Apocalypse now im Shivapuri-Nationalpark
Missionsbericht zum Manöver „Rattle Chain“ (MTB-Tour Kathmandu – Nagarkot)
Berge, Sonnenauf- und Sonnenuntergänge, der wunderbare Blick auf weite Teile des Himalaja-Massivs und körperliche Aktivität – das waren die Intentionen, mit denen wir uns mit dem Mountainbike auf den Weg von Kathmandu nach Nagarkot gemacht haben. Es sollte anstrengend werden, aber was uns erwartete, haben wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorzustellen vermocht…
Da unsere letzte geplante Mountainbiketour aus Gründen der übereifrigen Tätigkeit des Magen-Darm-Trakts ausgefallen war, haben wir diesmal strikt auf unsere Nahrungsaufnahme geachtet. Die Bikes wurden wieder für 500 Rs pro Tag pro Bike bei dem Vermieter des Vertrauens besorgt und das Discountangebot der Weizenbakery genutzt. Das Resultat der Vorbereitung für den Start ins Ungewisse:
> 1,5 Liter Cola
> 2 Schokocrossaints
> 1 Schokodonut
> 1 Marmeladendonut
> 2 Brötchen
> 2 Packung der guten Nepali-BonBon-Kekse
> 2 Liter Wasser
Pünktlich um 6.30 Uhr sind wir aufgestanden und haben begonnen, die Backwaren zu vernichten, um mit genügend Treibstoff ausgestattet zu sein. Um 7 Uhr saßen wir voll bepackt auf den Rädern – wir mussten dicke Sachen mitnehmen, da es in Nargarkot (2.000 Meter über NN) über Nacht bibberkalt werden konnte. Zuerst hieß es ein paar Kilometer im Kathmandutal (1.300 Meter über NN) auf gut asphaltierten Straßen radeln; beizeiten schien uns die Sonne freundlich in den Rücken und wir waren guter Dinge.
Dann war es so weit: Der erste Anstieg zum Eingang des Shivapuri-Nationalparks kündigte sich langsam an und wir waren noch zu Scherzen aufgelegt. Doch ziemlich schnell wurde klar: Das wird kein Spaßtrip! Der Straßenbelag wurde brüchig, bald befanden wir uns auf einer Schotter- und Lehmpiste, und die Steigung ging straff auf schätzungsweise 20 bis 25 Prozent zu. Ein Ende des Berges war nicht in Sicht.
Endlich, nach zirka 1 bis 2 Kilometern Keucherei (Die ersten drei Gänge des Bikes waren mittlerweile meine besten Freunde!), waren wir am Eingang des Nationalparks auf 1.700 Metern Höhe angelangt und durften als Touris für die bevorstehende Nationalparkdurchquerung 250 Rs berappen (Locals zahlen nur 10 Rs). Vorbei an gelangweilten Militärs ging es nun auf eine echt „schweinische“ Strecke: Felsbrocken, Schotter, Lehm, Sand und jede Menge Steigungsprozente. Natürlich darf man nicht erwarten, dass diese Verhältnisse einen waschechten Nepali davon abhalten, mit dem Taxi oder dem Moped hochzurammeln.
Die Sonne lachte, mein Gesicht weniger. Kämpfen war angesagt und ich lernte den ersten Gang am Mountainbike noch mehr zu schätzen. Bisher hab ich immer gelacht, wenn ich jemanden mit dieser ulkigen Schaltkombination strampeln gesehen habe. Hochkonzentriert hab ich versucht, einen Rhythmus und die Ideallinie durch dieses Steingewusel zu finden. – Die erste Pause wurde eingelegt, kräftig Wasser getankt und der Körper mit Sonnencreme bepinselt, damit man am Abend nicht mit Sonnenbrand dasitzt. Aber die Angst vor dem Schmerz durch Sonnenbrand sollte sich als geringstes Übel herausstellen.
Der erste Anstieg war ohne größere Zwischenfälle gemeistert und unsere erste Abfahrt stand an. Also nochmal fix alle Glieder gereckt, Wasser nachgefüllt, Zuckerzufuhr durch die erste Packung BonBon-Kekse. Noch schnell einen Blick auf die zurückgelegte Strecke und ins Tal geworfen – und dann haben Hans und ich uns ins Grün gestürzt. Konzentration war das A und O, und nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass ein etwas tiefer eingestellter Sattel mehr Bewegungsfreiheit schafft. Sonnenstrahlen, die das Blätterdach durchstießen, machten uns in Kombination mit dunklen Waldschlunden zu schaffen. Immer wieder querten kleine Rinnsale unseren Weg – immer durch mit viel Getös‘!
