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Freiheit Light



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Zum aktuellen Album von Audioprojekt Die Stars
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Ahja, ich erinnere mich an ein Konzertlein der Dresdner vor Jahren im alten elbflorenzianischen Titty Twister: Damals betitelte man sich noch schlicht und ergreifend als Die Stars, fungierte als Vorband zu, ähm, wer war’s noch gleich, Fangorn, glaub’ ich, war angetan mit futuristisch-präpubertären Astronauten-Kostümen und zelebrierte eine Art avantgardistischen Fun-Rock.
Sänger und Bassist Stephan Reimann klang dabei wie Peter Murphy mit Zahnspange, Gitarrist Tibor Toth scheiterte als Background-Sängerin, Gitarrist Nummero Duo Elmar Dittrich gab sich stoisch wie ein Hydrant und Keyboarder Daniel Mensch zappelte wie ein Schellenäffchen. Immerhin: Trotz mäßiger Englischkenntnisse erarbeitete man sich mit dem 2001er Album „Plastic Puppet War“ in Szenekreisen gewissen Star-Ruhm, der Überflieger-Song „Sleeprunner“ war eine zeitlang Szenegespräch Nummer Eins, 2003 legte man ordentlich nach mit dem Album „Denial Of Service“, und 2004 gewann man gar den New-Chance-Award. Dann ward es ruhig…

Monate später ist man zum Audioprojekt Die Stars mutiert und spielt deftigen Sub- respektive Alternative Rock mit dezent linkpolitischer Attitüde und deutschen Texten. Zudem tauschte man Herrn Dittrich gegen Vetter Itt, oder besser, gegen Sir Henry, der nach der Auflösung seiner Stammformation Die Norm endlich ein Star werden mochte. Tastenmann Daniel hingegen zappelt noch immer; Sänger Stephan klingt nach wie vor etwas nach erwähntem Bauhaus-Aktivisten, hat aber den leichten Lispel-Faktor zu seinem Vorteil genutzt, um ein markantes Sangesorgan auszubilden, das ich fast sexy zu nennen versucht bin; und Gitarrist Tibor, die optische Inkarnation Andy Warhols, kann, zumindest live, noch immer nicht singen.

Kurz und gut, die Audioprojektanten sind ein schräges Völkchen, dem das vorliegende Album mit sieben Songs (inkl. Electro-Crossüber-Remix des Titeltracks) zwar zu kurz geraten, aber mit besagtem Titelsong, „Freiheit light“ also, ein grandioses Lehrstück alternativen Lebensgefühls gelungen ist. Ein Song, wie ihn König Rio von Deutschland nicht besser hätte formulieren, komponieren können, ein Song, der Brachialintellektuelle vom Schlage Die Sterne oder Tocotronic blass aussehen lässt. Textzeilen wie „Wir, die Jugend, Molotow und Barscheck, machen euern Scheißdreck nicht weg“, gepaart mit druckvollen Riffs, schönen Breaks, perfekten Drums, einem eingängigen Refrain und wütender Anti-Haltung machen diesen Song zu einem Aushängeschild neuzeitlicher Protestkultur. Agitprop im Digitalzeitalter, und das par excellence – Globalisierungsgegner dieser Welt vereinigt euch und fordert, mit diesem Song im Ohr, euer Mindestmaß an Freiheit light!

Schade nur, dass die folgenden Lieder im Vergleich zum famosen Titelsong etwas abbauen; vor allem „Sibille“, ein für den „Dresden (ba)rockt“-Sampler geschriebenes Liedlein, missfällt ob seiner allzu angestrengten Songstruktur sowie ob des kümmerlichen Dresden-Patriotismus’. Ähnlich verhält sich’s mit dem schwer Muse-inspirierten Stück „Wir gehen bei rot“, das auf bräsig-holprige Art dem Audioprojekt-Ego frönt und sich in Widerstands-Floskeln verliert. Dennoch, die verbleibenden Songs sind hörenswert, und das nicht nur, weil in „Zeitmarkt“ Cheffe Reiser zitiert wird, sondern auch deshalb, weil einerseits Herr Mensch sein Zappel-Syndrom zwecks angenehmen Tastenspiels im Zaume hält und andererseits das audioprojektile Gespür für eingängige Refrains deutlich zum Tragen kommt. Gut auch, dass die zweistimmigen Sangespassagen von Reimann und Toth so abgemischt wurden, dass Warhol-light seinen Frontmann eher atmosphärisch zu ergänzen denn vordergründig niederzusingen scheint – was live ja bereits mehrmals und gründlich in die Hosen ging. Schließlich der letzte echte Song „Paris“ (der mäßige, quadraverfuzzte „Freiheit light“-Remix zählt nicht), der ein überraschend wohliges Yann-Tiersen-Flair offenbart und zeigt, mit welchem Potential das Audioprojekt aufwartet.

Aber das, liebe Space-Cowboys a.D., wird euch seit geraumer Zeit nachgesagt, und langsam wird’s Zeit, mal ordentlich was zu reisern, ähm reißen. Jünger wird man schließlich nicht, und Straßenkampf mit Katheder und Gehilfe fetzt ebenso wenig. Also auf, und zwar im Stile des exzellenten Songs „Freiheit light“, der allein zwar noch kein rundum gelungenes Album ausmacht, den aber selbst olle Ché mit Sicherheit ins Gebets- und Liederbüchlein der Revolution hätte aufnehmen lassen, wenn’s damals in Bolivien nicht so schiefgelaufen wäre.

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1 Kommentar

  1. wallyLeary schrieb am
    Bewertung:

    i am so satisfacted. greetings wally

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