Lifestyle

Über den Dächern von Dresden



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Ballonfahren ist grenzgenial
Vor etwa einem halben Jahr erwähnte ich im privaten Kreise, dass mich eine Ballonfahrt schon ziemlich reizen würden, jedoch: keine Gelegenheit, keine Zeit, kein Geld – oder was auch immer man für Ausreden hat, wenn man eigentlich eher zu den höhenängstlichen Typen gehört, denen schon ab einer Balkonhöhe von drei Metern mulmig wird. Zum Geburtstag im Januar dann die große Überraschung: Ich bekam einen Gutschein für eine Ballonfahrt geschenkt, ausgestellt von der „Ballon-Sport und Luftwerbung Dresden„. Riesige Freude! Und Angst! Denn jetzt musste ich Ballon fahren, keine Ausreden mehr!
Da Ballonfahren im Januar nicht so der Brüller ist, einigten sich der Schenker (Natürlich hatte ich moralische Verstärkung!) und ich darauf, dass wir die wärmere Jahreszeit abwarten. Und nun war es soweit. Eine Woche vor Pfingsten, als alle Wettervorhersagen auf „Besser geht’s nicht“ standen, wurde der Termin mit der Ballongesellschaft ausgemacht: Pfingstsonntag, Start abends. Die genaue Uhrzeit sowie der Startort wurden kurzfristig anhand der Wetterlage bestimmt. Und so verbrachten wir den Pfingstsonntag beim Betrachten der rockenden Evangelisten in der Dresdner Innenstadt und riefen nachmittags abermals die Ballongesellschaft an: „Um 18:45 Uhr Start am Elbufer, dort, wo immer die Filmnächte stattfinden.“

Und was macht man sich alles für Gedanken: Wie lang wird das dauern? Meine Güte, was nehm ich mit? Was passiert, wenn ich mal auf Toilette muss? – Aufgeregt wie Schmidts Katze und ausgestattet mit einer dicken Tasche Klamotten (Es wird sicher kaaalt dort oben, und erst recht abends!), schlenderten wir an den vereinbarten Treffpunkt. Vier Ballone waren gerade dabei, sich aufzupusten, und anhand der Beschreibung hatten wir schnell den „eigenen“ Ballon gefunden: Er lag noch im Gras und am Boden stand ein winziges Körbchen für vier Gäste (neben uns ein weiteres Pärchen) plus Ballonführer.

Wer nun glaubt, es gäbe stundenlange Sicherheitsbelehrungen über die Verwendung von Fallschirmen, Schwimmwesten, Notausgängen und Sauerstoffmasken sowie tränenreiche Abschiedszeremonien, der irrt. Wir bekamen als erstes einen kräftigen Handschlag und als zweites ein paar Arbeitshandschuhe an die vorderen Gliedmaßen. Denn Gruppendynamik lautete das Konzept, und das bedeutete: nicht herumsitzen wie Graf Koks, um dann ins Körbchen getragen zu werden, sondern schön mithelfen. Den Ballon aufzuhalten war also die erste Aufgabe, bei der die Gäste an Stahlseilen zerrten, während ein Gebläse normale kalte Luft in den Ballon pustete. Als zweites wurde der Brenner eingeschaltet, um heiße Luft dazuzutun. Aber schlau wie ich war, hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits unter dem Vorwand dokumentarischer Pflichten (Fotografieren) auf Abstand gebracht.

Ballonfahrt, die erste“

Nun begann der Ballon, sich aufzurichten, wobei die Gäste angehalten waren, sich umgehend als Ballast in den Korb zu werfen, damit dieser nicht herrenlos entfleucht. Gesagt, getan, und als der Ballon brav in der Luft und der Korb noch ebenso brav auf dem Boden stand, wurden die Taschen nachgereicht. Einer der Ballonverfolger meinte noch: „Das brauchen Sie gar nicht, das können Sie bei mir im Auto lassen.“ Aber ich bestand darauf, schließlich war ich bis zu diesem Zeitpunkt überzeugt, Socken, Pullover und dergleichen zu benötigen. (Nur zum Verständnis: Ein Ballonverfolger hat nach dem Start die ehrenwerte Aufgabe, dem Ballon per Fahrzeug samt Anhänger am Boden zu folgen, um anschließend alles wieder einzusammeln.)