Da man aber nicht ganz so schmutzig aussehen wollte und außerdem nicht immer abschätzen konnte, wie tief die Schlammlöcher sind, hat man das Tempo etwas verringert. Dem Hans wurde das leider zum Verhängnis, da er zu sehr abbremste, in einem Schlammloch stecken blieb und nun knöcheltief in der Pampe stand. Wir nahmen es mit Humor – und weiter ging es, die frische Luft atmend und in Gedanken versunken… Ein Fehler! Ein Moment der Unachtsamkeit reichte, um das Vorderrad meines Fahrrades auf einem stark bemoosten Stein zum Rutschen zu bringen. Das Hinterrad sah sich aber überhaupt nicht angetan, dem Vorderrad in seiner Spur zu folgen, und noch eh ich mich versah, war es geschehen: Das Vorderrad hing nun in einer Steinlücke und ich entschloss mich, mit einem gekonnten Bocksprung über den Lenker das Weite zu suchen und das Fahrrad sich selbst zu überlassen.
Mit sicheren Boden unter beiden Füßen konnte ich nun beruhigt auf das darniederliegende Bike schauen und mich über den spektakulären Abgang freuen. Hans hat es ebenfalls mit einem breiten Grinsen betrachtet. Nun wussten wir: Mit der Natur ist hier nicht zu spaßen! Also Augen auf und volle Konzentration. Kurzer Check des Bikes und wieder rauf auf den Bock, denn Hans war schon um die nächste Kurve. Plötzlich werde ich durch einen dumpfen Knall erschreckt und hinter der Kurve war auch klar, was es war: Hans wollte einer dornenbesetzten Rankpflanze (Ein Vertreter desselben Typs war schon vorher meinem T-Shirt-Ärmel zum Verhängnis geworden!) ausweichen und war gestürzt, wobei ihm ein so eleganter Abgang wie mir leider verwehrt geblieben war. Also traf das erste Blut den Boden des gnadenlosen Dschungels.
Aber wir hatten eine Mission und konnten uns durch solche Kinkerlitzchen nicht aufhalten lassen. Wir wussten beide: Jede noch so schöne Abfahrt bedeutete auch wieder einen Anstieg. Und selbiger hatte es in sich! – Aber wir trafen wieder auf Menschen, die mit „Straßenarbeiten“ oder der Landwirtschaft beschäftigt waren. Mittlerweile waren wir auch soweit um den Berg des Shivapuri herum, sodass wir die ersten Berge des Himalaja sehen konnten. Langsam aber sicher mussten wir auch auf unsere nächste Abfahrt zusteuern. Die Kräfte schwanden und es kam uns der eine oder andere Fluch über die Lippen. Aber es hieß weiterhin Zähne zusammenbeißen, denn wir wussten, wie unser nächstes Ziel hieß: Jhule – und damit der Beginn des schwersten Downhills, wie uns der Fahrradvermieter mitgeteilt hatte.
Doch den Abzweig nach Jhule schien es nicht zu geben und wir steuerten immer mehr nach Norden, obwohl wir nach Süden ins Tal mussten. Nach einigen Meter haben wir die Bikes hingeworfen und ich habe mich zu Fuß und mit Karte weiter bergauf begeben, um nach Anhaltspunkten Ausschau zu halten. Nach einigem Grübeln und Fotografieren war klar: Wir hatten den Abzweig verpasst. Also ging es bergab und nach kurzer Zeit haben wir auch ein kleine ausgewaschene Abfahrt gefunden. Hans‘ Mutter hat nochmal angerufen und letzte Grüßee uebermittelt – und dann gings ab! Nun war hochkonzentriertes Grinden auf Erosionsdiskordanzen angesagt, immer die 30 bis 50 Zentimeter tiefen, ehemaligen Wasserläufe im Blick. Viel hatte die Naturgewalt des Wassers ja nicht von der Straße übrig gelassen.
