Ein normaler Tag mit der S-Bahn

Wie immer fing alles ganz unscheinbar an: Um 6 Uhr klingelt der Wecker – Pustekuchen, liegen bleiben, weiterkuscheln! Der Wecker klingelt wieder. Und wieder. Und wieder. Und schon wieder! – Plötzlich ist es 8:20 Uhr: Aarrgh! Panik! Um spätestens 9 Uhr muss ich im Büro sein! Und da das Schneetreiben über Nacht enorme Ausmaße annahm, entscheide ich mich – leichtsinnigerweise – für die öffentlichen Verkehrsmittel. – Okay, tief durchatmen, und soweit klappt ja alles noch: waschen, anziehen, Katzen füttern, weg. Der Aufzug kommt sofort, ab zur S-Bahn…
Immerhin habe ich heute meinen privaten Shuttle Service, der mich hinfährt, die lästige Busfahrerei fällt also schon mal weg, der Tag scheint vielversprechend. Doch Pustekuchen: Ein Bahnhof, zwei Fahrkartenautomaten – und die ganze Welt gegen mich. Eine Automat sagt mir freundlich und rot blinkend: „Passend zahlen“; tja, nun steh ich hier mit meinem 20-Euro-Schein. Aber da steht ja noch der andere Kasten. Ich glaube, nach dem Gedanken „Kasten“ fühlte sich der Automat zutiefst beleidigt und spuckt meinen Zwanziger wieder aus, und zwar mit der lustig animierten Anzeige: „Keine Fünfziger“, „Keine Zwanziger“. Toll!
Tief durchatmen! Und Geld wechseln. Vorher ein prüfender Blick auf den Fahrplan: Meine Bahn kommt planmäßig in vier Minuten. Okay. Leicht verwirrt darüber, dass so viele Leute dastehen, klappere ich acht oder neun Menschen ab, freundlich und ekelerregend charmant frage ich mit meinem Zwanziger in der Hand, ob jemand wechseln könne. Zwei der Befragten antworteten mir gar nicht erst – tief durchatmen! Und nach zwölf Minuten stelle ich fest, dass mein Zug einen Totalausfall hat.
Keine Durchsage, kein Zug. Nur kreischende, nervende, kleine Kinder, Rentner und Kandidaten vom Arbeitsamt. Kein Wunder, dass mir keiner wechseln kann. Und kein Wunder, dass so viele Leute herumstehen, wer weiß, wann die letzte Bahn kam? Nach 25 Minuten – in dieser Zeit hätten drei Züge halten sollen – kommt eine Durchsage: „Die S4 nach *krächz* hat vorauss *krächzkrächz* 20 Minuten *krächz*.“ Noch verwundert darüber, was der nette Herr mir sagen will, erklärt sich indes eine ältere Frau bereit, meine 20 Euro zu wechseln. Ich bedanke mich äußerst höflich, tituliere sie als „Engel am frühen Morgen“, um mir sagen zu lassen, dass es ja wohl bekannt wäre, Kleingeld parat zu haben. Danke.
Triumphierend stolziere ich zum Automaten und sehe, wie der Kunde vor mir einen Zwanziger in diesen Stahlkasten schiebt und ein Ticket bekommt. Ich rätsle, warum nur mir so was passiert und vertippe mich gleich viermal bei der Eingabe meines Zielortes. – Okay, geschafft, ich habe ein Ticket. Nur keinen Zug. Nach fast 40 Minuten kommt endlich meine Bahn. Ticket, Zug, Sitzplatz, jetzt geht es bergauf!
Pustekuchen. Am Frankfurter Hauptbahnhof bleiben wir stehen, es folgt die Durchsage: „Aufgrund unserer (unserer?!) Verspätung endet dieser Zug hier. Bitte alle aussteigen. Passagiere nach *krächz* werden gebeten, an Gleis 104 *krächz* Abfahrt *krächz* Uhr 44.“ – Alles klar. Los geht’s: Ich stürme an den Menschenmassen vorbei mit einem Blick, der verrät, dass kein Mensch es wagen soll, MEINEN Sitzplatz zu belegen. Ich sprinte zum Gleis 104, steige ein und prompt fährt das Vehikel los. Leicht verwundert, dass es die Hälfte des andern Zuges nicht mehr schaffen konnte, sehe ich im Vorbeifahren die Uhr: Irgendwas und 35 Minuten. Mir dämmert Schreckliches! Zwei Haltestellen und einige unbekannte Landschaften später bin ich mir sicher: Ich bin in den falschen Zug eingestiegen.
Zähneknirschend steige aus und fahr drei Stationen zurück. Ich schaue auf den Fahrplan, dazu ein böser Blick auf die klassische Bahnhofsuhr: Abfahrt in neun Minuten. Ich kaufe mir verbittert eine Laugenbrezel, komme sogar sofort an die Reihe, gehe die Treppen hinauf – und sehe die Rücklichter meiner S-Bahn davonrauschen. Ein noch böserer Blick auf die Uhr verrät mir: Abfahrt in neun Minuten. Das Stück scheint also schon seit Tagen außer Betrieb! Ich frage mich, warum ich für so was noch bezahlen muss: Unpünktlichkeit, zerkratzte Scheiben, vergammelte und zerschnittene Sitze, übervolle Mülleimer und selbst der Fußboden klebt schlimmer als im Kino.
Na gut, 15 Minuten warten. Zeit zum Brezel essen. Die Bahn kommt. Pünktlich. Irritiert über die Pünktlichkeit steige ich ein. Und ich komme sogar dort an, wo ich ursprünglich hinwollte. Mit zwei Stunden und 15 Minuten Verspätung. Erschöpfung, graue Haare, zitternde Knie. Und die Erkenntnis, dass ich schneller bin, wenn ich die A5 entlang laufe!








