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Christoph Grissemann und Dirk Stermann: Die ersten Komiker, die nicht lustig sind



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Interview Teil 1
Bildquellen: Pressebereich der Agentur HOANZL, Fotograf: Udo Leitner (alle Rechte vorbehalten)

Sie sind die österreichische Antwort auf Harald Schmidt: Wo dessen Humor endet, scheint jener der beiden Alpensatiriker erst anzufangen. Vor nunmehr zwanzig Jahren begannen sie als Radiomoderatoren mit ihren Seitenhieben die Welt und andere Unfälle zu erklären. In Österreich nicht erst seit der Ehrung mit dem Salzburger Stier 2002 Kult, erobern die Multitalente mit ihrer „Deutschen Kochschau“ nun endgültig den nördlichen Nachbarstaat. Ich ergriff die seltene Chance, Christoph Maria Grissemann und Dirk Stermann in Dresden für ein „totales Interview“ zur Rede zu stellen.
R.K.: Es soll noch immer Leute geben, die Euch nicht kennen. Bitte eine kurze Zusammenfassung: Wer sind Christoph Grissemann und Dirk Stermann?
Dirk Stermann: Wir sind Radiomoderatoren, die auf die Bühne und ins Fernsehen geschmissen worden sind…
Christoph Grissemann: Wir haben vor zwanzig Jahren bei Ö3 angefangen und sind 1995 zum eben gegründeten FM4 gewechselt, wo wir uns bis heute gehalten haben. Seit 1998 haben wir auch noch eine wöchentliche Radiosendung bei radioeins. In Wahrheit ist das auch das einzige, was wir wirklich gut können: Radio. Ich glaube, wir sind gute Radiomoderatoren, durchschnittliche Bühnenkünstler und sehr schlechte Fernsehmoderatoren.

R.K.: Ihr wart doch auch einmal Hauptdarsteller in Eurem Kinofilm „Immer nie am Meer…“
C.G.: Der Film?! Achso, ja. Der war auch ein Flop… Als Schauspieler können wir uns gleich gar nicht bezeichnen. Deswegen rede ich auch nicht von dieser Profession.

R.K.: Ihr wart erst Geheimtipp in Österreich, wurdet per Radio, Fernsehen und Film in der Alpenrepublik weltberühmt und Kult. Über den Äther und Auftritte habt Ihr Süddeutschland und auch Brandenburg erobert, mit Eurer „Best Of“-DVD kennt und liebt Euch nun ein immer größer werdendes Publikum. – Wie fühlt man sich, wenn man zum Mainstream wird?
D.S.: Wenn Du Dir die Verkaufszahlen unserer CDs und DVDs anschaust und wenn Du siehst, wie viel Leute in Deutschland in unseren Film gegangen sind, wäre es vermessen, von Mainstream zu reden. Sicher ist es so, dass wir heute viel bekannter sind als in unseren Anfangsjahren. Wenn man solange arbeitet, gibt es immer mehr Leute, die dich irgendwo mitbekommen haben und das aus irgendeinem Grund mochten. Man wird halt dadurch immer mainstreamiger, dass man permanent präsent ist, wie das bei uns auf kleiner Flamme seit zwanzig Jahren der Fall ist. Mich würde es aber auch nicht stören, wenn ich deswegen nicht etwas anderes machen muss.

R.K.: Welche Berührungspunkte hattet Ihr bislang mit Dresden?
D.S.: Ich war letztes Jahr im Urlaub in Israel und habe einen Dresdner kennen gelernt. Außer einem ersten Auftritt hier im letzten Jahr war das mein einziger Kontaktpunkt. Und heute sind wir mit dem Bus nach Dölzschen gefahren. Der war so voll, dass wir stehen mussten. Wir dachten erst, hier ist irgendwo ein Volksfest. Da kam dann die Ansage: Nächste Station Arbeitsamt…
C.G.: Das ist bei mir ähnlich. Aber wir waren heute auch in einem russischen Restaurant und haben Nudelsuppe gegessen. Aber das ist für Dresden wahrscheinlich nicht so wahnsinnig typisch, oder? – Die Leute sind sehr freundlich, das Hotel ist sehr nett. Mittlerweile gleichen sich die Städte ohnehin immer mehr an. Es gibt keinen großen Unterschied mehr zwischen Salzburg und Dresden: Überall Autos, russische Restaurants und Internet.

R.K.: Apropos angleichen: Könnt Ihr Humorunterschiede zwischen Österreich, Deutschland und Brandenburg feststellen?
D.S.: Es hängt immer davon ab, ob du aus der Stadt kommst oder nicht. Wenn du ein Landei bist und nicht so viel mit Kabarett in Kontakt kommst, findest du das, was wir machen, vielleicht etwas hart.
C.G.: Ich kann nicht darüber reden, wie humorvoll die Leute sind, weil ich ja die Witze mache. Die Leute hören nur zu und machen keine, wenn ich auftrete. Ich kann nur darüber reden, wie sie Witze empfangen. Und da merke ich schon, dass ich mich in Österreich weiter aus dem Fenster lehnen kann, ohne dass das Publikum empört ist. In Berlin stöhnen die Leute bei ganz harten Gags über Selbstmord oder Nationalsozialismus, ob denn das wirklich sein muss. So was macht in Österreich jeder zweite Kabarettist seit Jahrzehnten.
Der österreichische Humor scheint mir böser und brutaler zu sein als der deutsche. Dafür ist der deutsche bei vielen etwas professioneller, ausgetüftelter und feiner. Man kann auch keine Hitliste aufstellen, wessen Humor nun der bessere ist. – Nur die Schweizer haben einen relativ schlechten Humor. Ich kenne jedenfalls keinen relevanten schweizer Komiker.

