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Get together im Hinterhof



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27. August 2005: Morrison meets Meißelbach und Vörös/Vörös
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Zur Einstimmung ein „kleiner“ Artikel, der zwar schon Anfang des Jahres in der Musikzeitschrift Abditus Vultus (Ausgabe 3) erschien, jedoch durch seine Zeitlosigkeit noch immer besticht:

Womöglich hat ja jemand schon mal was vom Dresdner Stadtteilfest „Bunte Republik Neustadt“ gehört: 1990 vorstellig geworden als links-autonome Provokationsaktion, mauserte sich das Ganze zu einem jährlich stattfindenden, dreitägigen bunt-alternativen, multikulturellen Straßenfest, das gerne mit Gewaltexzessen zwischen Linken, Rechten und der Staatsgewalt Schlagzeilen machte.
Mittlerweile ist vom alternativen Esprit jedoch nur tagsüber etwas zu spüren, und das auch nur in Seitenstraßen, denn nächtens verwandelt sich die an Events immerhin reiche BRN zu einem Volksfest übelster Sorte: Gelgeile GTI-Fahrer okkupieren die Döner-Buden, aus denen ohrenbetäubend der Schund der Vorschulmusiker Scooter schallt; die Arschgeweihe platinblonder Plattenbau-Plautzen blinken im Nippes, der von heroinsüchtigen Freizeitindianern feilgeboten wird; die Bratwurstfetzen in den gelben Gebissen feist grinsender Yuppies spiegeln sich in den zerschlissenen Schlüpfern der Punks, die gerade an eine Hauswand kacken; und Klein-Martin fühlt sich verloren.

Wie gut, dass es da einige Wochen später in einem anderen Teil der Neustadt ein weiteres Festlein gab, in dem die tiefalternative Boheme noch fröhliche Urständ feierte, nämlich die „Inseln im Hecht“, das Stadtteilfest des Dresdner Hechtviertels. Mittendrin thront die zur Open-Air-Bühne umfunktionierte Kirch- bzw. Theaterruine St. Pauli, in der die Feierlichkeiten traditionell eröffnet werden, die jedoch kurzfristig wegen Steinschlags gesperrt werden musste. Hiervon ließ sich aber niemand beirren, so dass sowohl all die grünen Korksandalianer als auch sämtliche tiefroten Brachialutopisten in angenehmer Atmosphäre das zelebrierten, was die deutsche Alternative des dritten Jahrtausends nach wie vor ausmacht: Friede, Freude, Billigbier.

Nun ja, um sich über die Vielzahl der zum Hechtfest gebotenen Veranstaltungen zu informieren, nutze man bitte die betreffenden Links; denn ich möchte meinerseits – ganz Investigativ-Journalist – lediglich an ein kleines, feines Konzertlein erinnern, nämlich an die Neuauflage der Akustikkoalition der Herren Christoph Meißelbach, Frontmann der Prog-Hardrocker von 7ieben, Tom Vörös, seines Zeichens Sänger der Psychedelic Rocker Universal Mind, sowie dessen Bruder André. Das Ganze fand statt im Hinterhof der Hechtstraße 28, einer alternativen Enklave, in der die Welt noch heil, ja heilig war: Ein Trödelmärktlein am Eingang; Wurfspiele für die Junggebliebenen; wacklige Holztischchen mit Kerzen und Gurkenglasdeckeln als Aschenbecher, umhertollende Windelwichte, die über die Kackhäuflein zottiger Riesentölen fielen; langnasige Friedensaktivistinnen, deren steife Brustwarzen durch‘s Leinenhemd stachen; eine überdachte Speisestätte, an der eine hübsche Studentin von Sozialwissenschaftlern gebackenen Kuchen und Butterbrötchen für 50 Cent sowie Flaschenbier für einen Euro verschenkte; und direkt daneben das ebenfalls überdachte, mit minimalistischer, aber funktionierender Technik ausgestattete Plätzlein für die Kulturschaffenden. Selbst die Instanz in Sachen Tom-Waits-Cover, H.C. Schmidt himself, dessen Konzerte ich sehr empfehlen möchte, ließ sich‘s nicht nehmen, 68 Bier zu verdrücken und die leeren Flaschen noch persönlich am Kuchenstand abzugeben.

