Ein tierischer Ritt

von michael-knobloch

· 9 min Lesezeit

Faule Eier in Kathmandu vs. bunte Vielfalt in Chitwan
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Die letzten Wochen sind schnell verflogen und meine letzter Arbeitstag in der Klinik ist absolviert. Und natürlich hat sich wieder einiges zugetragen, zuerst aber noch ein kleiner Nachtrag zum letzten Reisebericht, denn ich habe vergessen, von jenen krummen Dingern zu erzählen, in die man hier eins-zwei-hopps verwickelt werden kann. Alles fing eigentlich recht harmlos an – nach einem entspannten Arbeitstag wollte Hans einige seiner „alten“ Bücher loswerden: Wir begaben uns zu einem der zahlreichen An- und Verkaufshops für Bücher und holten erste Gebote ein – 500 Rs für vier Bücher, darunter zwei neuwertige und nur einmal gelesene Bücher im Wert von knapp 20 Euro waren jedoch zu wenig. Also raus auf die Straße, natürlich mit den Büchern in der Hand, denn man ist ja schließlich zu faul, sie wieder in den Rucksack zu packen. Sofort wurden wir von zwei Typen angesprochen, ob wir die Bücher verkaufen wollten. Klar, das wollten wir, und so wurden wir in einen in einem dunklen Hinterhof befindlichen Klunkerladen geführt, wo man uns freundschaftlich einen Nepali-Tee anbot.

Es folgte allgemeines Palaver und irgendwann erschien Big Boss. Ein mich regelrecht anwidernder, schmalziger Typ, der gleich zum Geschäftlichen kam, wobei die Bücher allerdings nebensächlich waren: Er bot jedem von uns 5.000 Euro bar auf die Hand, wenn wir für ihn auf den durch unsere Touristenvisa ermöglichten, zollfreien Export von Waren im Wert bis 2.300 Euro verzichten und dafür etwas nach Deutschland importieren würden. Denn weil er sein Importkontingent von knapp 60.000 Euro dieses Jahr schon aufgebraucht habe, bräuchte er nun unsere Hilfe. Bei uns haben natürlich alle Alarmglocken geschrillt und wir lehnten dankend ab. Zwar versucht er noch, uns durch eine stolze Präsentation eines Ordners mit gesammelten Komplizen zu überzeugen, aber ich hatte schon längst weggeschaltet und darüber nachgesonnen, was uns dann wohl draußen erwarten würde. – Zähneknirschend ließ uns Big Boss gehen und mit einem ekligen Lachen meint er, das wir ja nochmal darüber nachdenken könnten. Aber das Einzige, worüber ich nachdachte, war die absurde Logik in seinem Angebot…

Ansonsten gab es letzten Montag und Dienstag Generalstreik in Kathmandu, weil die Regierung die Sprit- und Gaspreise um knapp 20 Prozent anziehen wollte. Die Nepalis sind auf diese Meldung hin auf die Barikaden gegangen und haben selbige aus brennenden Reifen auf den Straßen errichtet, es kam zu Ausschreitungen mit Ziegelsteinweitwurf und Verletzten. Wir hielten uns lieber raus, und in Thamel wurden die Straßen eher zu Spielplätzen, wo munter mit der ganzen Familie Cricket, Fußball oder Badminton gespielt wurde. – Am nächsten Tag distanzierte sich die Regierung von ihren Plänen und alles ging wieder seinen normalen Gang. Allerdings macht die Regierung nun Monat für Monat fast 6 Millionen Euro Verluste, da sie Sprit und Gas ja teurer Einkaufen muss. Ob sich die Nepalis da mal nicht ins eigene Bein geschossen haben?

Eigentlich wollten Hans und ich ja unser „richtiges“ Neujahr im Dschungel des Nationalparks Chitwan an der indischen Grenze feiern, aber weil wir die folgenden Wochenenden immer anderweitig beschäftigt waren, verbrachten wir erst unser letztes Arbeitswochenende in Chitwan: Am Samstag sollte es also zuerst nach Sauraha, einem kleinen Nest direkt am Nationalpark, gehen; wir hatten den Microbus dahin auch schon bezahlt, aber nicht dass es schon schlimm genug gewesen wäre, dass es auf der Fahrt zu regnen anfing, nein, der Microbus-Fahrer verfrachtete uns irgendwo einfach in einen anderen Bus, den er freundlicherweise bezahlte und der uns bis nach Sauraha bringen sollte.

