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Christoph Grissemann und Dirk Stermann: Die ersten Komiker, die nicht lustig sind



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Interview Teil 2
Bildquellen: Pressebereich der Agentur HOANZL, Fotograf: Udo Leitner (alle Rechte vorbehalten)

R.K.: Habt Ihr damit gerechnet, dass es ausgerechnet Die Deutsche Kochschau ist, die Euch jetzt etwas bekannter macht?
C.G.: Ja! Es ist unser bisher gefälligstes Programm. Es hat einen Best Of-Charakter und wir spielen Videos ein, von denen wir wissen, dass sie auf YouTube gut gelaufen sind. Dazu haben wir jetzt auch noch die Fernsehunterstützung: Hältst du in Österreich dein Gesicht in die Kamera, hast du gleich das doppelte Publikum. Deswegen ist dieses Programm auch das bislang erfolgreichste. Aber ich mache mir keine Illusionen: Wenn wir keine Fernsehsendung mehr haben, heißt es wieder: Hähnchen verkaufen!
R.K.: Habt Ihr Angst, dass Ihr durch Eure Naziparodien das falsche Klientel anlocken könntet?
C.G.: Wir hatten Angst, aber das hat sich Gott sei dank nicht bestätigt. Wir waren gestern in Brandenburg, was ja eine relative Neonazi-Hochburg sein soll… Aber: Keiner da!
D.S.: Letztes Jahr sind wir in Leipzig und Dresden aufgetreten. Weil man das durch die Medien so im Kopf hat, habe ich zuvor erstmal beide Theater fragen lassen, wie die Situation vor Ort ist. Die waren beide – zu Recht, wie ich heute weiß – ein bisschen angepisst, dass wir als Ösis glauben, dass hier überall Nazis rumlaufen. Aber medial hast du wirklich das Gefühl, dass es die falschen Leute ansprechen könnte. Das Vorurteil mit den Nazis gibt es schon. …und, dass in Baden-Württemberg alle Schüler bewaffnet sind.
C.G.: Mir war das eh’ klar, das war ja Stermanns Angst. Dass das von vornherein als Verächtlichmachung dieser jämmerlichen Gesinnung zu verstehen ist, sollte auch dem dümmsten Neonazi klar sein! Hätten wir aber gemerkt, dass tatsächlich irgendwelche abscheulichen Gestalten in unsere Programme kommen, hätten wir das sofort abgestellt.

R.K.: Welche Gerichte außer dem sagenumwobenen Nusspüree mit Dill gibt es denn noch in der Kochschau?
D.S.: Kein einziges! Und auch das, soviel kann ich sagen, rate ich nicht, nachzukochen.

R.K.: Zu einseitige Zutaten?
D.S.: Ja, und noch dazu war unsere Agentur so geizig, dass wir gar keinen echten Dill verwenden, sondern Kaninchenstreu. Kleingeschnitten ist das in der Menge wahrscheinlich billiger.

Stermann | Grissemann, Copyright by Udo Leitner“

R.K.: Wenn kabarettistische Äußerungen, wie Ihr sie über Jörg Haider gemacht habt, kritische Ausmaße annehmen, wie sehr hat man danach eine gewisse Schere und Selbstzensur im Kopf?
C.G.: Alle Äußerungen über Haider in Radio- und Fernsehsendungen waren in Wahrheit komplett harmlos. Die Sätze, die wir nach Haiders Tod gesagt haben, die hast du zur gleichen Zeit in jeder Kabarettsendung in Deutschland auch gehört. Der Skandal war es wahrscheinlich nur deswegen, weil es Österreicher gesagt haben. Da haben sich halt ein paar Kärntner aufgeregt, und das war dann eine Schlagzeile. Total lächerlich! Das kann zu keiner Schere im Kopf führen. Ich würde das jederzeit wieder machen, auch bei anderen politischen Figuren. Die einzige Schere in unserem Kopf ist, dass wir versuchen, über Opfer weniger Witze als über die Täter zu machen. Wobei – wenn ein Witz über Opfer gut ist, mach ich ihn auch!

R.K.: Das wäre dann also sozusagen Eure Grenze…
C.G.: Wenn großes Leid dahintersteht, muss man schon ein wenig aufpassen. Aber sonst darf es natürlich keine Grenzen geben. Das wäre ja noch schöner! Selbstverständlich muss alles erlaubt sein.

