Deutschland, deine Mieter
Was, bitte, so frage ich mich seit einigen Jahren, mag sich der Vermieter gedacht haben, als er den Wäscheboden über meiner WG zur Dachgeschosswohnung umfunktionieren ließ – und eine vernünftige Schalldämmung vergaß? Nichts, schlicht und einfach nichts, so fällt meine ernüchternde Antwort aus, und falls doch, so hatte er allerhöchstens Kostendämmung im goldbezahnten Kopf. Demzufolge ist man gezwungen, am Leben verschiedener Dachgeschossler unmittelbar teilzuhaben – eine Nerven aufreibende Angelegenheit.
Als wir einziehen, residiert über uns ein junges Pärchen: Sie nachtschichtgeschädigte Krankenschwester und Familienmensch, Er vom Bau gestählter Harley-Davidson-Eigner und überzeugter Rocker. Selbstredend gehört zur Grundausstattung eines solchen schwerstes, allerschwerstes Schuhwerk, mit dem den unten Wohnenden taktbewusst bewiesen werden kann, dass das Liedgut von AC/DC und Konsorten bis ins Kleinste verstanden wurde; Trauerfälle in Rocker-Kreisen hingegen bescheren meist Metallicas „Nothing Else Matters“ in mehrtägiger Dauerrotation. Anfragen zur Lautstärkedrosselung folgen Ruheintervalle von zwei, selten drei Stunden, an die sich explosionsdurchdrungene, wortkarge Stunden mit Chuck Norris oder Steven Seagal anschließen.
Ist der Rocker auf Montage, beginnt das Herz seiner Liebsten für den regionalen Rundfunk zu schlagen, bevorzugt für Sender, deren Tag- und Nachtprogramm sich gleicht. Sie mag es zudem, ihre gebärfreudigen Schwestern einzuladen, deren Blagen durch Kenntnis aller Fan-Gesänge des örtlichen Drittliga-Klubs überzeugen und das Dachgeschoss für 17 Halbzeiten zu nutzen wissen. Der Beischlaf zwischen Rocker und Krankenschwester ist vorbildlich und dauert zirka 30 Minuten, wobei die von stattlicher Geilheit zeugende Geräuschkulisse in den letzten drei bis sieben Minuten das Niveau einer Zuchtstation für Rinder annimmt.
Nachdem sich Rocker-Nachwuchs eingestellt hat, wird die Lustgrotte im Dachgeschoss allerdings zu klein – und Nachmieterin wird eine Dame Anfang 20, deren pinkfarbenes Haar, deren kokainweiße Kleider, deren metallbeladenes Gesicht, deren ecstacydürre Gestalt von technoidem Unheil künden. Der erste und wichtigste Einrichtungsgegenstand im neuen Domizil ist ein Audio-System mit gigantischen Boxen, aus denen in den Folgemonaten ausschließlich sinnentleerter Techno, Spezialrichtung Goa, donnern wird. Die umgehende Bitte nach Dezibeldezimierung pariert das Goa-Gör mit gutturalen Lauten, denen die Frage nach einem Scart-Kabel zu entnehmen ist. Nach diesem in Ansätzen als Gespräch zu erkennenden Vorgang wird zudem ersichtlich, dass sie im zweiten Anlauf den Hauptschulabschluss meisterte; die Frage nach ihrer gegenwärtigen Berufung wird jedoch durch eine herannahende Horde pickelübersäter, blondierter und Goldkettchen tragender Alkopop-Prolls unterbrochen, die sich anschicken, den Techno-Tempel ihrer Freundin zu begutachten.