Doch Fehlanzeige! Auch der neue Fahrer warf uns irgendwo raus – und sofort wurden wir von zwei „tollwütigen“ Agents angefallen, die uns ihr Hotel in Sauraha aufschwatzen wollten. Wir sammelten daraufhin kurz unsere Gedanken und ließen uns von einem der beiden für 30 Rs nach Sauraha fahren, wo wir zwar einen kurzen Blick in sein Hotel warfen, aber dann doch lieber auf eigene Faust weiterzogen. Natürlich regnete es in Strömen, doch letztlich haben wir, etwas durchgeweicht, eine schöne Lodge direkt am Rapti River gefunden und dort eingebucht. Hier ließen wir uns bei einer gemütlichen Portion Chowmein vom Lodgebesitzer ein Paketangebot für die nächsten zwei Tage machen, das wir schließlich annahmen, zumal wir so auch etwas Kultur mit im Programm hatten und nicht nur die von uns geplanten 08/15-Touristenattraktionen.

Und so stand am nächsten Morgen der Besuch der Elefantenzuchtstation auf dem Programm. Das Wetter hatte sich zum Guten gewendet, der morgendliche Flussnebel verzog sich schnell, und in der Zuchtstation begrüßte uns gleich ein kleiner Elefant, der vor lauter Freude, uns zu sehen, aus seinem Gehege ausgebüchst war. Nachdem aber ein kleiner Rüsselcheck an meinem Ärmel ergab, dass ich nichts Essbares dabei hatte, wandte er sich der Futterkammer zu. Hier jedoch war nicht genug Blödsinn anzustellen, weshalb er sich entschied, mit einer Nepali-Familie Bowling zu spielen! Passiert ist aber nichts und ein kleiner Rüsselklapps zeigte, dass es eigentlich nicht so gemeint war. Danach stand Baden mit einem der Elefanten auf dem Programm, und weil die Sonne mittlerweile kräftig schien, stürzten wir uns wagemutig ins Vergnügen. Die erste Dusche war zwar ein kleiner Schock, aber bald hatten wir uns an die Wassertemperatur gewöhnt. Spektakulär war schließlich der Aufstieg über den „Rüsselweg“, und selbst wenn so ein Elefant immer kalt und rau aussieht – wenn man erstmal auf einem gesessen hat, kann man genau das Gegenteil behaupten.

Nachdem wir über sämtliche Katastrophenszenarien und deren Lösung aufgeklärt worden waren, schwangen wir uns nach dem Mittagessen und in Begleitung eines Naturführers in ein Kanu und ließen uns flussabwärts treiben, wobei wir Vögel beim Sonnenbaden und auf der Futtersuche beobachteten. Auch unser erstes, ziemlich skurril anmutendes Krokodil, dessen dünnes Maul mehr wie ein Schnabel aussah, bekamen wir zu Gesicht. Danach stürzten wir uns in alter Pfadfindermanier in den Dschungel und hielten nach exotischen Tieren Ausschau, aber das einzig wirklich exotische, das wir entdeckten, war ein Tukan, ein Riesenvogel mit lauten Fluggeräuschen. Ansonsten sahen wir viele lustige Gesellen wie Wildhühner, Hirsche und unzählige Vögel, was dennoch spannend war, weil wir nie wussten, was uns hinter der nächsten Ecke erwartete. Unser Guide lieferte zu Allem interessante Hintergrundinfos, und selbst Kot haben wir untersucht, sodass wir wussten, wer hier in der Nacht unterwegs war.

Am Abend war Ausspannen angesagt, und am nächsten Tag besuchten wir zuerst ein kleines Tharu-Museum, in dem wir uns über die Ureinwohner des Dorfes belesen konnten. Danach stand ein weiterer Dschungelritt auf dem Programm, an dem auch andere Touristen teilnahmen und wofür wir uns auf einen Elefanten schwangen. Ein kleiner zwar nur, dennoch gewöhnten wir uns schnell an das mächtige Geschaukel in gut drei Metern Höhe. Es war erstaunlich, wie leise sich unser Elefant fortbewegte und wie nah wir den Tieren im Dschungel kommen konnten. Seine Vorteile spielte unser „Kleiner“ im Unterholz aus, da er sich durch Lücken kämpfen konnte, die für die größeren Rüsseltiere zu klein waren. Und so waren wir es auch, die eine Nashornmutter samt Jungem entdeckten; natürlich wurden die anderen berittenen Touristen herbeigerufen, damit keiner die Tour beenden musste, ohne ein Nashorn gesehen zu haben. Kurz darauf entdeckten wir noch weitere Nashörner, und während unser Elefant quasi durchs Unterholz sprintete, knickte ein anderer, größerer Elefant einfach einen Baum um, um Platz zu haben. Wahrscheinlich war das auch jener Elefant, der durch seine männlichen Blubbergeräusche eher an einen amerikanischen Musclecar als an einen Elefanten erinnerte.