Wir passierten einige kleine Dörfer und wurden immer von jubelnden Kinder begrüßt und teilweise verfolgt. Erstaunlich, wie schnell diese auf direktem Wege über die Terrassen hinter uns beiden her hechteten. – Die Hände schmerzten, während sie die Bremsbacken ständig gegen die Felgen zwangen, und auch das werte Hinterteil schluchzte bei jeder kleinen Bodenwelle, wenn man doch mal meinte, nicht im Stehen fahren zu müssen. Die nepalesichen Halbschuhe mit ihrer dünnen Sohlen stellten sich im Kampf mit den massiven Pedalen als unterlegen heraus, weshalb man beizeiten die Struktur der Pedale am Fuß spürte.
Endlich, eine Abzweigung! Jetzt nur nicht wieder falsch fahren, hoch will keiner von uns beiden strampeln. Alle unsere Versorgungvorräte waren auf dem kräftezehrenden Anstieg auf 2.300 Meter aufgebraucht und ich lechzte nach dem nächsten Schluck, um den Staub aus dem Mund zu spülen und den Körper mit Frischwasser zu versorgen. Wir brauchten also ein Dorf und durften uns keinen Fehler erlauben.
Die Karte sagte eindeutig rechts, und so haben wir uns auf eine weitere halbe Stunde Abfahrt begeben. Es war mittlerweile 14 Uhr, die Straße war etwas besser, wenngleich staubig und sandig. Es wurden auch zunehmend mehr Verkehrsteilnehmer, auf die wir achten mussten, und wir waren uns sicher, dass wir richtig waren. Denn wo Leute sind, da muss auch Zivilisation sein. An einem kleinen Einkaufsstand haben wir unsere Vorräte wieder aufgestockt und waren jetzt wieder bestückt wie zum Start der Tour, nur ohne Backwaren. Wir fragten den freundlichen Verkäufer, wie lange es bis Nagarkot sei und er meinte, zwei Stunden. Ok, damit wären wir pünktlich zum Sonnenuntergang da. Gut eine Stunde mehr als wir geplant hatten, aber was soll’s. Also wieder auf den Drahtesel geschwungen – es ging weiter bergab.
Das konnte eigentlich nicht sein! Uns wurde schummrig! Waren wir doch falsch abgebogen? Das war doch unmöglich laut Karte. Aber die Karte hatte uns schon einmal im Stich gelassen – eben nur eine grobe Orientierung. Im nächsten Dorf war es Gewissheit: Suhka! Suhka? Aha, das liegt so gar nicht auf unserer geplanten Strecke. Schnell neu orientiert und geschaut, was das für uns heißt. Der Schock und die persönliche Apokalypse folgten: 10 Kilometer Umweg und zirka 500 Höhenmeter extra. Ein Orkan aus Flüchen und Geschimpf ergoss sich auf Suhka.
Kurz hat Hans überlegt, ob er wir nicht den Bus nehmen sollten, aber das wurde abgeschmettert, obwohl die Kräfte zur Neige gingen und die Sonne so langsam verschwinden wollte. Eine Packung BonBon-Kekse und ein paar Schluck Cola später saßen wir wieder auf dem Rad und strampelten unserem absoluten Höhepunkt entgegen. Die Flüche waren Gesängen und Gedanken an den Sonnenuntergang gewichen. Die Straße wurde für uns immer steiniger, aber im wahrsten Sinne des Wortes: Denn für Autos wurde für besseren Grip einfach ein Meer aus spitzen Steinen gelegt, was uns nun absolut in die Knie zwang – wir mussten absteigen und schieben. Die Beine gaben es einfach nicht mehr her, über diese fiese Holperstrecke zu klettern, und mit Schieben waren wir definitiv schneller als mit Fahren.
Dann war es so weit, die Sonne ging unter und wir waren glücklicherweise an einem kleinen Hügel, wo sich auch schon einige Nepalis versammelt hatten, und konnten das Panorama des Himalaja bei Sonnenuntergang betrachten. Ein Traum! Die Fahrt hatte sich gelohnt, auch wenn wir noch nicht am Ziel waren und das Wetter bei Sonnenaufgang am nächsten Tag ungewiss war. Die netten Nepalis boten uns an, mal an ihrer magischen Pfeife zu lutschen. Aber wir lehnten natürlich ab, denn wir hatten unsere Magic Cookies und Mineralwasser. ;-] Schließlich hatten wir uns schon derart in Ekstase gefahren, dass wir keine weiteren Haluzinoide benötigten, und außerdem brauchen Sportler kein Doping!
