganz Hollywood fragt sich, wer die geheimnisvolle Frau an der Seite des verheirateten Valentin sein könnte.

Valentins Ehefrau Doris ist erbost, Produzent Al Zimmer fürchtet einen Skandal, der seinem Star auf lange Sicht schadet. Peppy Miller hingegen wittert die Chance, aus dem zeitweiligen Ruhm Profit zu schlagen und an der Seite des großen George Valentin selbst ins Rampenlicht zu rücken. Sie bewirbt sich für Valentins neues Filmprojekt A German Affair als Statistin – gegen den Rat von Al Zimmer besteht der Schauspieler darauf, dass Peppy Miller an dem Film mitwirken darf. Nach den Dreharbeiten begibt sich Miller heimlich in die Garderobe Valentins und bedankt sich bei ihrem großen Idol. Angetan von soviel Zuneigung, verrät er ihr das Geheimnis seines Erfolgs: Im Filmgeschäft müsse man sich einzigartig und unersetzbar machen. Valentin malt Miller einen Schönheitsfleck über die Oberlippe, den sie fortan als Markenzeichen beibehält. Die geladene Stimmung des geheimen Treffens wird von Valentins Chauffeur Clifton zerstört – doch der große Star und die kleine Statistin verlieren sich nie ganz aus den Augen.

Während sich Peppy Miller in den Folgejahren von der Komparsin zur vielbeachteten Schauspielerin hocharbeitet, steht Valentins Leben unter keinem guten Stern: Sein Produzent will von nun an auf den neuen Tonfilm setzen, der Valentins Karriere als Stummfilmschauspieler beenden würde. Erbost produziert Valentin mit eigenen Mitteln den Stummfilm Tears of Love, um sich gegen den Tonfilm zu positionieren. Ausgerechnet am selben Tag wie der Tonfilm Beauty Spot debütiert Valentins Regiearbeit, doch nur wenige Zuschauer interessieren sich noch für den Altstar; die Massen sind begeistert von den im Film sprechenden Schauspielern und der neuen Filmikone Peppy Miller. Der Börsencrash von 1929 und sein gescheiterter Film treiben Valentin privat wie beruflich in den Ruin: Die Große Depression in den USA wird für die Filmlegende zu einer persönlichen Bewährungsprobe.


Deutscher Trailer zum Film The Artist

Vom Stummfilm zum Tonfilm: The Artist verarbeitet Filmgeschichte 
Keinesfalls aus der Luft gegriffen ist die Handlung von The Artist, die Drehbuchautor Michel Hazanavicius seinem Protagonisten George Valentin aufbürdet: Als Ende der 20er-Jahre der Tonfilm den Stummfilm zu verdrängen drohte, bangten zahlreiche Legenden des Stummfilms um ihre Existenz. Viele waren stimmlich nicht in der Lage, ihre Karriere im Tonfilm fortzusetzen, ganze Filmorchester, die Stummfilme musikalisch begleiteten, waren über Nacht nicht mehr von Nöten und wurden von den großen Filmpalästen entlassen. In Deutschland gab es seitens der Musikerverbände Boykottaufrufe, die den Zuschauern mit gesundheitlichen Bedenken gegenüber dem Tonfilm von der Notwendigkeit und Alternativlosigkeit des Stummfilms zu überzeugen versuchten. Schauspielgrößen wie Charlie Chaplin produzierten sogar bis Mitte der 30er-Jahre ohne Ton, mussten sich dann allerdings dem Publikumsdruck beugen. The Artist arbeitet also ein Stück Filmgeschichte auf, indem sich der Film der Stilmittel und technischen Begebenheiten der Frühzeit des Films bedient: Vollständig in Schwarz-Weiß gehalten, kommt der Film fast ohne gesprochene Dialoge aus. Wenige dramaturgisch wichtige Schlüsselsätze werden in Zwischentiteln eingeblendet, unterlegt ist der Film größtenteils mit Orchestermusik, die mit der 80-köpfigen Brussels Philharmonic eingespielt wurde.

