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Angenehm betäubt



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David Gilmour „Live In Gdańsk“ (EMI-Records)
Voller Vorfreude standen die Fans lange in den Startlöchern, um den Livemitschnitt von David Gilmours Tourfinale vor 50.000 Fans in der Schiffswerft Gdansk aus dem Jahr 2006 endlich ergattern zu können und damit die zweite Veröffentlichung seiner Tour zum Solo-Album „On An Island“ nach „Remember That Night – Live At The Royal Albert Hall“ in den Händen zu halten. Dass dem Veröffentlichungsdatum vier Tage zuvor am 15. September der schwarze Montag mit dem überraschenden Ableben des Pink Floyd-Keyboarders Richard Wright zuvor kam, gibt dem Ganzen einen sehr bitteren Beigeschmack. Auch wenn das Machwerk ohne dieses Ereignis recht bald auf den obersten Plätzen der Hitlisten des Erdballs zu finden gewesen wäre, so dürfte es mit Verlaub durchaus verkaufsfördernd wirken.
„Live In Gdansk“ ist in nicht weniger als fünf (!) Formaten zu haben: Angefangen von der Doppel-Audio-CD über den Tripple-Player mit beigefügter Konzert-DVD (inklusive einer halbstündigen Dokumentation) reicht es bis zu einem 4er Set mit einer zweiten DVD, auf der ausgesuchte Livemitschnitte und Sessions zu sehen sind und zudem das Gilmour-Album „On An Island“ im 5.1-Klang zu hören ist. Wem das noch immer zu wenig ist, darf zur Buchkassette greifen, in der neben besagtem 4er-Pack noch eine weitere Audio-CD mit Livemitschnitten aus anderen Auftritten der Tour zu finden ist. Darüber hinaus wird der Fan mit einem 20seitigen Booklet, hochwertigen Fotoabzügen und weiteren Devotionalien wie einer Eintrittskarten-Replik oder einem Gilmour-Plektrum beglückt. Und last but not least gibt es auch eine Version für die Freunde des guten, alten Vinyls: Fünf schwarze Scheiben lassen den heimischen Schallplattenspieler in den Genuss des Konzertabends kommen, die zudem mit der exklusiven Veröffentlichung von „Wot’s Uh… The Deal“ ein besonderes Bonbon bereithalten..

Auch wenn die Cover im wahrsten Sinne des Wortes aus Pappe sind (Gilmour engagiert sich für den Klimaschutz und läßt sie „non carbon“ produzieren): Das Konzert an sich kommt in bestechender Ton- und (auf den DVDs) Bildqualität einher – ganz dem Pefektionisten Gilmour angemessen. Tontechnisch ist das Konzert auf der Konserve exzellent abgemischt wahlweise in Dolby Digital Stereo oder in Dolby Digital 5.1 zu hören. Zum besseren Verständnis der Ansagen kann man aus Untertiteln in acht Sprachen wählen. Die Bilder im 16:9-Format stehen dem durch den Audioteil hoch geschraubten Anspruch in nichts nach. Das Bild erscheint gesättigt, die Farben dennoch natürlich und gut voneinander getrennt – ein Rauschen oder gar Artefakte sucht man vergeblich. Alles in allem eine dichte Atmosphäre, mit der ein historisches Konzert beeindruckend für die Nachwelt konserviert wurde.

Gilmours Show ist sicher nicht so opulent wie er noch Mitte der 90er Jahre mit Pink Floyd und ihren legendären „P.U.L.S.E.“-Konzerten Maßstäbe für die Ewigkeit setzte. Dennoch sind auch hier durchdachte und mitnichten sparsam eingesetzte Licht- und Laserspiele ständige Begleiter. Und während der „P.U.L.S.E.“-Mitschnitt die Fähigkeit offenbart, nahezu perfekte Kopien von Studioaufnahmen live spielen zu können, lassen sich die Darbietungen dieses Mal nicht an die Kette legen. Dem fulminanten Spiel setzen sechs Bildschirme am „Himmel“ des Bühnenbildes die „Krone“ auf, die einen jeden der sechs Solomusiker so dem Publikum näher bringen sollen.

Dieses Sextett besteht zu einem Großteil aus guten Bekannten – oder um es mit anderen Worten zu sagen: Wo David Gilmour draufsteht, ist eigentlich Pink Floyd drin! Das zielt zum einen auf die Setlist ab, die zu einem guten Teil mit Titeln der Superband bestückt worden ist; zum anderen auf das Personal, das den Briten an diesem Abend auf der Bühne unterstützt. Zu allererst sei da der Pink Floyd-Keyboarder und Gilmour-Kumpel Richard Wright zu nennen, der mit dem PF-Song „Wearing The Inside Out“ (nur auf den 4/5er Sets zu hören und zu sehen) seinen eigenen Auftritt bekommt. Er dürfte auch der heimliche Star des geschnürten Paketes sein: Spätestens, wenn Gilmour seinen berühmten Fender-Lauf im finalen „Comfortably Numb“ startet, jagt es einem neben einer gewaltigen Gänsehaut auch die Tränen der Gewißheit in die Augen, das mit dem Tod des Pink Floyd-Keyboarders auch der Traum der ersehntesten Wiedervereinigung der Rockgeschichte gegangen ist. Dass dieser ein Meister seines Fachs ist, beweist er vielfach an diesem Abend: Stellvertretend sei an dieser Stelle nur das brillante Zusammenspiel zwischen Wright und Gilmour beim PF-Klassiker „Echoes“ genannt. Weiterhin: Bassist Guy Pratt und Saxophonist Dick Parry standen bereits mit Pink Floyd auf der Bühne – nicht zuletzt auf der bereits erwähnten „P.U.L.S.E.“-Tour. Auch Keyboarder Jon Carin spielte lange Zeit mit den Floyds und war zuletzt mit Roger Waters unterwegs. Außerdem stehen Phil Manzanera (Roxy Music-Gitarrist und Co-Produzent von „On An Island“) und Drummer Steve Di Stanislao, (u.a. schon mit Crosby and Nash unterwegs), auf den Brettern in der Schiffswerft. Und nicht zu vergesssen die 40 Streicher des Sinfonieorchester der Baltischen Philharmonie unter der Leitung Zbigniew Preisners, der auch für die Orchesterarrangements des Studioalbums „On An Island“ verantwortlich ist. Diesem Ensemble ist auch die erstmalige orchestrale Aufführung der Floyd-Hits „High Hopes“ und „A Great Day For Freedom“ zu verdanken. Ein Genuss ganz besonderer Güte. Der Meister selbst begeistert die Masse zum Abschluss seiner Tournee zwar mit heiserer, teils brüchiger Stimme, ist trotz allem aber in Hochform: Seine Spielfreude ist ungetrübt – egal, ob an Mikrofon, Gitarre oder Saxophon.

Fazit: Für Pink Floyd- und David Gilmour-Fans im speziellen ist „Live In Gdansk“ – trotz des Mitschnittes in der Royal Albert Hall – ein absolutes Muß. Allen anderen sei ein Hereinhören und/oder –sehen wärmstens empfohlen.

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1 Kommentar

  1. derIch schrieb am
    Bewertung:

    Danke für den schönen Bericht! Ich muß zugeben, ich hatte beim Lesen schon eine Gänsehaut. :) Jetzt weiß ich endlich, was ich mir selbst zu Weihnachten schenken werde. D

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