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Vom Engleutsch zum Deppenleerzeichen



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Kleine Gedanken zum Sprach- und Schreibverständnis

Sprache entwickelt sich, und vor allem der deutsche Sprachwortschatz hat ungemein vom lateinischen und französischen profitiert, weshalb auch nichts einzuwenden ist gegen die – vernünftige – Verwendung von Anglizismen im deutschen Sprachraum. Ebenso wenig abgestritten werden kann der weltweit enorme Einfluss des Englischen, einer Sprache mithin, die bereits heute als allgegenwärtige Lingua franca gilt und damit verantwortlich ist für unzählige neue Wörter und Begriffe in anderen Sprachen. Zudem hat das Englische zweifellos das Zeug zur alleinigen Welt- und Menschheitssprache, ein Prozess, dessen Vollendung wir nicht mehr erleben werden, der aber in vollem Gange ist, wie der Vormarsch der Sprache, nunja, Shakespeares und Rowlings in beispielsweise den Bereichen Internet, Medien und Wirtschaft beweist.

Dennoch sollte man annehmen dürfen, dass unser im besten Falle sorgsam angelerntes muttersprachliches Grundverständnis so weit ausgeprägt ist, um Phänomene wie „Denglisch“ oder „Engleutsch“ als Ausdruck meist allerhohlster Phrasendrescherei zu erkennen. Zumal deutsches Wortgut gern mit Lückenbüßertum in Verbindung gebracht wird – schließlich kann die „Pure Color Function, das Topfeature dieses trendigen Stand alone Widescreen Displays im Klavierlacklook und mit getuntem Backlightlicht, absolut easy gehandelt werden“.

Die Werbeindustrie hat Schuld am Sprachwirrwarr. Hat sie?

Klar, vor allem die Werbeindustrie giert nach immer neuen Sprachkonstrukten. Selbstverständlich sind dabei Dinge wie Sprachregeln und Orthografie makabre Frechheiten aus vorsintflutlicher Zeit, eine Annahme, die uns – neben vielen, vielen der erwähnten Phrasen – das Doppel-s/Eszett-Problem oder den Deppenapostrophen bescherte. Gut, vor letzterem ist auch der allgewaltige Duden eingeknickt, denn „zur Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens“ (§ 97E, Duden, 24. Auflage, S. 1212) darf fortan ein Apostroph vorm Genitiv-s gesetzt werden (etwa: Acki’s Bierstube, Moni’s Bratwurstbomber). Und die Sache mit dem Doppel-s ist zwar logisch und nachvollziehbar und wirklich einfach zu merken, wird aber, vor allem in Alpha-Blogs und Beta-Foren, fälschlicherweise zum vollständigen Ausschluss des gehassliebten Eszetts umfunktioniert. (Ein Buchstabe übrigens, von dem es in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht sogar eine Versalform geben dürfte.)

Kurz, Sprachentrash und Syntaxclash wohin man schaut, worin man liest. Und die eiligst querlesende Community-Lifestyle-Generation schreibt ab, schreibt nach und übernimmt Fehler unreflektiert; hin und wieder aus Bequemlichkeit, meist aus Unwissen und aus Unverständnis gegenüber alten, neuen, notwendigen Rechtschreibregeln. Pisa lässt grüßen. Generationübergreifend.

Deppenleerzeichen, das Wurstblatt-Phänomen

Und hier nun kommt ein weiteres Wurstblatt-Phänomen ins Spiel, das Wikipedia-geadelte Deppenleerzeichen nämlich und damit jener Freiraum, der seit einiger Zeit und in vielerlei Medien zwischen eigentlich zusammenhängenden Substantiven zu finden ist. Das Regelwerk der deutschen Sprache sah und sieht für solche Wortformen, Komposita genannt, eindeutig die Zusammenschreibung oder die so genannte Durchkopplung mit Bindestrichen vor, woran sich auch durch die seit 1. August 2007 allgemeingültige neue Rechtschreibung nichts geändert hat.

