Die Alternative zum täglichen Charts-Gewürge

von Simone Hartmann

· 2 min Lesezeit

Das Online-Musikfernsehen Tunespoon
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Musikfernsehen 2006? – Das bedeutet: MTViva-Monopol. Oder anders ausgedrückt: Demenz pur. Platter, weichgespülter Mainstream, dröges Charts-Einerlei, düsterste, in Tangas gepresste Anspruchslosigkeit, präpubertäre Floskeln, dumpf-prollige Pimp-Shows, schmieriges WG-Geheule, Teenager-Partizipation auf BILD-Niveau, und immer wieder diese gehirnerweichend dämliche Klingeltonwerbung für Dreijährige.

Um diesen groben Unfug, der die Bezeichnung „Musik“ nur in den allerseltensten Fällen verdient, zu unterbinden, plädiere ich dafür, ein vom seligen Nils „Held“ Ruf und der bezaubernden Charlotte Roche geführtes Ministerium wider musikalisch-televisionärer Dummheit (MwmtD) einzurichten.

Oder aber dafür, frei nach Schimanski Teil 1 das Fernsehgerät aus dem Fenster zu schmeißen und hernach auf www.tunespoon.tv zu surfen, dem Mekka des Online-Musikfernsehens. Das 2004 von Studenten der FH Furtwangen ins Netzleben gerufene Projekt wendet sich an all jene Musikliebhaber, „die sich bewusst nicht mit dem Mainstream-Anspruch der kommerziellen Musikfernsehsender identifizieren können“. – Geboten werden demnach Musikvideos von Newcomern, unbekannten Bands und teils auch von etablierten Acts, mithin Videoclips, die es – allzu oft zu Unrecht – nicht in die Dauerrotation industriegenormter Musikstationen schaffen.

Zusammengearbeitet wird mit einer Vielzahl (kleinerer) Labels, aber auch Bands ohne Plattenvertrag sind aufgefordert, ihre Videos einzureichen. So ist es nicht verwunderlich, dass Hochglanzoptik auf Handpuppenflair trifft und bspw. Rocko Schamonis kultig-schräges Video„Heart Of Plastic“ oder die „Manipulierten Informationen“ der Krombacher MCs neben Jimi Tenors „Black Hole“, Oomphs „Das letzte Streichholz“ oder Tocotronics „Pure Vernunft darf niemals siegen“ stehen. Und selbst die Rap- und Hip-Hop-Videos – Musikrichtungen, denen ich rein gar nicht abgewinnen kann – sind sehens- und teils gar hörenswert. Erwähnenswert, weil vorbildlich, sind zudem die Infos, die zu jedem Clip gereicht werden, so bspw. Links zur Band- und/oder Label-Website, Erscheinungsdatum des Videos oder seine Regisseure.

Ein gestreamter Querschnitt durch sämtliche Musikrichtungen also, vollendet, veredelt durch anspruchsvolle, melancholische, witzige Videokunst! Doch neben der Rotation aller Stile bietet das Tunespoon-Programm allabendlich auch redaktionell betreute Sendungen, etwa „Soupurban“ , „Beatkitchen“, „Roquefort“ oder „Popsuey“, die sich dezidiert mit HipHop, Electro, Rock oder Pop auseinandersetzen. Außerdem wird Wert auf Meinungen und Wünsche der musikbegeisterten Community gelegt, denn selbige bestimmt per Vote in der Sendung „Interaktiv“, was gesendet werden soll.

Mit diesem Format, das wie geschaffen scheint fürs Web 2.0, haben die Tunespooner bereits ordentlich Aufsehen erregt und die eine oder andere Auszeichnung einheimsen können, etwa den Platz 1 des Alternativen Medienpreises 2005, eine Nominierung für den Grimme-Online-Award 2005 oder den bronzenen Lead Award 2006.

Und doch, trotz vielfältiger, positiver Medienreaktionen ist Tunespoon.tv ein Format, dem ein größerer Bekanntheitsgrad zu wünschen ist. Und das vor allem deshalb, weil Tunespoon in der Tat eine von Musikenthusiasten geschaffene Alternative zum täglichen Charts-Gewürge darstellt oder – wie die Damen und Herren so schön formulieren – „die Relevanz eines Künstlers nicht an dessem kommerziellen Erfolg“ festgemacht wird, entscheiden „ist immer das ‚Echtheitszertifikat’ des Künstlers.“

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