Dann machte der Ballonführer ein paar kesse Sprüche und begann, den Brenner über unseren Köpfen zu bedienen. Der Gedanke an eine warme Jacke war schlagartig verschwunden, denn aus einer Höhe von etwa 2,50 Metern brüllten mich 100 Grad an, sodass ich glaubte zu spüren, wie meine Kopfhaare sich kräuselten. Mein Unbehagen wurde registriert und ich bekam ein „schickes“ Mützchen aufgesetzt. Der Brenner wurde weiter fleißig auf Touren gebracht – und ohne Vorwarnung stieg der Ballon auf. Gedanken an Höhenangst oder andere Bedürfnisse waren in diesem Moment vollkommen vergessen, denn man ist derartig beschäftigt („Immer höher. Aua, der ist mir auf den Fuß getreten. Der Brenner ist heiß. Wo zum Geier ist mein Fotoapparat?“), dass man sich ruck, zuck 50 Meter über der Elbe wiederfindet. Und nun war es zum Aussteigen definitiv zu spät!

Ballonfahrt, die zweite“

Wir saßen übrigens im schicken, grün-weißen „Drewag“-Ballon, uns folgten „Feldschlößchen“, „Oppacher“ sowie mit einigem Abstand „Riesaer Nudeln“. Und nachdem ich meine Scheu vorm Blick über das Geländer überwunden hatte, war ich fasziniert. So hatte ich meine Stadt bisher noch nie gesehen: Zuletzt wurde man während der Flut 2002 endlos mit Luftaufnahmen des überschwemmten Zwingers versorgt, jetzt sah ich das Ganze ohne Wasser darin, die neuerbaute Frauenkirche sowie den Menschenauflauf, der sich zu „EVA rockt“ um die Bühnen am Neumarkt drängte.

Der Wind trieb uns sacht Richtung Westen, und wir fotografierten auf Teufel komm raus. Von Höhenangst keine Spur, wozu wohl auch das vertrauensbildend hohe Korbgeländer sowie die völlig erschütterungsfreie, stille Fahrt beitrugen, nur unterbrochen vom Fauchen des Brenners, der ab und an betätigt wurde. Oder von den Gesprächen, die die Ballonfahrer mit der Luftverkehrskontrolle und – mitunter sehr zur Unterhaltung der Gäste – untereinander per Funk führten: „Bitte jetzt nicht aufsteigen, wir sind grad über euch!“ Da ein Ballonfahrer keinerlei Einfluss auf die Windrichtung nehmen kann, wurde mein Wunsch nach einem Richtungswechsel nach Hellerau (Ich muss meiner Mutter winken.) vom Ballonführer mit Gelächter bedacht. „Es geht Richtung Kesselsdorf“, wurde mir beschieden, und ich ergab mich meinem Schicksal, meiner Mutter nicht winken zu können. Ballonfahren ist grenzgenial, soviel wurde mir im Laufe der weiteren Fahrt immer klarer.

Nach der Altstadt überflogen wir den Hauptbahnhof, den Ammonhof und danach verlor sich mein Orientierungssinn, da die üblichen Wegmarkierungen, die man von unten kennt, von oben nicht mehr auszumachen sind. Quadratische Stadtvillen, wie auf dem Reißbrett angeordnet, grillende Großfamilien am Pool, winkende Kinder, die von oben direkt ästhetisch wirkende Autobahn und Windräder. Stets wurden wir begleitet von den anderen drei Ballons, deren Farbzusammenstellung für so manches schöne Fotomotiv sorgte. Einen Ratschlag noch: Sollte jemand planen, mit dem Partner eine Ballonfahrt zu unternehmen, so ist dies der richtige Ort für schöne (Hab dich lieb.) und weniger schöne (Bin pleite. Bin fremdgegangen.) Geständnisse. Denn ein Ballon ist ein Ort, an dem der Partner a) nicht weglaufen und b) nicht mit Geschirr werfen kann. Nur so als Tipp am Rande. ;-]

