Entspannung am Badesee
Oder: Warum ich eigentlich keine Wasserratte bin
An einem bilderbuchartigen Sonntagvormittag im vergangenen Juli entschied ich mich, für eine kurze Abkühlung mit meinem Cabrio an einen See zu fahren. Ich packte also die Badesachen ein – oder besser: Ich suchte sie erstmal. Denn das letzte Mal, als ich mich übermutig ins kühle Nass schwang, hatte ich noch nicht mal einen Autoführerschein, eine Wasserratte bin ich demnach nicht. Selbst erstaunt über meinen Entschluss und zehn Minuten später fand ich endlich das gute Stück. Und die Badehose passte sogar noch, womit, ehrlich gesagt, nicht zu rechnen gewesen war. Gut gelaunt schnappte ich mir zwei Äpfel, eine Flasche Wasser und den Autoschlüssel und machte mich auf die Socken.
Als ich aus der Tür trete, trifft mich der erste Schlag. Ein Hitzeschlag. Ein glühender Streifen im Thermometer berichtet mir von 26 Grad im Schatten. Um 9:30 Uhr wohlgemerkt. Also das Dach am Cabrio runter, Sonnenbrille zurechtgerückt, Radio an und los geht’s. – Knapp 35 Kilometer sind’s bis zum nächsten lohnenswerten See; bei gutem Vorankommen sollte ich in 30 Minuten dort sein. Als ich gerade das Ortsausgangsschild hinter mir lasse, beginne ich ernsthaft zu grübeln: Es ist tatsächlich schon lange her und das letzte Mal bin ich nicht selbst gefahren. Ich weiß zwar in etwa den Weg, bin mir aber wirklich nicht sicher und hoffe insgeheim, dass die wenigen Anhaltspunkte nicht mittlerweile verschwunden sind.
Hinterm Tresen wartet eine grimmig dreischauende Frau
Doch natürlich sind sie das. Nach einem halben Dutzend völlig unbekannter Kreuzungen macht mir meine fröhlich blinkende Tankuhr klar: „So geht’s nicht weiter!“. Zumindest nicht sehr lange. Notgedrungen fahre ich in die nächste Ortschaft, wo ich gleich eine kleine Tankstelle mit gerade einmal vier Zapfsäulen finde: Normal, Diesel und zweimal Super. Super, genau das will ich doch, aber sogleich bekomme ich erneut einen Schlag. Oder eher einen Schlaganfall: Einen Euro und 39 Cent für einen Liter Sprit! Ich checke in weiser Voraussicht den Inhalt meines Geldbeutels. 50 Euro. Sehr gut. Ich tanke für 15 Euro, das sollte reichen. Sofort tapse ich Richtung Kasse und hinterm Tresen wartet eine krimmig dreinschauende Frau – Mitte 40, typische Hausfrauenschürze (Modell: rote Blümchen auf dunkelblauem Baumwollstoff), die Haare leicht angegraut (Typ: leicht fettend, schulterlang, seit zwei Wochen nicht gewaschen). Ich frage mich, wo ich hier gelandet bin und trällere fröhlich: „Guten Morgen, ich möchte bezahlen.“
„Was bezahlen?“, raunzt sie mich an.
„Den Sprit“, antworte ich.
Sie raunzt wieder: „Welche Zapfsäule?“
Wo, bitte, bin ich hier? Ich schaue aus dem Fenster: freier Blick auf vier Säulen, ein Auto, MEIN Auto an Säule Nummer drei. Ich verkneife mir alle dummen Sprüche, die mir blitzartig durchs Hirn schießen und sage der Frau freundlich, an welcher Säule ich stehe.
„Fuffzehn Makk!“
Mark? Ich sagte vorhin zwar „Guten Morgen“, doch ich konnte ja nicht wissen, dass die Dame sooo lange geschlafen hatte. Kommentarlos leg ich meinen 50 Euroschein auf die Theke.
„Hastet nisch kleiner?“
Ich beiße mir inzwischen auf die Zunge und schüttle mit dem Kopf. Ich will mir meine gute Laune nicht verderben lassen.
„Dat gibbet doch net, für fuffzehn Makk so großes Geld hinzulääsche!“
„Ich habe es nicht kleiner!!“
Meine Tonart ist schon deutlich genervter. Die Frau brabbelt noch irgendetwas in ihre Schürze und gibt mir 35 Euro raus. Irgendwie hatte ich fest damit gerechnet, dass sie mir 35 D-Mark gibt. Bloß weg hier, bevor die Alte Schaum vorm Mund bekommt. Kurz vorm Einsteigen kommt ein Passant vorbei, und ich möchte ihn, da ich mir im Unklaren über meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort bin, nach dem Weg zum See fragen.