Das Deppenleerzeichen aber hegt ungeheure Vorlieben für beispielsweise Werbeflächen, Kataloge oder die wunderweite Welt der Technik, weshalb es auch in zwei große Gruppen unterteilt werden kann: einerseits das kombinierte, andererseits das reine Deppenleerzeichen.

Zur ersten, zur kombinierten Gruppe (gern auch die „Besser als gar nichts“-Gruppe) gehören jene Komposita, bei denen lediglich das Grundwort mit Bindestrich an die oft mehrgliedrigen und gern aus dem Englischen stammenden Bestimmungswörter angeschlossen ist. Fehlerhaft also sind Formulierungen wie:

  • 16:9 Breitbild-Kinoformat
  • Winter Leasing-Aktion
  • HD DVD-Filme
  • Cover Flow-Funktion
  • Mac OS X-Aktualisierung
  • 64 bit-Prozessor
  • 65 nm Fertigungs-Technologie
  • 10,1 Megapixel-Auflösung

Die Gruppe der reinen Deppenleerzeichen bzw. die „Ich find’s schöner so“-Gruppe hingegen ist gekennzeichnet vom völligen Verzicht auf den Bindestrich, auch hier trifft man allerorten auf die fehlerhafte Schreibweise:

  • 24 Zoll Display
  • Westend Apotheke
  • Bremsen Service
  • Intel Centrino Prozessor
  • Paid blogging Seiten
  • T-Mobile Männer- und Frauen Team
  • Design Tagebuch
  • 100 Hz Technologie
  • iTunes Geschenkkarte
  • 50 Euro Rabatt Gutschein
  • FC Bayern Gewinnspiel
  • Daimler Blog
  • MP3 Player Taschen
  • DSL Flatrate

Ist's der übermäßige Gebrauch von Anglizismen?

Solche freiraumgeschwängerten Wortgebilde bereiten dem aufmerksamen Grundschüler sowie dem geschulten Redakteur selbstredend beträchtliches Unwohlsein, auch wenn die Gründe für diese Leerzeichen-Manie einleuchten dürften: Zuallererst natürlich die durch den übermäßigen Gebrauch von Anglizismen und durch sprachverknappende Medienbuhei allgegenwärtige englische respektive amerikanische Schreibweise von Substantiven, die für sich genommen zwar Kompositatrennung erlaubt, die aber spätestens dann keine Gültigkeit mehr besitzt, sobald sie sich im deutschen Sprach- und Schreibraum befindet und auf ein deutsches Grundwort trifft; Bindestriche zwischen den einzelnen Wortbestandteilen müssen die Folge sein (s. Duden, 24. Auflage, §40-52, S. 1178ff.).

Doch weit gefehlt, denn beispielsweise Unternehmen aus Übersee pochen oft auf ihr gewohntes Leerzeichen zwischen Firmen- oder Produktnamen und deutschem Grundwort – und setzen sich damit locker-leicht über die hiesige Orthografie hinweg. Ein Unding, will man meinen, denn die dabei meist ins Sprachfeld geführte Markenprägung wird zweifelsohne auch dann Bestand haben, wenn das Deppenleerzeichen, orthografisch korrekt, dem unscheinbaren Bindestrich weicht. Doch auch hierzulande treibt der Leerzeichenfetischismus vorschulische Blüten, denn immer mehr Unternehmen greifen zurück auf die falsche, bindestrichlose Schreibweise ihres mit Gutscheinen, Gewinnspielen oder sonstiger Marketinghochfinanz kombinierten Firmennamens.

Ob es da noch verwunderte, wenn hochfeine Rechtschreibkommissionen solcherlei Schludereien ins Regelwerk aufnehmen und also das Deppenleerzeichen erlaubten?