Am Ende des Dschungelritts stieg ich mit sehr gemischten Gefühlen von unserem „Gefährt“: Einerseits war ich natürlich glücklich, den Dschungel und wilde Tiere aus nächster Nähe erlebt zu haben. Andererseits weiß ich nicht, ob die Elefanten nicht doch unter dem Touristenrummel leiden, zumal die Ausbildungsmethoden nicht ganz up to date zu sein scheinen, da die Elefantenführer nicht immer zimperlich mit den Tieren umgingen. Denn es ist bei weitem nicht so, dass in allen Situationen als Kommando ein Kraulen mit den Füßen hinter dem Ohr des Dickhäuters ausreichend ist!

Am Abend haben wir noch etwas Kultur bei einem traditionellen Tanzprogramm der Tharu-Bewohner genossen, bei dem unter anderem Stocktänze aufgeführt wurden, und am nächsten Tag stand als erster Punkt auf unserem Programm: long sleep. – Oha! Wir durften ganze 15 Minuten länger schlafen als an den Tagen zuvor, denn erst um 7.45 Uhr kam der Weckdienst. Fix gefrühstückt, sich bei allen für die netten Tage bedankt und ab in den Bus zurück nach Kathmandu…

Die letzten Tage haben wir mit Aufräumen und Fertigstellen einiger Klinik-Baustellen verbracht und uns langsam auf das Ende des Arbeitsabschnittes eingestellt. Die nepalesische Stromversorgungsgesellschaft gab kürzlich bekannt, dass es nun jeden Tag acht Stunden Stromausfall gibt – ein Glück, dass wir uns dieser Katastrophe nicht mehr beugen müssen. Ich hoffe jedoch, dass dieses Problem schnellstmöglich in den Griff bekommen wird; ebenso hoffe ich, dass Mr. Mali nach unserem letzten Meeting dafür sorgt, dass die Klinik eine stabile Stromversorgung erhält und ein fehlerhafter Schaltkasten, der ständig für Probleme im Dentallabor sorgt, endlich getauscht wird – aber so recht glaube ich nicht daran, da beispielsweise das Einladungsschreiben für die Feier des 51-jährigen Bestehens der Klinik scheinbar mehr von Mr. Malis Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat als unsere Ratschläge. Es mag sein, dass dieser Austausch sehr kostenintensiv ist, aber jede weitere Investition in neue High-Tech-Geräte ist sinnlos, wenn sich diese aufgrund von Spannungsschwankungen nach ein paar Wochen verabschieden. Die Mädels aus dem Dentallabor können davon noch nachdrücklicher berichten, zumal im dort momentan ein Schaden von zwei- bis dreitausend Euro vorliegt und wichtige Arbeitsgeräte ausgefallen sind.

Mittlerweile ist Hans‘ Vater in Kathmandu eingetroffen, sodass wir uns für sieben Tage auf Trekkingtour ins Annapurna-Gebiet begeben werden. Danach wird auch mein Vater eintreffen und unser kleiner Trupp wird noch einiges von der Kultur dieses Landes erleben…

Das Geräusch-Geheimnis und seine Lösung
Nun möchte ich aber noch das aus meinem vorletzten Reisebericht verbliebene Rätsel des geheimnisvollen Geräuschs lösen – es handelt sich hierbei um das durch die Sonneneinstrahlung hervorgerufene Knacken und Springen der Eisschicht auf den Seen in Goshainkunda. Und weil er mit seiner Einschätzung am nächsten lag, küre ich an dieser Stelle Herrn Nickel zum Sieger. Herzlichen Glückwunsch.

Weitere Bilder findet ihr im Picasa-Fotoalbum „Chitwan“

Weitere CyberBloc-Berichte zum Praktikumssemester in Nepal:

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  • 02.01.08: Breathtaking – Eine Reise zu den Dächlein der Welt
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