„See? See hamwer net!“
Oh Mann, bin ich denn bekloppt oder was? Ich schiebe das Ganze auf die Hitze und fahre weiter. Nach zehn Kilometern Waldstück stehen am Radweg zwei Inlineskater. Ich halte an und versuche es noch mal: „Nee, ganz verkehrt!“ lautet die Antwort. – Ach? WIRKLICH? Hätte ich denn gefragt, wenn ich hier richtig wäre? Ich halte krampfhaft meine gute Laune fest und höre freundlich grinsend zu:
„Da musste wieder umdrehen, an der Ampel rechts, nein links, dann kommen ein paar kleine Kreuzungen, aber an einer großen Kreuzung musst du rechts, dann zwei oder drei Ortschaften, dann sollte es schon ausgeschildert sein!“
Uff! Okay, ein japanischsprachiges Navigationsgerät wäre gerade eine größere Hilfe, aber immerhin weiß ich, dass ich zurück muss. Die Skater winken mir noch hinterher und als ich wieder an der Tanke vorbei fahre, steht an der Kasse der vermeintliche Passant. Alles klar!
Polizeiabsperrung. Greenpeace. Plakate.
Okay. Ampel rechts, nein links, hat er gesagt. Ortsausgang. 15 Kilometer Wald. Sind einmündende Feldwege auch eine Kreuzung? Aaahja, eine groooße Kreuzung, also rechts. Es wird zivilisierter, der Verkehr dichter. Und dichter. Und in der zweiten Ortschaft steht schließlich alles. Polizeiabsperrung. Greenpeace. Plakate. Rettet die Wale. Alles klar!
Warum zum Hallodri müssen die ausgerechnet sonntags demonstrieren? Ich frage einen Polizisten nach einer Umleitung und bekomme gesagt, es wäre sinnlos, da dort ein Unfall wäre und ebenfalls alles stehen würde. Doch in 30 Minuten ginge es hier ja weiter. 30 Minuten? Mittlerweile ist es kurz nach elf und die Mittagssonne scheint sich wörtlich warm zu glühen. Ich stehe in der prallen Sonne. Mit einem Cabrio. Ohne Hut, Mütze oder Kopftuch. Aber ich hab ja mein Wasser noch. Genau, erstmal einen Schluck nehmen. Ich greife nach hinten um festzustellen, dass die Flasche brühwarm ist und der Inhalt schmeckt wie kohlensäurehaltiges Teichwasser. Ob meine Äpfel schon als Bratapfel durchgehen?
Ich schließe das Verdeck und lasse die Fenster auf Durchzug. Spätestens jetzt habe ich verstanden, warum es Cabrios mit Klimaanlage gibt. Aber immerhin, nach 25 Minuten geht es weiter. Ich spiele bereits mit dem Gedanken, wieder heim zu fahren, überrede mich aber, diesen verschollenen See zu finden. – Und ich finde ihn sogar. Und er ist tatsächlich ausgeschildert.
Doch irgendwie war nichts von einem See zu sehen. Das einzige, was zu sehen war, waren Autos. Unmengen von Autos. Hunderte. Na gut, wäre ja naiv zu denken, nur ich hätte solch tolle Ideen. Ob die anderen auch schon mal an der Tankstelle waren? Also Parkplatz suchen. Schon mal im Juli in der Mittagssonne auf einem staubigen Schotterparkplatz um ein Plätzchen gekämpft? Aus jeder Ecke hupt es! Die Erinnerung an viel Platz, planschende Kinder und aus der Ferne schallende Arschbomben sind wohl hinfällig. Die Realität schlägt zu. Nach fast 15 Minuten Rumgurkerei stelle ich mich, frech wie Oskar, einfach halb auf die angrenzende Wiese, praktisch längs vor die eigentliche Parkreihe. Ich packe meine Sachen und laufe Richtung Kasse. Ob ich mein Auto wiederfinde?
Haben Normalsterbliche Zutritt?
An der Kasse der nächste Schlag. Menschen, UNMENGEN von Menschen. Hunderte. Was ist denn hier los? Ich quetsche mich irgendwie voran und nach fünf Minuten stehe ich endlich an der Kasse. Ich schaue verwirrt auf die Preistafel: Kinder, Schüler, Studenten, Soldaten, Rentner, Behinderte, Gruppen ab fünf, Gruppen ab zehn, Schulklassen und „sonstige Ermäßigte“. Und wo stehe bitteschön ich? Hätte die Kassiererin jetzt gesagt, dass Normalsterbliche keinen Zutritt haben, hätte ich zwei Eimer Piranhas über den Zaun ins Wasser geworfen. Aber die gute Frau im Badeanzug und Schirmmütze setzte noch eins drauf:
„Einmal Erwachsene? Sechs Euro bitte!“
Uargh! Sechs Euro? Zwölf Mark? Für einen Badesee?