R.K.: Gibt es auf dem Humoristenterrain Persönlichkeiten, die Ihr etwas mehr schätzt als andere Kollegen?
D.S.: Ich finde es unheimlich geil, wenn ich etwas scheinbar Vergessenes neu entdecken kann, was zu einem Humorkosmos gehört, der dem eigenen sehr entspricht. Heino Jäger ist so ein Fall, der in den 70er Jahren großartige humoristische Arbeit geleistet hat.
C.G.: Bei mir ist es so, dass ich eindeutig schon als Jugendlicher humormäßig sozialisiert worden bin durch Gerhard Polt und Loriot. Das sind immer noch untastbare Granden. In der Disziplin, die sie beackern, sind sie grandios.

Stermann | Grissemann, Copyright by Udo Leitner“

R.K.: Eure Präferenzen habt Ihr schon angesprochen…
C.G.: In Wahrheit bin ich total radiomüde. Ich glaub, ich kann’s nur ganz gut. Aber ich möchte es eigentlich nicht mehr machen. Die Dinge, die ich neben meinem Radiojob mache, kann ich weniger gut. Aber das gibt halt viel mehr Geld. Wir arbeiten immer bei Radiosendern, die total unterbudgetiert sind, FM4 und radioeins. FM4 ist noch dazu ein ausgewiesener Jugendsender und als mittlerweile 42-Jähriger muss man da auch irgendwann an einen Abschied denken. radioeins ist ein Sender in Brandenburg, ich wohne in Wien. Die Sendungen müssen immer dorthin verschickt werden, da ist auch kein Live-Feeling mehr da…
Also ich hätte nichts dagegen, mich vom Radio total zu verabschieden. Was zur Konsequenz hätte, dass ich danach nur noch ein halbes Jahr Fernsehen machen kann, um dann dort rausgeschmissen zu werden. Dann müsste ich mich auf mein drittes Standbein, die Schauspielerei, verlassen, was das schwierigste wäre.

R.K.: Wo seht Ihr Euch demnach in zehn, zwanzig Jahren?
C.G.: Gute Frage, ich weiß es nicht. Am ehesten sehe ich mich vielleicht als Edelstatist bei diversen deutschen TV-Serien in der Art von Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

R.K.: Steht Ihr lieber auf der Bühne, oder fühlt Ihr Euch in Radio und Fernsehen wohler?
D.S.: Das ist ganz unterschiedlich. Radio ist das angenehmste, weil wir dort nichts überprüfen müssen. Auf der Bühne ist mehr Druck, weil du immer die Situation und das Gegenüber kontrollieren musst. Wenn wir da das Publikum nicht erreichen, ist das ein psychisches Stahlbad.
Und im Fernsehen musst du doppelt prüfen: Da sind zum einen die Studiozuschauer bei der Aufzeichnung, was schon Stress ist. Dann hast du auch noch die Leute zu Hause am Apparat und die ganzen Kritiker, von denen du am nächsten Tag auch noch lesen musst, wie schlecht du bist. Deswegen ist Fernsehen so wahnsinnig anstrengend.

R.K.: Wie geht Ihr mit Kritik um?
D.S.: Schlecht. Mich trifft das. Die ist immer gemein. Es macht mich auch um keinen Deut besser.

R.K.: Wenn es auch einmal schlechte Auftritte gab: Wo seht Ihr Euren größten Flop?
D.S.: Unser größter Flop war…
C.G.: …ein Auftritt in Potsdam.
D.S.: Ach, das gab mehrere Flops!
C.G.: In Potsdam, ich kann mich auch noch gut erinnern, waren wir vor acht Jahren in der Potsdamer Philharmonie gebucht, wo fast 1.000 Leute reinpassen. Gekommen sind ganze 18, die auch noch versprengt im ganzen Saal gesessen haben. Das war natürlich ein Irrsinn. Der Hausmeister meinte, so wenige Leute hätte er noch nie gesehen.
D.S.: Noch nicht mal beim Kindertheater…! Dabei arbeite er dort schon seit zehn Jahren.
C.G.: Also Publikumsflops haben wir schon einige hingelegt…
D.S.: Das Deprimierendste war mal ein ganz früher Auftritt, wo wir bei einer Art „Jugendparty“ auf einer Burg vor 1.000 betrunkenen Jugendlichen auftreten sollten. Wir fingen also an, und da kam sofort der Veranstalter: „Bitte hört sofort auf und sagt nur noch, dass es Hähnchen gibt.“ Das haben wir dann getan, und das war dann unser Auftritt. Dann wollte man uns nicht bezahlen, weil wir Kommunisten seien und so schlecht. Und schwul wären wir auch. Veranstaltet hat das übrigens der Sohn vom Dorfpolizisten. Da kam der Polizist in Uniform und sagte, er zahlt nix.
C.G.: Unser Veranstalter hat geweint zum Schluss, richtig geweint.

R.K.: Gibt es dann auch einen Abend, der positiv über allem steht?
D.S.: Mir hat unser Auftritt vor DJ Ötzi auf der Donauinsel in Wien sehr gut gefallen. Das war ein Gratisfestival vor 150.000 Leuten!
C.G.: …von denen natürlich kein Einziger wegen uns gekommen ist. Aber in unserer Biografie werden wir das weiterhin reinschreiben: Sind vor 150.000 Leuten auf der Donauinsel aufgetreten!
D.S.: Weil es schon dunkel war, hatten die dann ihre Feuerzeuge an, wenn auch nur 1.000 von denen – aber das sieht trotzdem geil aus. Da hast du kurz das Gefühl, dass du Robbie Williams bist.

Teil 2 des Interviews erscheint noch diese Woche im CyberBloc!

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