Kintopp #1: Ziemlich beste Freunde
Ein französisches Buddy-Movie fernab des Hollywood-Mainstreams
Liebe Leser und Freunde des Cyberbloc, viele technische Entwicklungen des HiFi- und Heimkinomarktes haben wir Endverbraucher nicht zuletzt der Kinoindustrie zu verdanken, die sich in den vergangenen 100 Jahren von einem durchaus kritisch betrachtetem Phänomen der Industrialisierung zu einem wichtigen Kulturgut und in einen riesigen Unterhaltungsmarkt entwickelt hat. Grund genug für den Cyberbloc, dem unüberschaubaren Angebot an Filmen, Geschichten und Anekdoten eine eigene Kolumne zu widmen. Aktuelle Kinofilme, wichtige BluRay-Neuerscheinungen oder auch historische Zusammenhänge werden ab sofort jeden Dienstag das Thema der wöchentlich erscheinenden Kintopp-Kolumne sein. Und ihr, liebe Leser, entscheiden, über welche Themen ihr in Zukunft informiert werden möchtet – per Kommentar oder Mail können ihr eure Meinungen, Kritik, Vorschläge und Filmtipps kundtun, damit wir Kintopp in Zukunft ganz den Wünschen der Leser anpassen können. Zum Anfang stellen wir den aktuellen Kinofilm Ziemlich beste Freunde vor, eine Komödie, die zum Besten gehört, was das französische Kino in diesem Genre aktuell zu bieten hat.
Ziemlich beste Freunde – ein Film, der Leben verbessert
Es gibt Filme, bei denen man mit einem Lächeln aus dem Kinosaal kommt und weiß, dass das soeben Gesehene nicht spurlos an einem vorbeigeht, dass der Film im Kopf wirkt, auch über die Schwelle der Kinotür hinaus, dass man etwas mitnehmen kann für sein eigenes Auftreten und Handeln anderen Menschen gegenüber. Genau so ein Film ist Ziemlich beste Freunde: Der Senegalese Driss, frisch aus dem Gefängnis entlassen und vom Pariser Arbeitsamt dazu verdonnert worden, mindestens drei Bewerbungsgespräche zu führen, um einen Anspruch auf Unterstützung vom Staat geltend machen zu können, bewirbt sich der Form halber als Pflegekraft beim vermögenden Architekten Philippe. Philippe ist seit einem Unfall beim Paragliding gelähmt – er kann zwar sprechen und seinen Kopf bewegen, muss aber durchgehend betreut werden. Zum Leidwesen seiner Angestellten und seiner pubertierender Tochter ist er ein überaus schwieriger Pflegefall: Philippe will sich mit seinem Schicksal nicht abfinden, jagt die ungeliebten Pfleger der Reihe nach von seinem Anwesen und weigert sich, wie ein körperlich Behinderter behandelt zu werden. Eine eigentlich unmögliche Vereinbarkeit von Ansprüchen, Notwendigkeiten und Erwartungshaltungen, die ausgerechnet Driss zu erfüllen scheint.
Der Mangel an Mitleid und Driss‘ respektloser Umgang mit Philippes körperlicher Behinderung gefallen dem adligen Architekten. Er stellt den verdutzten Driss zur Probe ein, dessen Leben sich damit radikal ändert: Aus der dreckigen Vorstadt und einer Sozialwohnung gelangt er in den noblen Stadtteil Saint-Germain-des-Prés; seiner Bedienstetenwohnung in Philippes Pariser Palais mangelt es nicht an Luxus, zum ersten Mal in seinem Leben verfügt Driss über eigenes Geld und bewegt sich plötzlich in genau den gehobenen Kreisen, die er immer verabscheut hatte. Zwei Lebensphilosophien prallen aufeinander, und doch entwickelt sich zwischen den so unterschiedlichen Charakteren eine enge Freundschaft: Philippe führt Driss an klassische Musik und abstrakte Malerei heran, Driss ermutigt Philippe im Gegenzug, seinen Lebenswillen nicht zu verlieren, seine Lebensqualität zu erhalten und mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben – vor allem Brieffreundin Éléonore, zu der Philippe nach eigenem Bekunden bloß eine intellektuelle Beziehung aufgebaut haben will, gerät in die Driss‘ Schusslinie: Was wäre, wenn sich die beiden näher kommen würden? Eine Geschichte, die eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein – doch der Film beruht auf einer realen Begebenheit.