Ich frage: „Inklusive Gutschein für ’ne Currywurst mit Pommes?“
Die Dame schaut mich etwas verstört an, kichert aber schließlich verlegen und meint: „Na, die Curry kostet 3,80!“
Auf die Idee hätte ich mal kommen müssen: Ich suche mir einen hübschen Dorfteich, Zaun drumrum, eine kleine Bude hingestellt und 6 Euro Eintritt verlangen! Ich wäre reich! Am besten noch Parkgebühren verlangen! Doch nach all den Strapazen will ich endlich schwimmen, also bezahle ich und geh rein. „Spaßbadelandschaft“ steht auf der Eintrittskarte. Ob die Wasserfest ist? – Doch ich komme nicht weit. Selbst eine Ölsardine hat in ihrer Dose mehr Platz als die Leute hier. Und DA soll ich mich hinlegen? So langsam verspüre ich heftiges Sodbrennen. Aus der Ferne mache ich jedoch einen Platz aus, sogar einen schattigen. Doch als ich endlich dort bin, begreife ich, warum hier keiner liegt: Ameisen, Unmengen von Ameisen, Tausende.
Okay, ich hab die Schnauze voll. Ich lege meinen Rucksack unter eine Parkbank und sprinte Richtung Wasser. Von wegen. Ich rutsche aus. Auf Schlamm: Kinder haben den Boden aufgerissen und versucht, Schlammburgen zu bauen. Als ob der Sand nicht gut genug wäre. Ich wünsche den Eltern eine verdreckte Rücksitzbank im Auto und richte mich wieder auf, richte einen bösen Blick ins dumm grinsende Publikum und humple langsam ins Wasser.
Wer hat das Wasser so kalt gestellt?
ENDLICH. Ich hatte fast schon vergessen, das Schwimmen Spaß machen kann. Etwas weiter im Wasser liegt ein Springturm, und es sind gar nicht mal so viele Leute drauf. Also schnell hinpaddeln, bevor zweihundert andere auf dieselbe Idee kommen. Schnell hinpaddeln? Nach der halben Distanz fällt mir wieder ein, dass ich Jahre nicht geschwommen bin und wechsle schnaufend zum Rückenschwimmen. So weit sah das gar nicht aus. Nach gefühlten fünf Kilometern klettere ich auf den rettenden Turm. Und bleibe einfach liegen. Nein, wie schön: Der Turm wippt wellengetragen hin und her, die Sonne knallt mir auf den Bauch und die Haut ist längst getrocknet. Ich bin kurz davor einzudösen, als ich ein lautes PLATSCH höre und eine riesige Flutwelle über mich schwappt. Zu meiner Zeit haben wir wenigstens noch vor dem Abspringen „Arschbombe“ geschrieen, aber mit den Kiddies heute ist ja eh nix mehr los. Und wer hat das Wasser so kalt gestellt?
Ich zwinge mich wieder ins Wasser. Zentimeter für Zentimeter. Gehe sofort ins entspannte Rückenschwimmen über und strample gemütlich zum Ufer zurück. Das tut richtig gut. Ich bleibe am Ufer noch ein paar Minuten im Sand sitzen und lasse die Beine im Wasser, lege den Kopf zurück und die Seele baumeln. Ich kann fast schon wieder über die Tankstelle lachen, da höre ich plötzlich ein lautes „Achtuuung“.
Und dann fühle ich etwas gegen meinen Kopf prallen. Es fühlt sich in etwa an, als hätte Oliver Kahn meinen Schädel gerade für einen Abschlag missbraucht. Ich spüre, wie mein Kopf knallheiß wird und ich schmecke Blut. Es braucht einige Sekunden, bis ich weiß, was los ist. Der Fußball ist los: Drei verrotzte, hirnlose Kinder, die unbedingt an einem überfüllten Strand Fußball spielen müssen. Der Ball prallte übrigens so heftig an meinem Gesicht ab, dass er raus aufs Wasser sprang.
Aufgeplatzte Lippe und Prellung am Wangenknochen
Die Kinder stehen um mich rum und gaffen. Zum Glück, um Gottes Willen, ZUM GLÜCK kommenen da schon die Mutter und der Vater angerannt, sonst hätte ich diese Bälger vor großem Publikum erschlagen! Der Vater entschuldigt sich tausendfach, gibt mir besorgt ein paar Taschentücher, um das Blut wegzuwischen, legt ein zusammengerolltes Handtuch in den Sand und sagt, ich solle mich zurücklegen, bis seine Frau Hilfe geholt habe.
Es dauert keine zwei Minuten, bis die Frau mit einem Sunnyboy vom DRK ankommt. Eine aufgeplatzte Lippe und eine Prellung am Wangenknochen sind die Bilanz. Ich trotte vom Erste-Hilfe-Raum zurück zu meinem Rucksack. Jedem, der mich anstarrt, würde ich am liebsten mit einem Sonnenschirm verkloppen, aber mit blauer Backe und dicker Lippe sind mir die Blicke nun mal sicher. Ich schnappe meinen Rucksack und torkle zurück zum Wagen. Den Zettel vom wütenden Bauern, dem die Wiese gehört, auf der mein Auto parkt, schmeiße ich weg und fahre nach Hause. Den Heimweg finde ich seltsamerweise sofort. Zuhause angekommen stelle ich fest, dass weder mein Handy noch meine Brieftasche noch meine Äpfel im Rucksack sind. Ich wurde bestohlen.
Und spätestens hier fiel mir wieder ein, warum ich eigentlich keine Wasserratte bin.








