Das erste Pils der Welt
Süffiges zur Pilsner-Urquell-Plakatkampagne
Werbung, Reklame, Promoschn – ein weites, erfolgwärts schwer messbares, gern uninspiriertes Feld, das meist am Geldbeutel der Zielgruppe vorbeirauscht wie weiland die kaiserlichen Stadthalter an den Fenstern der Prager Burg. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie – wir bleiben böhmisch – die aktuelle Plakatkampagne zum „Ersten Pils der Welt“ beweist: Pilsner Urquell. Ein Vertreter von des Mannes liebstem Kind also, dem Bier, mithin eine Edelgerste, die 1842 vom bayerischen Braumeister Josef Goll im böhmischen Städtlein Pilsen nach besonderer Rezeptur gebraut wurde. Nach Pilsener Brauart nämlich, die in den folgenden Jahrzehnten ihren Siegeszug durch die Kehlen dieser Welt antrat und stellvertretend wurde für den stammwürzigen Bestellvorgang im Stammlokal: Acht Pils bitte.
Doch zurück zu besagter Werbekampagne, deren schlicht-elegante, wunderbar ironische Umsetzung ebenso mundet wie das herrliche Hopfenaroma des Auftraggebers. Unter Verantwortung der Hamburger Agentur Nissen Bickhoff Carstensen (NBC) wurde im Spätsommer vergangnen Jahres und in acht deutschen Großstädten das erste Motiv plakatiert: Eine Pilsner-Urquell-Flasche auf schwarzem Grund, rechts daneben und in goldenen Versalien das Motto „Ohne Lemon. Ohne Cranberry. Ohne Bullshit“. ‚Fein, fein’, dachte sich der vom üblichen, superlativgetränkten Werbegrau ermattete Onlineredakteur, ‚endlich jemand, der gegen die aufs hippe Sonnenbankpublikum zugeschnittenen Modepanschereien zu Felde zieht.’ Umso besser, dass es jene Biermarke war, die einst zur untergärigen Sozialisation beigetragen hatte.
Auf dem nächsten Plakat dieser Kampagne stand zu lesen: „Die Würde des Biers ist unantastbar“ – eine Feststellung, an der selbst olle Kant nichts auszusetzen gehabt hätte und die dem demokratisch geschulten Spiegel-Leser ein weiteres, seliges Lächeln ins vom allmontaglich veräußerten Weltschmerz gezeichnete Gesicht zauberte: Ja, wenigstens am Urquell ist nicht zu rütteln!
Der gegenwärtig und vielerecken zu lesende Sinnspruch hingegen lautet: „Müsste eigentlich aus Deutschland kommen…“ – und damit wird mit Sicherheit nicht auf die zurzeit grassierende „Alles Adolf“-Manie angespielt, wie eine scheinbar weitgehend vom Humor befreite taz-Redakteurin annahm. Nein, vielmehr wird hier süffisant am Selbstverständnis des gemeinen Teutonen gerüttelt, der mit über 1.200 deutschen Brauereien so gut versorgt ist, dass er immer noch annimmt, das beste Bier braue er. Dass dem nicht so ist, hicks, das beweist der fein gesetzte Urquell-Konjunktiv.
Kurz und gut: Die Plakatkampagne von Pilsner Urquell ist elitär, intellektuell, witzig und bestimmt nicht auf den allgemeinen Massendurst gemünzt. Ganz so, wie auch die ästhetischen Urquell-Werbespots (s.u.), um die zu verinnerlichen man nicht Tschechisch sprechen muss. – Wem aber die Plakatmotive munden, der begebe sich flugs auf die schwer navigierbare, Flash-okkupierte, immerhin schicke Urquell-Website und bestelle sich links unter „Neue Kampagne 2008“ ein entsprechendes Poster im DIN-A1- oder DIN-A2-Format. Kostenlos, versteht sich (der „Bullshit“-Klassiker befindet sich bereits in der CyberBloc-Redaktion).
Mag sein: Nicht ganz billig, dieses Elitebier. Aber was dem Blaublüter der Royce, was dem Intellektuellen der Benn, das dem Bierliebhaber das Urquell. Und Durst Geschmack verpflichtet nun mal, und sowieso: Man gönnt sich ja sonst nichts (was Prekariats-Tinkturen wie Sternburger und Oettinger oder Hype-Wässerchen wie Beck’s oder Krombacher einschließt). In diesem Sinne, ihr vom Pilsner Hopfen betörten Lipide: Na zdraví!
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