Die 10 goldenen Gebote des Privat Public Viewing

von Simone Hartmann

· 2 min Lesezeit

Denn Fußball verbindet
Spätestens seit dem Sommermärchen 2006 (wir erinnern uns: Deutschland wurde Weltmeister der Herzen) ist der Begriff „Public Viewing“ in aller Munde. Der gemeine Fußballfan weiß, dass hiermit „das gemeinschaftliche Mitverfolgen vieler Zuschauer von live übertragenen, medialen Großereignissen wie zum Beispiel Sportveranstaltungen auf Großbildwänden an öffentlichen Standorten“ gemeint ist. Und auch in Dresden gibt es zurzeit viele Großbildleinwände, vor denen gemeinschaftlich Jogis Mannen gehuldigt wird – die größte dürfte sich auf dem Gelände der Filmnächte am Elbufer befinden, wo Hauptsponsor Kia abertausenden Bundestrainern Unterschlupf gewährt. Dass es dabei nicht immer gemütlich zur Sache geht, liest man hier und da, und dass die Bierpreise schamlos überteuert sind, dürfte klar sein. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Fußballfans, die sich am Duft der Masse stören, sich mehr und mehr ins Private zurückziehen und für eine handverlesene Auswahl von Freunden ein so genanntes „Privat Public Viewing“ in den heimischen vier Wänden veranstalten. Dass aber auch ein solches nicht ganz ohne ist, steht außer Frage, weshalb „Die 10 goldenen Gebote des Privat Public Viewing“ eine Anwort darauf geben, worauf unbedingt geachtet werden muss:
1
Sorge unter Androhung von Limonade und Frauenfußball dafür, dass jeder Geladene pünktlich erscheint. Zur Hymne besteht Anwesenheitspflicht. Tore fallen immer dann, wenn Zuspätkommern („Hat das Spiel schon angefangen?“) die Wohnungstür geöffnet wird.

2
Sorge dafür, das Getränke vorhanden sind und die Wege dahin kurz. Getränke bedeutet Bier. Es gibt kein anderes Getränk neben Bier. Halte für Zuspätkommer Limonade bereit.

3
Du sollst den Namen Schlands nicht missbrauchen. Deshalb lade nur ein, wer Schland-Fan ist. Dulde keine positiven Aussagen zur gegnerischen Mannschaft. Bestrafe umgehend unqualifizierte Wortbeiträge („War Deutschland schon Weltmeister?“). Du sollst nicht morden, du sollst quälen.

4
Vermeide die Einladung von Bekannten mit Kindern unter 12 Jahren. Gespräche über das letzte Bäuerchen von Klein-Jonas, das Nachahmen von Grunzlauten („Gaga, dudu, machsu pupup?“) oder die Diskussion über schlechte Kopfnoten („Ja, Torben, zieh Gastgebers Katze ruhig am Schwanz!“) stören das Potpourri aus Fachsimpelei, Bundestrainer auf Abruf und Bierrülps.

5
Du sollst dir ein Fernsehbild machen. Sorge deshalb für störungsfreien Empfang. Habe eine Peitsche zur Hand, wenn sich Torben deiner Technikausstattung nähert.

6
Gedenke, dass du die Spielzeit heiligst und achte darauf, dass jeder Anwesende das Spielgeschehen verfolgt. Torben kann sich allein von der Steckdose lösen. Erlaubt ist ausschließlich der Weg zum Bier. Das Zeichen hierfür sind der von der Faust abgespreizte kleine Finger und Daumen.

7
Nutze für deinen Toilettengang die Halbzeitpause und die umfangreichen Werbeblöcke der gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen.

8
Lausche andächtig, wenn Delling und Netzer philosophieren. Schalte um, wenn Kerner, Klopp und Meier Unsinn verbreiten. Verfasse eine Senderbeschwerde, wenn Beckmann falsch’ Zeugnis gibt.

9
Du sollst nicht zerbrechen deiner Freundin Lieblingserbstück. Sei deshalb darauf bedacht, dass nichts Zerbrechliches den Radius deines Torjubels kreuzt. Nutze ihr eisiges Schweigen, um Bier zu holen, falls doch etwas zerbricht.

10
Warne am Tage des Endspiels die anderen Mietparteien. Denn die Gesänge, die aus deiner Wohnung dringen, werden laut sein und lange dauern. Denn Deutschland wird Europameister.

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