R.K.: Gibt es jemanden, den Ihr Euch gern noch vorknöpfen wollt, Euch aber noch nicht traut?
D.S.: Hemmungen hätten wir grundsätzlich nicht. Aber diese Art ist nicht der Grund, warum ich die Arbeit gern mache. Ich finde das leere Blatt Papier interessanter, wo man sich etwas überlegen muss. Irgendeine merkwürdige Welt zu schaffen, finde ich herausfordernder. Die Szenerie zur Kochschau, Nazis kochen zu lassen, finde ich lustiger, als einen Witz über Jörg Haider zu machen.
C.G.: Wobei ja die Kochschau oft missverstanden wird: Es ist ja überhaupt keine Naziparodie, sondern eine Kochschau-Parodie. Wir wollten nicht mehr diese coolen Jamie Olivers oder Tim Mälzers kochen lassen, sondern der Küche wieder Zucht und Ordnung zuführen. Das geht natürlich am besten mit zwei so vertrottelten Nazis!

R.K.: Ihr macht vieles, wenn ich vor allem an Eure Radiosendungen denke, aus dem Stegreif. Wie oft passiert es, dass Ihr Euch zwingen müsst, „lustig“ zu sein?
D.S.: Das Problem ist die Masse, die wir arbeiten. Darum trifft sich die Arbeit wahnsinnig selten mit der Lust, zu arbeiten. Es ist überwiegend ein Muss.
C.G.: Wir sind nicht wie Mario Barth, der zumindest den Eindruck erweckt, bei tatsächlich allen seiner unglaublich schlechten Witze auch Spaß zu haben. Bei uns generiert sich die Komik eher aus einer Art Grundverzweiflung und Depression. Das ist auch die Marktlücke, die wir gefunden haben: Wir sind die ersten Komiker, die nicht lustig sind.

R.K.: Ihr seid mittlerweile seit zwanzig Jahren ein Paar. Geht Ihr Euch jetzt nicht langsam auf die Nerven?
C.G.: Eigentlich immer, tendenziell. Aber dann auch wieder gar nicht. Das ist so wie in jeder Ehe. Wir schlafen getrennt. Getrennte Schlafzimmer haben sich ganz gut auf unsere Beziehung ausgewirkt. Von mir aus könnte es noch lang so weitergehen.

R.K.: Also habt Ihr keine Angst, zu enden wie Modern Talking…
D.S.: Nein. Aber ich fand immer ganz reizend, mithin auch traurig, die Wildecker Herzbuben. Die sind gemeinsam in einem Auto zu ihren Auftritten gefahren, hatten sich aber irgendwann nichts mehr zu erzählen. Seitdem fahren sie hintereinander her, in zwei verschiedenen Autos zu den Tourneeorten. Das ist zwar ein total krankes, aber auch irgendwie schönes Bild.
C.G.: Im Flugzeug sitzen wir nie nebeneinander… Das ist eine alte Regel, dass man uns bitte getrennt setzen sollte…
D.S.: …damit, wenn wir abstürzen, wenigstens einer von uns eine Chance hat.

R.K.: Ich danke Euch für das Interview, wünsche Euch weiterhin viel Erfolg. Und: Schlaft gut!
C.G./D.S.: Danke, Du auch!
R.K.: Ich liebe Euch!
C.G./D.S.: Du auch!

Herzlichen Dank an Udo Leitner an die Ermöglichung des „Kreuzverhörs“ und die Unterstützung mit Fotomaterial!

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3 Kommentare

  1. Frank schrieb am
    Bewertung:

    gäähhhn.. diese Typen sind an Sinnlosigkeit und Langeweile in ihrer Sendung auf RadioEINS kaum noch zu unterbieten.. nicht lustig ist stark untertrieben.. abschalten!!

  2. Sven Kaulfuß schrieb am
    Bewertung:

    @ Frank: Nun die Geschmäcker sind halt verschieden. An dieser Stelle muss ich allerdings persönlich eine Lanze für die Zwei brechen, und oute mich als Anhänger der so genannten „Nicht-Komiker“.

    Man hat halt die Wahl zwischen gezwungenem Brachial-Humor von Mario Barth und Konsorten, und einem leisen aber treffenden Stich von Stermann | Grissemann, Heinz Strunk, Olaf Schubert oder meinetwegen auch noch Harald Schmidt.

    Das war letztendlich schon immer so, um es mal etwas provokativ zu formulieren, verhält es sich dann ähnlich wie zwischen Fips Asmussen und Monty Python – wie gesagt man hat die Wahl ;-).

  3. Ricky Kokel schrieb am
    Bewertung:

    Was denn: Kaule, Du auch?! Schon interessant, wer sich letzte Zeit so als G&S;-Anhänger enttarnt… ;-)

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