Neben Filmkompositionen des französischen Komponisten Ludovic Bource wurde auch bekannte Filmmusik als Hommage an das frühe Hollywood arrangiert. Das mag eine ungewöhnliche und für manchen Zuschauer vielleicht auch unnatürliche Rezeption eines Films bedeuten, ist aber unheimlich spannend: Durch den Wegfall eines Erzähler, den Verzicht auf Charakterisierungen in Gesprächen, den Entfall zahlreicher Absichtserklärungen der Protagonisten in der direkten Rede verbleibt der Zuschauer nicht in seiner passiven Rolle des Wahrnehmens, sondern ist gezwungen, aktiv mitzudenken, Assoziationen herzustellen und Details in Mimik und Gestik zu deuten. Die Erfahrung in der Rezeption wird bereichert, weil der Zuschauer viel tiefer in den Film eintaucht, seine eigenen Gedanken und Gefühle einbringen muss und trotz – oder gerade ob – der Abwesenheit von gesprochener Sprache näher an der Handlung ist. In diesem Sinne ist der Verzicht auf Sprache kein Verlust, sondern ein Gewinn für Film und Zuschauer; gar ein Beweis dafür, dass sich eine gute Dramaturgie durch ganz wenige richtungsweisende Dialoge und Musik etablieren kann. Eine Erkenntnis, die das heutige Kino vielleicht nicht vergessen hat, sich aber öfter zu Herzen nehmen sollte.

Spannend ist es dann auch, dass The Artist zwischenzeitlich mit seinem eigenen Konzept bricht, gezielt Töne und Sprache einsetzt, um die Sprachlosigkeit des George Valentin zu untermauern. Geschrieben mag das wie ein äußerst billiges Stilmittel erscheinen, im Film aber sind diese Einschnitte effektvoller als jedes Actionfeuerwerk des Hollywood-Mainstreams. Doch nicht nur für den Zuschauer, vor allem auch für die Schauspieler ist der Film eine ganz neue Erfahrung: Jean Dujardin (u.a. 39,90), verkörpert bravurös den gefeierten und dann gefallenen Star George Valentin und wurde dafür zurecht als Bester Hauptdarsteller bei den Oscars 2012 ausgezeichnet; Bérénice Bejo (u.a. Prey) brilliert in ihrer Rolle als Peppy Miller und war für verschiedene Filmpreise gleich sieben Mal als beste Haupt- bzw. Nebendarstellerin nominiert. Beide überzeugen in ihrer tonlosen Gestik und Mimik, sind Meister der Körperbeherrschung und schaffen es, die Zuschauer ohne Worte, durch bloße Kunst und sprachlose Komik, in ihren Bann zu ziehen.

Fazit: The Artist hat das Zeug zum Klassiker 
The Artist ist ein Film, den man am wenigsten von dem Mann erwartet hätte, der ihn geschrieben und produziert hat: Michel Hazanavicius erregte in der Vergangenheit bloß durch seine beiden Agentenparodien OSS 117 Aufmerksamkeit – eher leichte Kost im Vergleich zum in allen Belangen anspruchsvollen The Artist. Doch das tut dem Film keinen Abbruch, denn Hazanavicius schafft mühelos den Sprung vom Slapstick zum formvollendeten Film, der das Zeug zum Klassiker hat. The Artist ist Mainstream-Arthouse in Perfektion, Hollywood-Programmkino für die Massen und macht genau deshalb Spaß, weil es nicht mehr sein will.

Viele Filme wären ohne Dialoge undenkbar, viele Filme zeichnen sich gerade durch einen brillanten Schlagabtausch der Protagonisten aus. Und The Artist ist auch kein Plädoyer für den Stummfilm, es ist ein Film, der eine Hommage an die Frühzeit des Kinos darstellt; Hazanavicius selbst bezeichnete ihn gar als „Liebesbrief ans Kino“. The Artist ist ein Film, der auf einfache und unkomplizierte Art und Weise das greifbar macht, was Millionen und Abermillionen von Kinozuschauern vor acht oder neun Jahrzehnten noch erlebt haben: Dass ein guter Stummfilm keiner Worte bedarf. Und The Artist ist sogar ein exzellenter Film. Ohne Worte.

The Artist; mit Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle und anderen; Regie und Drehbuch: Michel Hazanavicius; deutscher Kinostart: 26. Januar 2012.

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