Mit Weiterbildung & Kreativität wider die Syntaxschluderei

Bis dahin jedoch gilt, was im Duden steht. Wobei diese simple Weisheit nicht jedermanns Sache ist, vor allem deshalb nicht, weil das traurige Possenspiel um die Einführung der neuen Rechtschreibung einiges eingerissen haben dürfte. Denn angesichts eben kuriosester Interpretationen der deutschen Sprache – Stichwort „Netz und Text – dürfte die einst intendierte Vereinfachung und Entrümpelung derselbigen in eine vom Bundesuser oft falsch verstandene Sprachreform gemündet sein, frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt.

Und wer tippt in Gott Googles Suchmaske schon Wörter mit Bindestrich?

Was also hilft gegen Syntaxschluderei und Deppenleerzeichen? Vor allem wohl der oft zitierte Mut, sich seines Verstandes zu bedienen – und sich mit Sprachregelungen auseinanderzusetzen, sofern diese damals, zu Schulzeiten, nicht gelernt wurden oder sich kürzlich änderten. Weiterbildung, auch muttersprachliche, lautet die Devise. Und natürlich hilft Kreativität. Kreativität im Umgang mit den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die die deutsche Sprache bietet, und zwar mit allen Regeln, die sie – wie jede andere Sprache auch – ihren Benutzern in Tastatur und Kugelschreiber legt.

Und wer bis hierin vorgedrungen ist, dem sei abschließend ein kleiner Vergleich präsentiert, der ganz ohne Engleutsch verdeutlicht, was Bindestrich und Deppenleerzeichen so alles bewirken können:

  • Zwei Kilo Bücher = eine unbestimmte Anzahl von Büchern mit einem Gesamtgewicht von zwei Kilo
  • Zwei Kilo-Bücher = genau zwei Bücher zu jeweils einem Kilo Gewicht
  • Zwei-Kilo-Bücher = eine unbestimmte Anzahl von Büchern, die jeweils zwei Kilo wiegen

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11 Kommentare

  1. Pako schrieb am
    Bewertung:

    Da kann man nur die Isländer loben, welche Ihre Sprache sehr schützen und Texte von 1200 und früher ohne Probleme noch lesen und Verstehen können.

    Mich persönlich stört es sehr, dass alles mit dem Englischen vermischt wird. Naja egal, gleich mal in den Sto… äh in das Ladengeschäft von CP :)

  2. merscho schrieb am
    Bewertung:

    Welcome back on the Blog, Herr Philipp.

    Ich denke Mister Kaulfuß sollte mal den Artikel aufmerksam lesen, so die Überschrift „CyberBloc-TV: Video are back!“ seines Misthaufens erwuchs. ;-)

  3. Sven Kaulfuß schrieb am
    Bewertung:

    @ merscho: Tja zumindest stimmen die Bindestriche ;-).

  4. Sebastian Blech schrieb am
    Bewertung:

    Ist es da nicht auch witzig, das derartige Fehler etwa in einer schulischen Arbeit nicht als solche markiert und angerechnet werden? Als leidgeprüfter Schüler der heutigen Generation kann ich da ja Bände sprechen und von Diskussionen und Auseinandersetzungen zwischen Lehrern und Bankdrücker erzählen. Beispielsweise dieses Wort hier:
    Billig-Elektro-Technik-Discounter-Kette. Kann man das nicht in allen möglichen Formen schreiben?
    Billig-Elektrotechnikdisocunter-Kette. Wer sagt nun, was richtig ist?

  5. merscho schrieb am
    Bewertung:

    @Kaule:

    siehste, das hätt ihc jetzt gar nicht so genau sagen können. ;-D

    So zwischen den Rechtschreibungen aufwachsende Kindlein wie wir, habens irgendwie ganz schön schwer.

  6. Martin Philipp schrieb am
    Bewertung:

    @Sebastian: Nach meinem Sprachverständnis meinen „Billig“ und „Discounter“ dasselbe – typischer, seichter Werbesprech eben, um auch dem letzten Hartz-IV-Empfänger zu verdeutlichen, dass es hier alles ganz besonders preiswert gibt. Das Wörtchen „Billig“ würde ich also schon mal streichen.