Und wie es sich für überzeugte Alternativkulturelle gehört, begann die Akustik-Session – die, kurzfristig anberaumt, nur wenige Enthusiasten lockte – zwar eine halbe Stunde zu spät, dann aber emotional-gediegen: Christoph am Mikro, Tom an der Gitarre und André an den Bongos interpretierten eine Auswahl der Ergüsse ihrer großen, einzigen, ewigen Liebe The Doors. Und während MoJo im siebten Haschischhimmel ob der gefühlvollen Darbietung zufrieden onanierte, brachten seine Jünger Klassiker wie „Riders On The Storm“, „Crystal Ship“ oder „Touch Me“ ebenso zu Gehör wie weniger bekannte Perlen, bspw. „Cars Hiss By My Window“ oder „Hyacinth House“. Hierbei brillierte die sonst während der 7ieben-Gigs bös‘ tobende Rampensau Meißelbach mit feiner, variierender Stimmarbeit, die von kuschlig-verrucht bis rockig-verraucht reichte, weshalb man ihm den leichten „German Touch“ im englischen Vokabular gern nachsah. Auch Tom übernahm für zwei Songs das Mikro, nämlich für die balladesken Universal-Mind-Juwelen „Playground Visions“ und „In Vain“, die in gewohnt souveräner, einfühlsamer Manier vorgetragen wurden. Mit leichtem Bedauern musste ich allerdings feststellen, dass die Session für diesmal nicht von dem von André, dem Rhythmus-Messias, auf der Mundharmonika begleiteten Neil-Young-Klassiker „Heart Of Gold“ gekrönt wurde; doch die Entschädigung folgte auf den Fuß, und zwar in Form des Stone-Temple-Pilots-Songs „Plush“, der so überzeugte, dass ich nah dran war, es Zellstoff-MoJo gleich zu tun.

Leider, leider war‘s nach nicht ganz einer Stunde schon wieder vorbei mit dem güldenen Akustikzauber, denn Tom bat wenig später auf einer der vielen Bühnen des Hechtfests mit seinen Jungs von Universal Mind zum Tanze. Dieser Auftritt wurde allerdings komplett verhunzt von einem völlig überforderten Tontechniker, und zudem wurde offenbar, dass selbst die Alternativoase Hechtviertel nicht gefeit war vor der Infiltration durch bildungsfernen Mob, weil während des Gigs ein RTL-II-geschädigter Schwarm von sich am Muskel-Shirt fummelnden Disco-Trotteln durchs Publikum prollte.

Doch, o holde Göttlichkeit, „einmal ist keinmal“, hatten sich die Herren Meißelbach, Vörös und Vörös nach dem Auftritt der Uniminder gedacht; und so fanden sie sich zu vorgerückter Stunde erneut im von Kerzen beleuchteten Hinterhof zusammen, um den nunmehr in stattlicher Zahl anwesenden Musikenthusiasten zum wiederholten Male ihr Akustik-Set darzubieten. Und wenn ich mir vor Augen rufe, wie sehr beim diesjährigen Flower-Power-Festival in Freiberg ein röchelndes Front-Dickerchen samt seiner lächerlichen, schlechtesten Doors-Coverband der Welt namens Backdoor bejubelt wurde, dann möchte ich mir kaum vorstellen, mit welch frenetischen Ovationen unser Trio hier bedacht worden wäre. – Von daher, meine Herren, ausbauen das Ganze, euer Potential reicht für Größeres.

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Die zwei Vörös-Brüder in Aktion

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6 Kommentare

  1. Reichel schrieb am
    Bewertung:

    Die Musik ist nicht zu ertragen.

  2. Tina schrieb am
    Bewertung:

    um auch mal so konstruktiv zu sein: ich finde die musik sehr ertragenswert!
    p.s. du warst wohl auch dabei?

    lg tina

  3. eerie schrieb am
    Bewertung:

    allein die beschreibung des anwesenden publikums bestätigt mich in meiner entscheidung, veranstaltungen dieser art zu meiden…

  4. Tina schrieb am
    Bewertung:

    gewisse resentiments mögen erlaubt und verbreitet sein..
    ich denke jedoch nicht, dass über ungehörte musik anhand des
    ungesehenen publikums, zumal polemisch beschrieben,
    geurteilt werden sollte..
    ich fühle mich im übrigen auch nicht der beschriebenen bevölkerungs-
    gruppe zugehörig und mags trotzdem. potzblitz!
    lg

  5. meessl schrieb am
    Bewertung:

    veranstaltungen dieser art freuen sich übrigens auch, wenn sie von frustierten griesgrämlingen gemieden werden. (urteile und pauschalisiere ich etwa in unkenntnis?: ein skandal!)
    der artikel gehört übrigens zum geilsten, was ich in letzter zeit gelesen habe. aber vielleicht liegt dass daran, dass ich entweder geiwi-texte oder rezensionen lese…

  6. Sickboy schrieb am
    Bewertung:

    Ein Trödelmärktlein am Eingang; Wurfspiele für die Junggebliebenen; wacklige Holztischchen mit Kerzen und Gurkenglasdeckeln als Aschenbecher, umhertollende Windelwichte, die über die Kackhäuflein zottiger Riesentölen fielen; langnasige Friedensaktivistinnen, deren steife Brustwarzen durch‘s Leinenhemd stachen…

    sowas braucht die welt. abgewichste hippies…

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