Mehrmals pro Woche trifft sich der Verein zum gemeinsamen Rave im Dachgeschoss, das anschließende, gemütliche Beisammensein versüßt man sich mit Seifenopern und Gesellschaftsspielen, die nach „Mensch ärgere dich nicht“ oder Gruppensex klingen. Im Zuge plötzlich auftretender Beschaffungskriminalität verschwinden alsbald meine heiß geliebten blau-weißen, zwölf Jahren alten Adidas-Treter; zudem liebt es Goa-Gör, mit ihrer Kameradschaft vorm Haus zu rauchen und Wettkämpfe um die am weitesten geschnippte Kippe auszutragen. Wenige Minuten nach einem solchen Bewerb brennen die Müllcontainer der gegenüberliegenden Fleischerei und ich rufe die Feuerwehr.
Irgendwann und über Nacht ist Goa-Gör jedoch verschwunden; gut möglich, dass sich die Entziehungskur schwieriger als erwartet gestaltet. – Ihr folgt wiederum ein junges Ding Anfang 20, ihres Zeichens allerdings Studentin der Fachrichtungen Kunst und Französisch. Vielversprechend, möchte man(n) meinen, schade nur, dass sie verdächtig oft Damenbesuch empfängt und ihre X-Beine auf einem unförmigen Rumpf sitzen. Ihr E-Piano, das sie liebevoll zu spielen imstande ist, ist nicht mehr zu vernehmen, weil sie der Aufforderung, schleunigst Kopfhörer zu benutzen, nach mehrstündiger Diskussion Folge leistete. Mittlerweile hat sie sich auch an ihre neuen, plüschigen Hausschuhe gewöhnt, so dass ihr übers zärtlich mitschwingende Laminat stampfender Unrumpf kaum mehr Geräusche verursacht. Verwunderung macht sich jedoch breit, wenn Madame Männerbesuch empfängt; dieser muss freilich auf der anscheinend mehrere Zentner schweren, ausziehbaren Schlafcouch nächtigen, kann dafür aber mit Geräuschen eines TBC-Kranken im Endstadium aufwarten.
Oft jedoch ist der Unrumpf außer Haus, gleichwohl vergisst er nie, sein Dachgeschoss für die betreffende Zeit unterzuvermieten, meist an versehrte Verwandtschaftsangehörige. So weilen derzeit die lieben Großeltern im Dachgeschosse, wobei diese – verteufelte Gicht und Inkontinenz! – schwerwiegende Defizite in geräuscharmer Fortbewegung offenbaren und trampeln, was die dürren Knochen hergeben. Zudem bestehen an Stanzwerke erinnernde Probleme im Umgang mit besagter Couch – doch die zum (sehr) frühen Sonntagmorgen untertänigst vorgetragene Bitte, nach Möglichkeit Rücksicht auf die umwohnenden Miete Zahlenden zu nehmen, wird mit dem Vorzeigen eines gichtkrummen Beinchens, dem Hinweis, nie auch nur das klitzekleinste Geräusch verursacht zu haben, sowie der Aufforderung, man solle doch gefälligst selber die verflixte Couch aufbauen, abgewürgt.
Hach, „Deutschland, deine Mieter!“, bin ich versucht zu sagen – obwohl: Eine Szene aus meinem ehemaligen Studentenwohnheim in der sagenumwobenen, mythenumkränzten, schimmelumrankten Dresdner Wundtstraße ist mir in bleibender Erinnerung, nämlich die, als ca. 20 Polen im 22-Quadratmeter-Zimmer über mir anlässlich einer bestandenen Abschlussprüfung tanzend und saufend polnische Volksweisen zum Besten gaben. Als Putz von der Decke zu rieseln begann, entschied ich mich, auswärts zu nächtigen…
Und abschließend und zum Thema passend noch ein kleiner Kurzfilm, auf den ich via Text & Blog stieß und der vom muggelich-chaotischen Miteinander mehrerer Mieter handelt. Das zehnminütige und aus 9.000 Zeichnungen bestehende Meisterwerk ironisch beobachteten Zeitgeistes namens „Flatlife“ stammt übrigens von Jonas Geirnaert und gewann 2004 in Cannes den Jury-Preis als bester Kurzfilm.