Ballonfahrt, die dritte“

Nach zirka einer Stunde Fahrt Richtung Westen wurde zum Landeanflug übergegangen, was beim Ballonfahren darauf hinausläuft, dass weniger oder keine heiße Luft mehr zugeführt wird und der Ballonführer nach einem Landeplatz Ausschau hält. Hierfür eignet sich am besten eine wilde Wiese – Felder sind zu meiden, denn Bauern sind schnell mit ihren Forderungen! Wir befanden uns im Anflug auf eine große Wiese bei Grumbach, überflogen noch einige strukturschwach aussehende Bauerngehöfte und sanken immer niedriger, als der Ballonführer uns bat, uns an den seitlichen Griffen festzuhalten. Er hatte sich um ein paar Zentimeter vertan, und wir streiften einen Zaun, verhakten uns kurz, aber der Korb riss sich los und wir landeten mit zwei, drei kleinen Hupfern auf der Wiese. Die Ballonverfolger waren bereits zur Stelle, schnappten sich die Seile und sorgten dafür, dass der langsam in sich zusammensinkende Ballon gleich in die richtige Richtung fällt, nämlich nicht auf die Straße, einen Misthaufen oder gar den noch heißen Brenner.

Nachdem alle Gäste mit wackeligen Beinen und glücklichen Gesichtern aus dem Korb geklettert waren, folgte das gleiche Gruppendynamik-Konzept wie zu Beginn: Anpacken! Der Ballon wird gefaltet, in einer großen Tasche verstaut und ebenso wie der Korb in den Anhänger gehievt. Doch bevor wir mit dem Ballonfahrer-Fahrzeug wieder nach Hause gefahren wurden, packte die Balloncrew ein kleines Teppichlein aus und bat uns, darauf niederzuknien. Was nun folgte, war die so genannte Ballonfahrertaufe: In einer launigen Rede erklärte uns unser Ballonführer, dass historisch begründet sich nur Adelige der Freude des Ballonfahrens hingeben dürften, weshalb es notwendig sei, uns umgehend in den Adelsstand zu heben. Und zwar auf eine Art und Weise, die am englischen Hof sicherlich nicht Praxis ist, die aber auf einer Wiese durchaus Unterhaltungswert hat: Ein paar Haare wurden mit dem Feuerzeug abgefackelt (Feuer), ein paar Gräser auf den Kopf gestreut (Erde) und Sekt darübergegossen (Wasser), woraufhin wir unsere neuen Adelstitel samt Taufbrief überreicht bekamen.

Ich stand da wie ein begossener Pudel und hieß nun und für alle Zeiten: Eure Baroness Claudia, die Luftfee über den grünen Wiesen und gelben Feldern zu Dresden.

Ballonfahrt, die vierte“

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6 Kommentare

  1. Uwe schrieb am
    Bewertung:

    *knicks* Toller Bericht, schöne Luftaufnahmen und eine extremst schicke Hitzeschutzkappe! ;-)

  2. Alias schrieb am
    Bewertung:

    Geniale Aufnahmen! Schöner Artikel!

  3. Olaf schrieb am
    Bewertung:

    Danke für den tollen Bericht, einer der schönsten, die ich lesen durfte. Viele Grüße von Olaf, Eurem damaligen Piloten. Glück ab, Gut Land

  4. Luca Hobrack schrieb am
    Bewertung:

    Hallo, wie hieß euer Pilot damals?

    • Johanna Leierseder schrieb am
      Bewertung:

      Hallo Luca, das kann ich dir leider nicht mehr sagen, sorry! Beste Grüße, Johanna vom Cyberport-Team

  5. Luca Hobrack schrieb am
    Bewertung:

    Danke fürs Antworten. Ist nicht schlimm, den Namen habe ich rausbekommen. LG (oder wie wir unter Ballonfahrer sagen: Glück ab) Luca.

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