Die wahre Geschichte hinter Ziemlich beste Freunde
Vorbild für das Drehbuch von Olivier Nakache und Éric Toledano war das Schicksal von Philippe Pozzo di Borgo, dem ehemaligen Geschäftsführer der Champagnermarke Pommery, der seit einem Paragliding-Unfall querschnittsgelähmt ist. Der Pariser Unternehmer stellte den jungen und mittellosen Algerier Abdel Yasmin Sellou als seinen Pfleger ein, unternahm zahlreiche Reisen mit ihm und schöpfte neuen Lebenswillen. Ein Plädoyer also nicht nur an alle Menschen, die mit Philippe ein ähnliches Los teilen, eine Hommage auch an die Kraft der Freundschaft, die jeden sozialen Unterschied zu überwinden vermag. Im wahren Leben blieb Abdel zehn Jahre lang an der Seite des Champagnermagnats und ist ihm noch heute in enger Freundschaft verbunden. Eine wichtige Botschaft für das moderne Frankreich und vor allem für den Schauplatz Paris, der sich nach den sozialen Unruhen der vergangenen Jahre mit etlichen gesellschaftlichen Problemen konfrontiert sieht. Doch das allein ist nicht Grund dafür, dass Ziemlich beste Freunde mittlerweile zu einem der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten avanciert ist.
Ein atypisches Buddy-Movie
Ausschlaggebend für den enormen Zuspruch ist vor allem das Ensemble: François Cluzet (u.a. Das Leben ist ein Spiel, French Kiss) verkörpert den querschnittsgelähmten Philippe mit einer wahnsinnig eindrücklichen Mimik, die seinen fehlenden körperlichen Einsatz einerseits betont, andererseits aber nie ins Lächerliche zieht. Omar Sy (u.a. Omar et Fred) gelang mit Ziemlich beste Freunde der internationale Durchbruch, schafft er es mit seinem Charakter Driss doch, den schmalen Grad zwischen Slapstick und Ernsthaftigkeit zu wahren, dabei aber nie in die Nebenrolle des Helfers gedrängt zu werden. Ein sehr atypisches Buddy-Movie also, das Lebensfreude dort versprüht, wo alle Hoffnung verloren scheint. Ziemlich beste Freunde ist kein Film, der durch besonders viele besonders laute Witze verzaubert, sondern eher durch die komische Absurdität der unterschiedlichen Lebenswelten und durch einen subtilen Humor. Wenn sich Driss und Philippe in seinem Maserati ein Rennen mit der Pariser Polizei liefern und kurz vor der Festnahme den Leidenstrumpf ziehen, um zum Krankenhaus eskortiert zu werden, oder die gesamte Kunstszene ob der horrenden Preis für abstrakte Malerei von Driss verspottet wird, entfaltet das ungleiche Paar seine ganze unglaublich humoröse Kraft.
Der Charakter des Driss wird dabei nicht vorgeführt, vielmehr bedingen sich beide Protagonisten mit ihren ganz eigenen Talenten und Weisheiten in einer Gegenseitigkeit, die das Genre der eher platten Buddy-Movies lange Zeit so nicht erleben durfte. Liebevoll inszeniert wurde der Film von den Drehbuchautoren und Regisseuren Olivier Nakache und Éric Toledano, die dem für deutsche Sehgewohnheiten sonst eher unverständlichen französischen Kino eine weiche Seite abgewonnen haben. Ziemlich beste Freunde ist nicht anstrengend, sondern anregend. Ein schneller und rasanter Filmspaß trotz der physischen Beeinträchtigung eines der Protagonisten, in seiner Moral nicht verkommen und billig, in seinem Witz unverbraucht, in seiner Inszenierung hochwertig und mitreißend. Die Schauspielleistungen überzeugen, die Dramatik ist tragisch und doch nicht abgehoben – ein Film, bei dem man sich wundert, dass er schon vorbei ist, ohne dass Handlungsstränge unaufgelöst blieben.
Fazit: Ziemlich beste Freunde muss man gesehen haben
Wartete ein Großteil der erfolgreichen Hollywood-Komödien der vergangenen Jahre vor allem mit einer Ansammlung plumper Slapstick-Einlagen, grotesker Figurenkonstellationen und dem altbekannten Gut-/Böse-Schema auf, kann die französische Komödie Ziemlich beste Freunde auch Kinofreunde mit gehobenen Ansprüchen überzeugen. Die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte um Philippe und Driss ist herzerweichend, ohne jemals in den Kitsch abzudriften, unterhaltsam, ohne überzogen zu sein, derartig gut inszeniert, dass das Ende schneller kommt als erhofft und so unverbraucht ist, dass der Hollywood-Mainstream nur staunen kann. Gleichzeitig taucht der Zuschauer über den Charakter des Driss in eine Welt voller sozialer Probleme ein, die für sich einen ganzen Film füllen könnten. Ein Buddy-Movie der durchweg anderen Art also, das mit leisen Tönen und viel Witz erfreut – eine Komödie, die jeder gesehen haben muss. Wer diesen Film nicht mag, muss ein Herz aus Stein haben.
Bonmot am Rande: Die Weinstein-Brüder Bob und Harvey, die unter anderem die Kassenschlager Grindhouse, Der Vorleser, Inglourious Basterds und The Artist produziert und finanziert haben, sicherten sich bereits die Rechte für ein US-Remake von Ziemlich beste Freunde.
Ziemlich beste Freunde; OT: Intouchables; mit François Cluzet, Omar Sy, Anne Le Ny, Audrey Fleurot und anderen; Regie und Drehbuch: Olivier Nakache und Éric Toledano; deutscher Kinostart: 5. Januar 2012.