Nun hieß es noch, die letzten Serpentinen zu erklimmen, und dann waren wir auch schon in Nagarkot. Um 17.30 Uhr standen wir vor dem Hotel, das uns vom Besitzer des ChaCha-Cafes in Kathmandu empfohlen wurde. Zum Glück war es auch gleich das erste Hotel im Ort. Ein traumhafter Blick von allen Terrassen des Hotels – und unsere Bleibe für die Nacht sollte eine kleine Hütte sein. Es gab heißes Wasser, warme Decken und Licht. Mehr brauchten wir nicht zum Glücklichsein. Wir haben uns dann noch Abendbrot bestellt und ein wenig unsere Erlebnisse dokumentiert. Um 20 Uhr waren wir dann aber schon im Bett verschwunden, denn am nächsten Morgen musste früh aufgestanden werden: 6 Uhr, der Beginn des Sonnenaufgangs.
Eine unruhige Nacht folgte! Ich dachte, es wären vielleicht die Kälte oder die harten Betten. Aber nichts von beiden traf zu, denn es war warm und mit Härte von Betten habe ich eigentlich selten ein Problem. Es war die Aufregung! Jeder kennt das sicher noch aus seiner Kindheit, wenn man immer die Nacht vor seinem Geburtstag nicht schlafen konnte und dann früh schon seine Lego-Geschenke zusammenbaute, noch ehe die Eltern erwachten…
Und deshalb werde ich nicht viel zu dem Sonnenaufgang sagen, außer vielleicht: GEIL! – Die Wolken hingen im Tal und die Sonne erschien nur sehr zögerlich. Als dann die ersten Teile der Sonne zu sehen waren, begaben sich aber auch gleichzeitig die Wolken nach oben und spektakuläre Wolkenspielchen vollzogen sich.
Um 6.30 Uhr war das ganze Schauspiel vorbei, und wir haben uns nach einigen Fotoshootings, die Hans noch mit einer Gruppe Japanern veranstaltet hat, zum Frühstücken zurückgezogen. Um 9.30 Uhr sind wir dann aufgebrochen und haben erneut einen kleinen Berg nach Nagarkot-„City“ bezwungen. Dort wurde wieder für Zuckervorrat gesorgt, auch wenn die heutige Tour laut Karte nur bergab ging. – Und wieder ein Trugschluss! Wir wollten eigentlich nicht auf den Viewtower, weil das nochmal knapp 200 Höhenmeter bedeutet hätte. Laut Karte waren Viewtower und unsere Strecke getrennt, in der Realität entpuppte sich das aber eben als Trugschluss, denn wieder war eine Plackerei der gröbsten Sorte angesagt. Wenigstens war die Straße asphaltiert. Und weil wir nun direkt am Viewtower vorbeikamen, sind wir doch hinauf – ein zwölfbildriges Panorama entstand, was meinen Laptop nach der Ankunft noch ins Schwitzen bringen sollte (1,5GB Bearbeitungsdatei liesen keinen Raum fuer Detailarbeiten und verlangten Zwangspausen an meinem staendig treuen Begleiter).
Der Link zum Panorama
Dann war Abfahrt angesagt: eineinhalb Stunden feinster Downhill: Konzentration 100 Prozent, Finger ständig am Abzug der Bremse, Füße um die Pedale gekrallt, und dann Ahoi! Im Tal angekommen, konnte man auf gut asphaltierten Straßen dahinrollen – und wenn man sich zu überwinden schaffte, dann hat man sich auch auf den Sattel gepresst. Wir haben noch ein paar Fotos auf dem Weg nach Kathmandu gemacht, aber ansonsten verläuft eine Fahrt in einem Tal doch weniger spektakulär, wenn man sich nicht gerade wegen den Packkünsten der Nepalis die Augen reibt.
In diesem Sinne verabschiede ich mich für heute wieder und wünsche euch viel Spaß beim Durchstöbern der Photoalben. – Ich habe mir überlegt, ein Extra-Album für die Tierwelt in Nepal zu eröffnen, da es bei genauem Hinsehen sehr viel zu entdecken gibt und mich Tiere ja sowieso begeistern; vielleicht interessiert euch das ja auch. Weitere Bilder wie immer im Picasa-Fotoalbum „Nepal“.
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