    Die Durchkopplung der verbleibenden Wortbestandteile ist dann allerdings Auslegungssache und kommt ganz drauf an, was das betreffende Unternehmen eigentlich ausdrücken will: Bietet es Produkte aus dem Bereich der Elektrotechnik an oder trennt es zwischen den Oberbegriffen Elektro und Technik? Dass es ein ganz besonders billiger Discounter ist, ist klar, ebenso, dass viele Filialen eine Kette ausmachen.

    Von daher sind viele Schreibweisen möglich: „Elektrotechnikdiscounterkette“ wäre die simpelste, allerdings sagt König Duden, dass man einen Bindestrich in unübersichtlichen Zusammensetzungen setzen kann. Somit gingen auch, das Wissen um die Unternehmenspräferenz vorausgesetzt, „Elektrotechnik-Discounterkette“, „Elektro-Technik-Discounterkette“, „Elektrotechnik-Discounter-Kette“ oder „Elektro-Technik-Discounter-Kette“ in Ordnung. Je nach dem, wie die einzelnen Wortbestandteile gewichtet werden sollen.

    Dämlich sehen allerdings alle Varianten aus, und schwer lesbar sind sie außerdem. Und von daher sollte die im Text angesprochene „Kreativität im Umgang mit den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, die die deutsche Sprache bietet“, ins Sprachspiel kommen: einfach umformulieren das Ganze. Denn die Elektrotechnikdiscounterkette hat auch dann noch Bestand, wenn „in den vielen Filialen der Firma Medienmurks, die als Anbieter von preiswerten Produkten aus dem Bereich Elektrotechnik gilt“, die meisten Artikel eigentlich überteuert sind. ;-]

    Das passt zwar auf keine Werbefläche und braucht sicherlich mehr Zeit zum Ausformulieren (und Zeit haben Werber bekanntlich nie), dürfte sich aber schlüssiger lesen. Allerdings setzt das wiederum einen gewissen Willen zur Macht zum Lesen voraus, der vielen Medien-verseuchten Technikkiddies abgehen dürfte. Was aber auch nicht verwundert, wenn bspw. ein Achtjähriger mit diagnostizierter ADS sich jetzt schon auf seine PlayStation freuen darf, die er zu Weihnachten geschenkt bekommt.

    Sei’s drum, ich geh jetzt mal den Pisa-Test querlesen. ;-]

  7. Claudia schrieb am
    Bewertung:

    Ein Perlchen, ein feines.
    Noch etwas weniger ausschweifend und lehrerhaft und ich verbrenne meine Bastian-Sick-0,1-Kilo-Taschenbücher.
    ;-)

    Claudia-Beck

  8. Martin Philipp schrieb am
    Bewertung:

    @ Claudia: Bücherverbrennung? Die Schmidt-Pocher-Nazometer-Quoten-Berechnung dürfte gen 100 Prozent tendieren! ;-]

    Doch apropos Herr Sick: Selbiger hat sich der Bindestrich-Thematik wie folgt angenommen: Der antastbare Name. Besonders schön das Lego-Beispiel, an dem man sieht, wie unbeholfen manch eine Firma beim Platzieren des Markennamens durchs orthografische Regelwerk stolpert.

  9. Rodisi schrieb am
    Bewertung:

    Wittgenstein hat trotzdem recht – und die deutsche kanzlei unrecht: „Die Bedeutung des Namens ist dessen Gebrauch“. isi

  10. blogleser962199 schrieb am
    Bewertung:

    Zum Deppenleerzeichen und den geschulten Redakteuren: Es gibt auch viele Damen und Herren in den Schreibstuben, die sich ohne Skrupel mutig über diesen Schwachsinn hinwegsetzen…übrigens auch bei ohne Leerzeichen und Koppelstrich zusammengereihte Substantive…die finde ich persönlich noch einen Tick grauenhafter…

  11. blogleser962199 schrieb am
    Bewertung:

    …und Entschuldigung für die verhunzte Grammatik im letzten Satz…

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